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23.1.2005
Philippe Burrin: Warum die Deutschen? Antisemitismus, Nationalsozialismus, Genozid
Propyläen Verlag, Berlin 2004
Vorgestellt von Jacques Schuster

Philippe Burrin: Warum die Deutschen? (Bild: Propyläen Verlag)
Philippe Burrin: Warum die Deutschen? (Bild: Propyläen Verlag)
"Warum die Deutschen?" Diese Frage hat sich hierzulande wohl schon jeder denkende Mensch gestellt. Warum war Adolf Hitler "unser Führer" und nicht der eines anderen Volkes - möglichst weit weg von Europa? Wie war es möglich, dass ausgerechnet Landsleute Verbrechen begingen, die so unglaublich waren, dass sie uns bis heute nicht loslassen? Selbst sechs Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges bleiben diese Fragen quälend, werden immer und immer wieder aufgeworfen, ohne dass die Antworten erleichternd wirken.

Viele glauben, die drückende Last der Vergangenheit hätten uns die Eltern vererbt. Was sie verdrängt hätten, müssten die Kinder nun aufarbeiten. Ein Irrtum. Die Wahrheit ist eine andere: Jede Generation bemüht sich auf ihre Weise, mit den Gespenstern der Vergangenheit fertig zu werden, erforscht und ergründet sie. Und jeder folgenden Generation ist damit nicht geholfen. Sie fühlt sich mit der Geschichte allein gelassen und analysiert sie von neuem - mal mit mehr mal mit weniger Erfolg und immer seltener mit originellen Erkenntnissen.

Warum die Deutschen? - Norbert Elias hat diese Frage zu beantworten gesucht, genau wie Friedrich Meinecke und Helmut Plessner. Karl Dietrich Bracher widmete ihr sein Leben als Forscher und verfasste zahlreiche Werke, die bis heute lesenswert sind. Die Reihe ließe sich über Joachim Fest und Sebastian Haffner bis Ian Kershaw fortführen, ohne je vollständig zu sein.

Nun versucht Philippe Burrin erneut zu enträtseln, aus welchen Gründen die Deutschen Hitler so bereitwillig folgten. Dem Genfer Historiker geht es nicht um eine breit angelegte Studie über das Phänomen des Nationalsozialismus. In seinem Essay "Warum die Deutschen" konzentriert er sich auf die Frage, warum Hitlers radikaler Antisemitismus, sein Vernichtungswille und der Völkermord in Deutschland keine Gegenwehr fanden.

Warum war Deutschland der Ort der Tragödie, obwohl doch zumindest Abneigung und vielfach auch Feindseligkeit gegenüber Juden in ganz Europa verbreitet waren? Warum wurde das judenfeindliche Vorurteil in der deutschen Gesellschaft nach 1933 gleichsam zu einer Norm, die es dem NS-Regime ermöglichte, seine Politik durchzusetzen, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen, auch wenn das Regime in seinem Antisemitismus weitaus radikaler war als die Bevölkerung?

Burrin gibt Antwort. Er gräbt nach den Wurzeln des christlichen Judenhasses, beschreibt dessen Verwandlung zum rassischen Antisemitismus und erläutert die Furcht breiter Kreise der Bevölkerung vor den Herausforderungen der Moderne, welche die Juden verkörperten. Hitler gelang es, dieses Gemisch aus jahrhundertealten Vorurteilen, Ressentiments und Ängsten zu nutzen, so der Verfasser.

Zwar wurden die Deutschen unter Hitler offenenkundig nicht zu einem Volk radikaler Antisemiten; diese bildeten eine Minderheit, besetzten aber die leitenden Positionen. Doch sie waren von einer Judenfeindschaft durchdrungen, die dem Regime einen ausreichenden Konsens für seine Politik sicherte, wie sich aus der Tatsache ergibt, dass die Deutschen Schritt für Schritt immer härtere Maßnahmen akzeptierten, vom Ausschluss der Juden von allen öffentlichen Ämtern 1933 bis hin zum Verbot jeder wirtschaftlichen Betätigung am Vorabend des Krieges, das sie auf den Status von Parias reduzierte.

Folgt man Burrin, war es von da ab leicht für Hitler, der Entrechtung auch die Vernichtung folgen zu lassen.

Die angebliche "Andersartigkeit der Juden" wurde als existentielle Bedrohung empfunden, weil es Hitler nach dem Ausbruch des Krieges gelang, eine wahrhaftige Kultur des Ressentiments zu verbreiten, die in der Bevölkerung großen Widerhall fand.

So erfasste der nationalsozialistische oder radikale Antisemitismus immer mehr Deutsche und führte dazu, dass sie keinerlei Bedenken gegen die Ausrottung der Juden hegten, glaubt man dem Autor. Oder in seinen Worten:

Die NS-Identität wurde zur nationalen Identität.

Daran mag vieles stimmen. Doch erklärt der Antisemitismus allein, warum so viele Deutsche Hitler folgten? Burrin verengt das Thema auf den Judenhass. Alle anderen Gründe für die Popularität Hitlers übergeht er. Es hätte einem Essay gut getan, wenn sich der Autor mit Hitlers Erfolgen zwischen 1933 und 1941 beschäftigt hätte. Innen- wie außenpolitisch gelang es Hitler in dieser Zeit, all die Probleme zu lösen, unter denen die Deutschen seit dem Versailler Vertrag gelitten hatten. Zwar beseitigte der Reichskanzler und "Führer'" immer nur das, was schon im Sterben lag - von der Weimarer Republik bis zur morschen Friedensordnung -, doch die Mehrheit der Deutschen kümmerte sich nicht darum. In ihren Augen tat Hitler die Wunder, die sie seit 1918 ersehnt hatte. Die schnellen Gewinne ohne Krieg, von der Remilitarisierung des Rheinlandes 1936 bis zum Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes zwei Jahre später, schließlich der Sieg über Frankreich, befestigten Hitlers Ruf als Wundertäter.

Im Zeichen dieser Erfolge sahen ihm die Deutschen manches nach; auch seinen Antisemitismus, den einige von ihnen begrüßten, viele teilten und die große Mehrheit hinnahm. Hitler gab nichts auf diese Form der Unterstützung. Zweimal prüfte er vor dem Krieg, wie die Masse auf offene Gewalt gegen die Juden reagieren würde - Burrin erwähnt es kurz: bei dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte durch die SA am 1. April 1933 und dem Pogrom vom 9. November 1938. Das Ergebnis fiel in seinen Augen negativ aus. Die Mehrheit der Deutschen hatte sich nicht beteiligt. Im Gegenteil, vielfach hatte sie Mitleid mit den Juden, Ärger und Beschämung gezeigt. Allerdings auch nicht mehr als das. An diese Erfahrung hielt sich Hitler auch im Krieg. Nicht von ungefähr fanden die Vernichtungsaktionen im tiefsten Osten Europas statt. Zwar sickerten die Nachrichten von dort immer wieder einmal ins Reich, doch wer wollte, konnte unwissend bleiben, auch vor sich selbst; und das taten die meisten Deutschen, wie übrigens auch die meisten Bürger der anderen europäischen Länder, aus denen Juden vertrieben wurden. Etwas gegen den Völkermord zu unternehmen, wäre für sie alle lebensgefährlich gewesen, und außerdem hatte man den Krieg am Hals und reichlich eigene Sorgen. Das Verbrechen im ganzen zu verhindern, hätte eines Aufstandes bedurft - und wer hätte ihn unter Verhältnissen von Krieg und Diktatur zuwege gebracht?

Ob der Antisemitismus in der Bevölkerung im Laufe des Krieges zunahm, wie Burrin annimmt, ist somit keineswegs sicher. Immerhin bleibt festzustellen, dass Hitler seine Landsleute in sein größtes Verbrechen nicht voll einzuweihen wagte. Trotz aller antisemitischer Propaganda rechnete er nicht mit der deutschen Bereitschaft zum Massenmord an den ehemaligen jüdischen Nachbarn.

Burrin hätte sich dieser Tatsache intensiver widmen müssen. Zwar bleiben seine Antworten unvollkommen. Aber sie bieten Anlass zur weiteren Ursachenforschung.

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