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6.2.2005
Lucia Brauburger: Abschied von Lübchen. Bilder einer Flucht aus Schlesien
Econ Verlag
Vorgestellt von Alexander Schuller

Lucia Brauburger: Abschied von Lübchen. (Bild: Econ Verlag)
Lucia Brauburger: Abschied von Lübchen. (Bild: Econ Verlag)
"Erinnern, damit es nie wieder... ". Das haben wir verinnerlicht. Und woran sollen wir uns erinnern? Das schien jahrzehntelang ganz klar. Jetzt ist es nicht mehr so klar. Es gibt Bücher, es gibt Filme, es gibt Tagungen, es gibt Kontroversen, es gibt Fragen, die vor kurzem noch keiner gestellt hätte. Jörg Friedrich veröffentlicht seine beiden dicken Bände über den Bombenkrieg der Alliierten. Da sind die Amerikaner und die Engländer die Täter. Günter Grass schreibt ein Buch über die "Gustloff", die, mit Kindern und Frauen voll gepackt, von einem russischen U-Boot Kommandanten versenkt wird. Und hier sind die Russen die Täter. Beide, Friedrich und Grass, kommen aus dem linken Milieu. Es handelt sich also nicht um eine revanchistische Hetzkampagne. Fragen nach Schuld und Verantwortung werden gestellt, sehr zaghaft. Aber die Fragen gehen nicht nur in die Tiefe, zurück in die Zeit, sondern auch in die Weite. Woran erinnern sich die anderen, die Polen, die Ungarn, die Balten? Auch die haben ihre Geschichte, ihre Opfer, ihre Schmerzen. Sie haben nicht nur den Nationalsozialismus, sondern auch und vielleicht sogar vor allem den Kommunismus vor Augen: Hitler-Stalin-Pakt, Versailles, München, Bromberg. Fragen über Fragen und keiner kennt die Antwort. Die Landschaft verwischt sich. Es gibt viele Opfer, viele Täter und gelegentlich sind des einen Opfer des anderen Täter. Das erfordert Umdenken, und Umdenken tut weh.

Wir sind also mittendrin und sammeln noch und sortieren. Dabei entwickeln die Bilder, die von damals, die ganz alltäglichen oft eine besondere Kraft. Das konkrete Erleben und Erleiden wird wieder nah und - jenseits von Kommentar und Deutung - verständlich. Ein solcher Bildband ist das Buch von Lucia Brauburger. Es beschreibt und dokumentiert in vorsichtigem Schwarz-Weiß die Flucht der Bewohner aus dem schlesischen Dorf mit dem unschuldigen Namen Lübchen. Es ist auch eine Heldengeschichte. Wie Moses einst führt einer der Dorfbewohner, Hanns Tchira, das ganze Dorf in das gelobte Land, genauer nach Sachsen, in das Städtchen Neu-Oelsnitz, jedenfalls fort von Mord und Totschlag von Hunger und Vergewaltigung. Hanns Tschira ist auch der Photograph, der die Etappen, die nüchternen Einzelheiten der Flucht dokumentiert. Seit 1945 Jahre lagen die Bilder blind und stumm im Nachlass. Sie zeigen Menschen in Bewegung, auf Rädern, auf Wagen, auf Pferden, zu Fuß, erschöpft und angetrieben vom Mut der Verzweiflung. Sie schleppen Rucksäcke, sie tragen Kinder, sie kochen auf armseligen Geräten armselige Speisen, sie schlafen und sie wachen. Sie lächeln auch, selten. Man lernt sie alle kennen, aber ihre Namen, ihre Biographien, ihr Schicksal kennt keiner mehr. So bleiben sie zeitlose, hoffnungslose Ikonen von Flucht und Vergänglichkeit.

Der Band eröffnet mit der Photographie einer weit gespannten scheinbar ins Unendliche reichenden Schneelandschaft. Darin das Dorf: stille Höfe, flache Stallungen, ferne Birken, verhangene Sonne. Verena Stuntz, die Schwägerin von Hanns Tschira, notiert in ihrem Tagebuch:

Ein strahlend schöner Wintertag zog am 21.1. auf über Lübchen und wir freuten uns schon, dass wir mittags mit den Kindern an der Oder spazieren können, doch sollte alles anders kommen. Der Russe im Anmarsch, Frauen und Kinder müssen bis halb zwölf mittags mit dem Treck den Ort verlassen. Und nun begann ein Rennen und Jagen, denn die paar Stunden, die uns noch blieben, mussten genutzt werden.

Die Dorfbewohner glauben an eine kurze vorübergehende Abwesenheit, bis das Schlimmste vorüber ist. Sie verstecken ihre Wertsachen an irgendwelchen, vermeintlich sicheren Orten, Wertsachen, die sie nie wieder sehen werden. Die Kinder wollen ihre Spielsachen mitnehmen, ihre Bilderbücher, die Kleinen die Stoffhunde, die Größeren ihren Karl-May. Die Eltern aber sind rigoros und die Kinder weinen. Das Photo zeigt die Kinder bei der Abreise schon wieder fröhlich lachend, zusammengepfercht auf den Pferdewagen mit den hölzernen Rädern, dick eingemummelt. Sie scheinen an ein Abenteuer zu glauben. Um 9 Uhr morgens sammeln sich die Lübchener auf dem Marktplatz: 350 Menschen, darunter 130 Kinder. Aber einige bleiben zurück im drohenden Schatten der heranrückenden Roten Armee.

Schwer war der Abschied von allen, die noch bleiben mussten, schwer drückte uns die Last über die Ungewissheit. Was wird, wann kehren wir wieder und gelingt es, den Russen von der Heimat fern zu halten?

Es beginnt eine Reise, die keine Etappen zu kennen scheint, keinen Anfang und kein Ende. Varianten zum Thema Heimatlosigkeit. Samuel Beckett hätte in dieser Reise sein Motiv erkannt. Zusammengebrochene Fahrzeuge, Brücken über Flüssen, die keine Brücken mehr waren, Herbergen für eine Nacht oder auch zwei, dann weiter, Viehställe und Heu als Zudecke, zerrissene Kleidung, Schuhe, aus denen die nackten gefrorenen Kinderfüße quellen. Und doch, so scheint es, halten sie fest an ihrer Ordnung, hält die Ordnung fest an ihnen. Der Tisch wird gedeckt, jeden Abend, die Großmütter richten das Mal, Kartoffeln stehen auf dem Tisch, Blechtassen, aus denen Muckefuck - ein vergessenes Wort - getrunken wird. Ein Epos entfaltet sich, in dem es nicht nur um das biologische, sondern auch um das kulturelle Überleben geht. Man sieht wie anders, wie längst vergangen und doch wie deutsch diese Gesichter sind. Ahnungslose Bauerngesichter, denen man ansieht, dass sie nicht wissen, wie ihnen geschieht und was. Und dann öffnet man das Buch noch ein zweites und dann ein drittes Mal, und man beginnt den einen oder anderen wieder zu erkennen, Freundschaft zu schließen. Ich selbst habe mit einem alten namenlosen Bauern Freundschaft geschlossen. Weißer Bart, dunkle Mütze, erloschene Augen, die lebendigste Totenmaske, die ich je gesehen habe. Hanns Tschira sagt von ihm.

Großvater, der sein ganzes Leben keinen Schritt über die Peripherie seines Heimatdorfes hatte, ergibt sich stumm in das unbegreifliche Geschehen.

Das Buch beschreibt das Ende einer Kultur, das Ende einer Epoche, das Ende einer Tradition. Es gibt das Wort Völkermord. Warum gibt es nicht auch das Wort Kulturmord? Das Drama dieses Bildbandes liegt nicht in seiner Dramatik, sondern in seiner Alltäglichkeit. So ist es, so banal ist es, wenn Geschichte im Vergessen versinkt.
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