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30.1.2005
Tamara Anthony: Ins Land der Väter oder der Täter? Israel und die Juden in Deutschland nach der Schoah
Metropol-Verlag, Berlin 2004
Vorgestellt von Sebastian Engelbrecht

Tamara Anthony: Ins Land der Väter oder der Täter? (Coverausschnitt) (Bild: buecher.de)
Tamara Anthony: Ins Land der Väter oder der Täter? (Coverausschnitt) (Bild: buecher.de)
Ein Paradoxon der Geschichte: Zwei Jahre nach dem Ende des Holocaust strömten 200.000 Juden nach Deutschland. Die meisten von ihnen waren aus Osteuropa geflohen, vor dem latenten oder offenen Antisemitismus in ihren Heimatländern - geflohen in den Schutzraum, den die westlichen Besatzungsmächte in Deutschland boten. Nun warteten sie als so genannte "displaced persons" - kurz: "DPs" - auf ihre Ausreise nach Palästina, nach Westeuropa oder in die USA.

Noch verweigerten die Briten den meisten jüdischen DPs die Einreise in das Land am Jordan. Der Zionistenführer David Ben-Gurion sah in den wartenden Flüchtlingen künftige Bürger Israels. Bereits im Sommer 1945 hatte er in den DP-Lagern für seine Vision geworben. Diese Visite des späteren Ministerpräsidenten Israels hält Tamara Anthony für entscheidend.

David Ben-Gurion hat auch die Lager in Deutschland besucht und hat dort festgestellt, wie groß eigentlich das zionistische Potential ist. Das heißt, er hat gemerkt, wie viele dort in den Lagern sitzen und eigentlich nur darauf warten, nach Palästina oder in das spätere Israel auszuwandern. Und andersrum hat eben auch der Besuch von David Ben-Gurion bei den DPs in Deutschland diese zionistische Welle ausgelöst. Das war wie ein großer Funken Hoffnung, der da nach Deutschland in die Lager kam und Mut machte, dass es einen Weg gibt und dass irgendwann diese Juden auch aus Deutschland rauskommen und nach Israel auswandern können.

Anthony schildert die deutsch-jüdisch-israelische Geschichte in den Jahren nach dem Krieg ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten und ohne Pathos. Ben-Gurion, so schreibt sie, brauchte die DP-Lager in Deutschland - auch aus strategischen Gründen: Bilder von Camps voller Juden in Deutschland erhöhten den Druck auf die internationale Gemeinschaft, dem Projekt eines Staates Israel zuzustimmen. Mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 aber propagierte Israel das Ende jüdischen Lebens in Deutschland. Die jüdischen DPs, so schreibt Tamara Anthony, "hatten ihren Beitrag geleistet". Israel wollte nun die "absolute Trennungslinie zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk. Die Führer des jungen Staates idealisierten ihre neue jüdische Existenz. Das Leben in der Diaspora sollte ein Ende haben.

In Israel nach der Staatsgründung kam dieses Bild auf von dem starken Juden, der eben für seinen eigenen Staat kämpft, während diejenigen, die die Schoah überlebt hatten, denen wurde das Stigma angehängt, dass sie sich wie Schafe zur Schlachtbank haben führen lassen. Und darum hatten generell schon die Überlebenden dieses Stigma. Dieses Stigma konnten sie verlieren, wenn sie nach Israel kamen und dort für ihren eigenen Staat kämpften.

Schlechter noch als der Ruf der Überlebenden war das Image der Juden, die als "displaced persons" in Deutschland geblieben waren. 1952 erreichte ihre Zahl den Tiefpunkt: 17.500 Juden waren geblieben. Wenige - aber aus israelischer Sicht immer noch zu viele - etwa für Gerschom Schocken, den damaligen Chefredakteur der Zeitung "Ha'aretz". Er schlug vor, den Juden in Deutschland das Einwanderungsrecht abzusprechen. Im israelischen Außenministerium hoffte man auf eine - so wörtlich - "biologische Lösung" des Problems. Chaim Yahil, Abgesandter in der Israel-Mission in Köln, schrieb über die in Deutschland gebliebenen Juden:

Ihre geringe Zahl, ihr fortgeschrittenes Alter, das Übergewicht der Sterberate im Vergleich zur Geburtenrate, die Mischehen - das wird dazu beitragen, sie alle in einer kurzen Zeit zu liquidieren.

In Israel regte sich ein regelrechter Rassismus gegen alles, was mit Deutschland zu tun hatte - auch im eigenen Volk. Tamara Anthony erinnert an einen "Antisemitismus" der Juden in Palästina und später in Israel. Er richtete sich gegen Juden aus Deutschland und gegen Juden, die noch nach der Staatsgründung im Land Hitlers und Himmlers lebten. In Israel kursierten in den 40er Jahren Sätze wie diese:

Die Deutschen brachten Vernichtung über die Welt; die deutschen Juden brachten Vernichtung über das Judentum, und die deutschen Zionisten bringen Vernichtung über den jüdischen Nationalismus.

Schon Anfang der 50er Jahre wurde aber auch der israelischen Öffentlichkeit und der israelischen Regierung klar, dass man die Juden in Deutschland nicht länger als "abtrünnige Söhne" brandmarken konnte. Zugleich blieb das Ziel: In Deutschland sollte sich keine jüdische Gemeinschaft von neuem entwickeln.

Tamara Anthony bewegt sich auf einem historischen Terrain voller Tretminen. Die Gefahr, der einen oder anderen Seite - Israel oder den Juden in Deutschland - nachträglich unrecht zu tun, ihre Intentionen zu verkennen - die Gefahr ist groß. Dennoch bewegt sie sich souverän und unbekümmert durch den Stoff. Vielleicht weil sie mit 27 Jahren zur ganz jungen Historikergeneration gehört. Vielleicht auch, weil sie selbst Jüdin ist.

Was mich eigentlich zu dem Thema gebracht hatte, war: Als mein Vater mir sagte, dass er in Israel Leute getroffen habe, die ihm nicht die Hand geben wollten, allein wegen der Tatsache, dass er in Deutschland lebt - das war mir völlig unverständlich. Und ich hatte vorher nicht darüber nachgedacht, dass jemand so eine persönliche Entscheidung so übel nehmen kann - sprich: dass man so stark dem jüdischen Volk zugehörig sein muss und eine Einzelentscheidung in einem so großen Kontext gesehen wird. Und vor allen Dingen war ich auch eben erstaunt, wie groß der Hass gegenüber Deutschland immer noch ist.

Aus dem Erstaunen wuchs die Forschungsarbeit von Tamara Anthony. Ein mit 200 Seiten kompaktes Werk, das sich flüssig liest. Ein faszinierender Überblick über den Neubeginn des Judentums nach 1945 in Deutschland und in Israel.
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