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9.1.2005
Peter Kruse (Hrsg.): "Bomben, Trümmer, Lucky Strikes - Die Stunde Null in bisher unbekannten Manuskripten"
Wjsverlag, Berlin 2004
Vorgestellt von Rolf Schneider

Peter Kruse (Hrsg.): "Bomben, Trümmer, Lucky Strikes", Coverausschnitt (Bild: Wjsverlag)
Peter Kruse (Hrsg.): "Bomben, Trümmer, Lucky Strikes", Coverausschnitt (Bild: Wjsverlag)
Der Zeitpunkt für die Publikation ist günstig. Unser Bewusstsein wie selbst unser Büchermarkt werden überschwemmt von Retro-Erzeugnissen. Im Mai wird sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 60. Male jähren, und wie immer zu solchen Anlässen werden Neuerscheinungen präsentiert. Der große Vorzug von Kruses Sammlung ist Authentizität. Kruses Beiträger erzählen unter dem Eindruck der Unmittelbarkeit und im stilistischen Duktus jener Jahre.

Es finden sich Literaten zu Nicht-Literaten. Unter Letztere gehört Arthur Werner, erster Berliner Oberbürgermeister nach der Kapitulation, von Beruf Architekt und ein Mann mit untadeliger politischer Vergangenheit. Eingesetzt hatten ihn die Sowjets. Jetzt liefert er ein Porträt von Generaloberst Nikolai Bersarin, dem ersten sowjetischen Stadtkommendanten, der, wie auch manche seiner Mitarbeiter, ein offenbar kluger und geschickter Mann war; von der Härte und Brutalität des Stalinismus zeigte er nichts.

Man spürte, dass man einem Menschen mit fühlendem Herzen gegenüberstand. Diese in seinem Wesen wurzelnde Menschlichkeit ließ Bersarin auch stets eine entsprechende persönliche Note finden.

Dann gibt es den Bericht einer Lehrerin, die von den Schwierigkeiten des wieder anhebenden Schulunterrichts erzählt. Die Schauspieler Hans Nielsen, Victor de Kowa und Hubert von Meyrinck schildern die Mühen und Wonnen der neu beginnenden Theaterarbeit. Das Schicksal einzelner Stadtadressen wird vorgestellt: der Museumsinsel, des U-Bahnhofs Mehringdamm, des Restaurants Aschinger, der Elektrofirma Siemens, des Kurfürstendamm. Immer wieder greift man zurück auf die letzten Tage vor der Kapitulation.

Die letzten Tage ... Die Welt war der eigene Keller, falls der noch hielt. Ohne Licht war diese Welt oder doch nur erleuchtet von den Resten einiger Kerzen. Das Wasser war seit Tagen versiegt. Man trank die rostige Flüssigkeit, die aus den geöffneten Tanks der Warmwasserheizung kam. Der letzte Koffer war unsere Heimat. Draußen tobte das Inferno. Lugte man hinaus, sah man eine hilflosen deutschen Tank sich durch die Glut der Häuserzeilen schieben, halten, schießen, beidrehen. Hin und wieder stolperte ein Zivilist, von Deckung zu Deckung stürzend, über den aufgeborstenen Fahrdamm. Eine Mutter jagte mit einem Kinderwagen aus einem angeschossenen, brennenden Haus in die Richtung des nächsten Bunkers. Tieffliegerbrummen.

Der Autor dieses Beitrags heißt Friedrich Luft. Er war in dem Funkhaus, das diese Buchbetrachtung sendet, über Jahrzehnte hinweg ein geschätzter Mitarbeiter, mit seiner sonntäglichen Kolumne "Die Stimme der Kritik". In Berlin und da zumal bei den Leuten des kulturellen Lebens ungemein populär, war er ein passionierter Theaterkritiker und ein ebenso leidenschaftlicher Berliner.

Theaterkritiken verfasste auch Fritz Erpenbeck. In Kruses Band berichtet er von den Anfängen der "Berliner Zeitung". Soeben zurückgekehrt aus sowjetischer Emigration, sollte er sich bald darauf einen unguten Namen machen als prinzipieller Kritiker Bertolt Brechts, dessen streng stilisierte Bühnenpraxis den stalinistischen Kunstvorstellungen widersprach und daher als formalistisch galt, was ein ästhetisches Todesurteil war. Erpenbeck wurde ausersehen, die entsprechende Argumentation zu vertreten. Der große internationale Erfolg Bertolt Brechts wie auch, vor allem, der Tod des Kreml-Diktators, mit dem zusammen dessen Kunstdoktrin unterging, ließen Erpenbecks Angriffe scheitern.

Dass er, der für das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" schrieb, hier gemeinsam mit Friedrich Luft auftritt, der für Zeitungen des Springerverlags arbeitete und für das amerikanische lizenzierte Radio RIAS, lässt noch etwas ahnen von den Gemeinsamkeiten des Aufbruchs unmittelbar nach 1945. Ein in der unmittelbaren Nachkriegszeit gut bekannter Kabarettist namens Horst Lommer äußert sich satirisch, ebenso wie der andere Brettlautor Günter Neumann.

In Nachkriegsberlin spielt sich vieles an falscher Stelle ab: Im Kino musizieren die Philharmoniker, auf der Herrentoilette kann man Konfekt kaufen, in den Schulen sind Krankenhäuser eingezogen, in manchen Rathäusern sieht man Theatervorstellungen. Ich wünschte, dass man noch mehr Dinge am unrechten Ort fände. Beispielsweise die Menschenfreundlichkeit in einer Behörde.

Immerhin:

Das Leben in Berlin ist fast wie im Paradies. Man hat kaum etwas anzuziehen und dauernd das unangenehme Gefühl, dass man eines Tages vertrieben werden könnte.

Neumann, der die Revue "Schwarzer Jahrmarkt" verfasste und später das antikommunistische RIAS-Kabarett "Die Insulaner", war stets ein Mann des politischen Westens, im Unterschied zu Lommer, der aus dem Osten in den Westen wechselte, ebenso wie der Romancier Heinz Rein, ebenso wie der Literaturwissenschaftler Alfred Kantorowicz. In Kruses Anthologie stehen sie beieinander und suggerieren eine Gemeinsamkeit, die spätestens mit Währungsreform, Berlin-Blockade, politischer Zweiteilung der städtischen Administration und Kaltem Krieg dahin war.

Der umfänglichste Beitrag stammt von Karena Niehoff. 1991 im Alter von 70 Jahren verstorben, wurde sie vornehmlich bekannt als Filmpublizistin, als Korrespondentin von Berliner "Tagesspiegel" und "Süddeutscher Zeitung". Sie war eine glanzvolle Journalistin; ihre Tagebuchaufzeichnungen zwischen dem 18. April und 15. Juli 1945 sind eine tief beeindruckende Lektüre und halten jeden Vergleich aus mit dem Buch der Anonyma, das jüngst die Bestsellerlisten erklomm. Hinter Anonyma verbarg sich eine mit den Nazis kollaborierende Publizistin. Karena Niehoff war von jüdischer Abkunft und gezwungen, in Hitlerdeutschland illegal zu leben.

Einen wesentlichen Unterschied zwischen der Zeit, die ich mich vor den Nazis versteckte, und jetzt, wo sich die (noch) vor uns verstecken, habe ich doch schon entdeckt: Hatte ich damals schlecht und hungrig gelebt, ohne zu arbeiten, so muss ich jetzt, um dasselbe zu dürfen, auch noch "werktätig" sein. Ohne Arbeitsnachweis ist auch das Hungern nicht erlaubt, sondern nur das Verhungern.

Eine Notiz aus Frühsommer 1945. Alles Berlin wurde damals noch von den Sowjets kontrolliert. Wieso jemand mit solcher Biografie in Berlin blieb oder nach Berlin zurückkehrte, ist schwer nachzuvollziehen.
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