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16.1.2005
Thomas Mann: Briefe II 1914 - 1923
S. Fischer Verlag, Frankfurt/ Main 2004
Vorgestellt von Joachim Scholl

Thomas Mann mit Frau Katia und Tochter Erika (Bild: AP)
Thomas Mann mit Frau Katia und Tochter Erika (Bild: AP)
Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Thomas Sprecher, Hans Vaget und Cornelia Bernini

Zeitlebens hat es ihn in Rage gebracht - aber einmal, einmal nur machte es Thomas Mann kaum etwas aus, lediglich zweite Wahl zu sein. Zur Musterung einbestellt, wurde der prominente Autor der "Buddenbrooks" von einem stark beeindruckten Stabsarzt im August 1914 als "ungedienter Landsturm, Zweites Aufgebot" eingestuft und damit vom Kriegsdienst zunächst freigestellt; es sollte dabei bleiben. Wenige Tage zuvor hatte er an seinen Bruder Heinrich geschrieben:

Ich bin immer noch wie im Traum - und doch muss man sich jetzt wohl schämen, es nicht für möglich gehalten und nicht gesehen zu haben, dass die Katastrophe kommen musste. Welche Heimsuchung! Wie wird Europa aussehen, innerlich und äußerlich, wenn sie vorüber ist? (...) Muss man nicht dankbar sein für das vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen? Mein Hauptgefühl ist eine ungeheuere Neugier - und, ich gestehe es, die tiefste Sympathie für dieses verhasste, schicksals- und rätselvolle Deutschland.

Diese Sympathie bringt Heinrich Mann nicht auf. Er ist von Anfang an gegen den Krieg. Am 13. August verfügt die Zensur, den seit Januar laufenden Vorabdruck seines anti-wilhelminischen Romans "Der Untertan" einzustellen. Heinrich Mann nimmt den Kampf an anderer publizistischer Stelle wieder auf, er steht bald ziemlich allein.

Bruder Thomas sieht sich im Einklang mit vielen deutschen Dichtern, die begeistert patriotisch, ja chauvinistisch die Kriegserklärung Deutschlands an die Mächte der Entente - Frankreich, England und Russland - begrüßen. Der eiserne, sozialkritische Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann singt in einem Gedicht "O mein Vaterland, heiliges Vaterland", Richard Dehmel, einst frühester Förderer Thomas Manns, meldet sich freiwillig an die Front, mit 51 Jahren.

Thomas Mann setzt sich an den Schreibtisch, schon im November 1914 erscheinen seine "Gedanken im Kriege", zwei Monate später der Essay "Friedrich und die Große Koalition", in dem er den Preußenkönig zum aktuellen Vorbild deutscher Wehrhaftigkeit stilisiert. An den Schwager und Leutnant der Kavallerie, Heinz Pringsheim, schreibt er zu dieser Zeit:

Ich wenigstens gehöre zu den Optimisten, die nicht anders denken können, als dass Deutschland besser, freier, stärker, stolzer aus dieser Heimsuchung hervorgehen wird, als es je war. Man hört ja auch gegenteilige Meinungen, aber ich kann nicht glauben, dass ein so anständiger, ja feierlicher Volkskrieg wie dieser uns in unserer Kultur und Gesittung sollte zurückwerfen können.

Der Krieg wird für Thomas Mann zu einer persönlichen, geistigen Angelegenheit und führt ihn zu grundsätzlichen Fragen über Rolle und Wesen deutscher Kultur, als deren bedeutender Repräsentant er sich mit 39 Jahren schon empfindet. Die literarische Arbeit am "Felix Krull" und "Zauberberg" wird beiseite gelegt, ein Kampf beginnt. Im August 1915 schreibt er an den Ökonom und Soziologen Alfred Weber:

Seit diesem Krieg weiß und fühle ich es, dass die deutsche Sache meine Sache ist, dass ich innerlich mit ihr stehe und falle. Kriegsrausch? Nein, ein Rausch dauert bei einem so erschöpfbaren Menschen, wie ich es bin, nicht ein volles Jahr. Lassen sie es mich bewegten Herzens aussprechen, dass ich nicht leben, buchstäblich nicht weiter hätte leben mögen, wenn Deutschland unterlegen wäre und, innerlich, im Glauben an sich selbst, gebrochen, "sich schicken" und die Vernunft, die ratio der Anderen hätte annehmen müssen.

Die Vernunft der anderen - das sind der Bruder Heinrich, Frankreich, der Westen, die Thomas Mann mit dem Begriff der "Zivilisation" die ganzen Kriegsjahre hindurch attackieren wird. Zivilisation heißt für ihn Ästhetentum, Zersetzung. Ihr stellt er "Kultur" entgegen, deutsche Innerlichkeit, romantische Mystik und die geistige Tiefe der Musik Richard Wagners - überspannte Antagonismen, die er auf schließlich 600 Buchseiten seiner "Betrachtungen eines Unpolitischen" zusammen zwingt und die sich immer wieder in brieflichen, schockierenden Ausbrüchen entladen:

Ich hasse die Demokratie und damit hasse ich die Politik, denn das ist dasselbe. Ich hasse auch den Freimaurer- und Jakobiner-Jargon, der Zeitsprache werden will. (…) Deutschland literarisieren, radikalisieren, politisieren, verwestlichen heißt: es entdeutschen; und das lasse ich geschehen, aber ich thue nicht mit dabei.

... schreibt Thomas Mann am 25. November 1916 an den Prager Kritiker, Übersetzer und langjährigen Brieffreund Paul Amann. Man spürt: der Glaube an einen deutschen Triumph ist schon geschmälert, doch ungebrochen der Wille zum wenigstens geistigen Sieg. Pünktlich zur Niederlage, im Herbst 1918, erscheinen die "Betrachtungen", sie werden zum Bestseller-Balsam der deutschen Verlierer.

Die Briefe jener Jahre begleiten minutiös den wohl interessantesten politischen Konflikt, den ein deutscher Schriftsteller mit sich und der Welt je austrug. Allein deshalb sind sie eine hoch spannende Lektüre und zugleich wertvolle historiographische Dokumente ersten Ranges. Mustergültig ediert und kommentiert, machen diese Zeugnisse noch einmal sichtbar, wie tief jene "Urkatastrophe" des Ersten Weltkriegs ins Bewusstsein drang. Insofern war Thomas Mann wirklich ein bürgerlicher Repräsentant seiner Zeit und ihres Bewusstseins.

Bleibt er ein bockiger Deutschnationaler? Nein! Zunächst erwacht der Romancier. Wie erlöst, taucht Thomas Mann wieder in die Welt des "Zauberbergs" ein. Aus Zivilisation und Kultur erwächst die Synthese der Humanität. Romanheld Hans Castorp spricht mit der Russian Clawdia Chauchat Französisch, und der Italiener Settembrini räsoniert im "hellen Tageslicht der Vernunft". Auch die Briefe spiegeln diesen Wandel, der sich dann, 1922, in einem erstaunlich offenen Bekenntnis zur neuen deutschen Republik äußert:

Für dich dies von mir, o Demokratie, dir zu dienen, ma femme,
Für dich, für dich schmettre ich diese Lieder...


… lauten die Verse des Amerikaners Walt Whitman, die Thomas Mann in seiner Rede "Von deutscher Republik" zitiert. Beherzt tritt er ihn an, seinen Weg nach Westen. Und mit dem Bruder Heinrich versöhnt er sich wieder. Dessen "Untertan" übrigens im Dezember 1918 nun endlich erschienen war. Binnen sechs Wochen wurden 100.000 Exemplare verkauft.

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