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2.1.2005
Karin Hartewig: Das Auge der Partei. Fotografie und Staatssicherheit
Christoph Links Verlag, 2004
Vorgestellt von Bernd Wagner

Karin Hartewig: Das Auge der Partei (Coverausschnitt) (Bild: Christoph Links Verlag)
Karin Hartewig: Das Auge der Partei (Coverausschnitt) (Bild: Christoph Links Verlag)
Unter den zahllosen in der Birthler-Behörde gelagerten Fotografien finden sich einige besonders makabre Aufnahmen, die auf der Feier zum 50. Geburtstag des späteren Leiters der Berliner Bezirksverwaltung des MfS, Siegfried Hähnle, entstanden sind. Indem die Referatsleiter in die Kostüme ihrer Untersuchungsobjekte schlüpften, versuchten sie die Personen, Ideen und Objekte der Gegenseite zu verspotten.

Zur allgemeinen Belustigung verliest der katholische Bischof, die mächtige Tiara auf dem Kopf und in vollem Habit, seine Rede für den Jubilar aus einem sakral anmutenden Folianten. Der schon in die Jahre gekommene Jugendliche im FDJ-Hemd und mit Baseballmütze; der Leichtathlet und der Fußballer im Sporttrikot; die Primaballerina im Tutu, deren Männerbeine in Militärstiefeln stecken; der Professor im Talar; der Hooligan mit Kutte und Fan-Abzeichen, der HNO-Arzt in Weiß, der die Krankenschwester - eine verkleidete Puppe - auf dem Arm hält; und der friedensbewegte Oppositionelle, der sich mit Buttons schmückt und zeitweise eine Kamera trägt, sie alle nehmen in lockerer Runde Aufstellung hinter dem Kirchenfürsten.

Diese Aufnahmen gehören zu dem etwas kleineren Teil der fotografischen Hinterlassenschaft des MfS, in dem sich der Geheimdienstapparat selbst repräsentiert und besonders gern in entspannter Atmosphäre ablichten lässt: beim "Pause machen" und bei Ordensverleihungen, auf Betriebsausflügen, Jagdgesellschaften und Sportfesten, auf Reisen nach Moskau und Kuba.

Der größere Teil der rund 1,3 Millionen Fotopositive, Negative, Dias sowie rund 5750 Filme war für das MfS allerdings Arbeitsmaterial. Es umfasste Observations- und Ermittlungsfotos, Schulungsmaterial, kriminalistische Beweis- und Tatortfotografien sowie Aufnahmen zur Identifizierung und Registrierung mutmaßlicher Staatsfeinde. Die Fotos wurden bearbeitet und zugeordnet, gelegentlich zu regelrechten "Fotoromanen" montiert, auf blassgelbe "Anlagekarten" geklebt oder in Briefumschlägen den Ermittlungsakten beigefügt; sie wurden als Vorlage für Verhörstrategien und zur Konstruktion von Beweisen verwendet, existierten aber nach außen nicht, da sie weder in Vernehmungen noch in öffentlichen Prozessen vorgelegt werden durften.

Karin Hartewig hat sich mit der Gründlichkeit der Historikerin durch diesen Berg gearbeitet und ihre Erkenntnisse in einer Publikation festgehalten, die über das eigentliche Thema hinaus zu einer ebenso lesens- wie betrachtenswerten Geschichte der Staatssicherheit und ihrer Opfer geworden ist. In dem Maße, wie man von den schnellen Verhaftungen, erzwungenen Geständnissen und nichtöffentlichen Prozessen der 50er Jahre zu kriminalpolizeilichen Methoden überging, wurde die fotografische Kontrolle für das MfS immer wichtiger. Besonders nach dem Mauerbau richteten sich die Objektive mehr und mehr auf die eigenen Bürger. Allein zwischen 1969 und 1974 hatten sich in den Bezirken die Beobachtungsaufträge verdoppelt, die Observationen wegen "Republikflucht" verfünffacht. Der Glaube an die Evidenz des Sichtbaren forcierte ein immenses Wachstum der Fotodokumentationen.

Fotografiert wurde sowohl von hauptamtlichen als auch von inoffiziellen Mitarbeitern, speziell auch von so genannten U-, das heißt "unsichtbaren" Mitarbeitern, die in Brigaden von vier bis sechs Mann in konspirativen, stets in Parterre gelegenen und mit zwei Ausgängen versehenen "U-Wohnungen" tätig waren.

Bei der Tarnung war persönliche Initiative gefragt. Kameras wurden in "Wegwerftarnungen" wie Plastiktüten und Tageszeitungen versteckt, in Damenhandtaschen und Brustbeuteln, in den Benzinkanistern an den Tankstellen der Transitstrecke und in Gießkannen auf Friedhöfen. Übrigens, auch die "Inoffiziellen Mitarbeiter" durften Verbesserungsvorschläge einreichen. 1985 wurde im Bezirk Suhl beispielsweise ein aus vier weiblichen "IM's" bestehendes "Neuererkollektiv" zur Prämierung mit 600 Mark für die Entwicklung des Fotomodells "Wiese" vorgeschlagen.

Die Fotomaske "Wiese" besteht aus einem modischen Sommerkleid. Als Kamera kommt das Modell "Ammer" zur Anwendung. Zum Halten und Befestigen der Kamera wird ein, entsprechend dem Anwender, passender BH verwendet. Das Kleid besteht aus leichtem Baumwollstoff. Auf Höhe des vorgesehenen Lichteinfalls zur Kamera ist dünnmaschiger Spitzenstoff in Form eines Musters eingesetzt. Die Kamera "Ammer" wird am käuflich erworbenen BH (spezielles Modell beachten - siehe Foto) Mitte Brust befestigt und durch natürliches Anliegen gehalten. Das Kameraobjektiv wird bei dem speziellen BH durch die serienmäßige Öffnung gesteckt.

Der im Ministerium grassierende Fotografierwahn wird deutlich an den einzelnen "Operativen Vorgängen", die die Autorin näher beleuchtet. Im Falle Robert Havemanns etwa dokumentieren die hinterlassenen Fotos den Wandel des Bildes, das von ihm vermittelt werden sollte: vom "Antlitz des Fortschritts" als Philosophieprofessor, der jungen FDJlern den Weg weist, bis zur "Visage" des politischen Gegners.

Eine besondere Herausforderung stellte für die Tschekisten der Jenaer Dissident Roland Jahn dar, weil er sich bei seinen Selbstinszenierungen ebenfalls der Fotografie bediente. Von seiner Maskerade als eine die Maiparade abnehmende Kreuzung aus Hitler und Stalin fertigte er Fotopostkarten an; und als die Stasi eine Stele, die an den in Haft umgekommenen Freund Matthias Dommaschk erinnerte, vom Friedhof abtransportierte, war er zu Stelle, um die Genossen bei ihrer Arbeit zu fotografieren und die Bilder im "Stern" zu veröffentlichen.
Er und seinesgleichen waren es auch, die nicht zuletzt mithilfe filmischer Dokumentationen die Stasi und das von ihr gestützte System zu Fall brachten. Am 18. 10. 89 informierte Mielke die Leiter aller Diensteinheiten, dass

Videokameras bester Qualität (klein, handlich, witterungsbeständig, TV-geeignet und einfach zu bedienen)

in die DDR geschleust werden sollten. Doch zu spät. Tatsächlich hatte Roland Jahn bereits kurz nach seiner Abschiebung in den Westen seinen Freunden Adam Rakowski und Siegbert Schefke Videokameras besorgt. Als sich am 9. Oktober 1989 bei der ersten Montagsdemonstration 70.000 Menschen durch das Stadtzentrum von Leipzig bewegten, filmten sie das Ereignis von einem nahen Kirchturm. Am nächsten Tag wurden die Aufnahmen in den "Tagesthemen" gesendet und zeigten den Anfang vom Ende der DDR.

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