BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
13.2.2005
Richard Clarke: "Gegen die Krieger des Dschihad"
Ein Aktionsplan
Vorgestellt von Michael Groth

Richard Clarke: "Gegen die Krieger des Dschihad", Coverausschnitt (Bild:  Hoffmann & Campe)
Richard Clarke: "Gegen die Krieger des Dschihad", Coverausschnitt (Bild: Hoffmann & Campe)
Die Bedrohung ist lange bekannt: Die so genannten "Dschihadisten" sehen die Vereinigten Staaten als wesentliches Hindernis auf ihrem Weg zur Schaffung radikal-fundamentalistischer Staaten. Dass seit Ende der siebziger Jahre in Afghanistan die russischen Kommunisten herrschten, änderte daran wenig. Der Kampf der Islamisten gegen die Rote Armee war ein Kampf gegen ein untergehendes Regime. In Washington erkannte indes kaum jemand, dass man mit den freizügigen Waffenlieferungen an die Mudschaheddin, mit denen seit Mitte der neunziger Jahre auch ein gewisser Bin Laden zusammenarbeitete, einen Geist schuf, der nicht wieder einzufangen war.

Über Pakistan lief der Nachschub der Kämpfer, ideologisch und personell über tausende junger Religionsschüler, sowie über arabische Radikale, die bereit waren, in Afghanistan zu sterben. Auch die Versorgung mit Waffen und Ausrüstung lief über den östlichen Nachbarn, eine Versorgung, an der sich die CIA beteiligte.

Nach dem Ende der sowjetischen Besatzung rangierte Afghanistan auf der außenpolitischen Prioritätenliste Washingtons weit unten. Dies änderte sich auch nach der Machtübernahme der Taliban nicht. In den Verhandlungen mit Pakistan, ohne dessen Unterstützung sich die Religionskrieger im Nachbarland nicht hätten halten können, ging es um Nuklearfragen oder um das Verhältnis zu Indien.

Dabei fehlte es nicht an Warnungen. Immer wieder wies CIA-Direktor Tenet auf das Potential des sich ausbreitenden internationalen Terrornetzwerks hin.

Steve Coll Penguin: Ghost Wars (Bild:  Pinguin Press)
Steve Coll Penguin: Ghost Wars (Bild: Pinguin Press)
Steve Coll: Es geschah nichts. Dem Anti-Terrorismusbüro der CIA fehlten Mittel und Personal. Aber es gab zu viele andere Drohungen: Tenet weigerte sich, alle Resourcen al-Qaida zu widmen. Die US-Regierung steckte Milliarden-Summen in den Verteidigungshaushalt, und der Kampf gegen eine Organisation, von der erwiesenermaßen eine tödliche Bedrohung ausging, geriet zur Nebensache.

Der Autor beschreibt krasses politisches Versagen. Die Clinton-Regierung demonstrierte eine Nachlässigkeit und Ignoranz, die am 11. September 2001 zur Katastrophe führte.

Richard Clarke gehörte in den Clinton-Jahren als Anti-Terror-Berater im Weißen Haus zu denen, die - vergeblich - warnten. Gemeinsam mit anderen plädiert er jetzt in einem "Aktionsplan" untertitelten Bericht für einen schlagkräftigeren Geheimdienst sowie für klare öffentliche Kriterien, was geschehen kann, und für welche Werte die Vereinigten Staaten einstehen.

Das Buch fasst die Ziele der Dschihadisten zusammen. Sie wollen die öffentliche Meinung des Westens dahingehend beeinflussen, dass jegliche Präsenz in den islamischen Ländern aufgegeben wird; sie wollen den Muslimen zeigen, das der Westen nicht allmächtig ist, und durch Aggression getroffen werden kann; sie wollen schließlich durch Terror-Angriffe Spenden wie Anhänger werben.

Der Bedrohungsanalyse folgen Beschreibungen der regional operierenden Gruppen von südostasiatischen Terroristen, über Tschetschenen bis zur Zelle al-Sarkawis, des meistgesuchten Mannes im Irak. Ergänzt werden diese Gruppenbiographien durch Regionalanalysen, von Ägypten bis Iran und Pakistan. Besonders kritisch setzen sich Clarke und seine Kollegen dabei mit dem amerikanischen Einsatz im Irak auseinander:

Der Irakkrieg hat gewaltige und dringend benötigte Ressourcen von dem Kampf gegen den dschihadistischen Terror abgezogen. (…) Der internationale Konsens, allen Staaten entgegenzutreten, die Terrorgruppen aktiv unterstützen, hat sich im Gefolge des Irakkriegs in Luft aufgelöst (…) Ausgerechnet der Irakkrieg hat dazu beigetragen, Syrien und dem Iran jene Atempause zu verschaffen, die sie brauchten, um eine massive, internationale Reaktion auf ihre terroristischen Machenschaften zu verhindern.

Dem gut lesbaren und außerordentlichen nützlichen Analyseteil folgen schwächere Kapitel, in denen es um konkrete Handlungsanweisungen geht. Den von George Bush ausgerufenen Kampf um weltweite Demokratie wollen die Autoren zum Beispiel mit einer öffentlichen Offensive unterstützen, in die vor allem arabischsprachige Medien eingeschaltet sein sollen; im Übrigen ist man angesichts der zum Beispiel in Ägypten und Saudi-Arabien praktizierten Doppelzüngigkeit ratlos: Einerseits gewähren die Machthaber dem fundamentalistischen Anti-Amerikanismus Raum in der Hoffnung, von Umsturzversuchen verschont zu bleiben, andererseits fordern und erhalten sie US-Hilfe, mit der sie ihre autoritäre Herrschaft zementieren.

Gerade in ihrer Verbindung kann man beide Bücher dennoch uneingeschränkt empfehlen. Hoffentlich findet "Ghost wars" rasch einen deutschen Verleger: Denn die Akteure jener "Gespensterkriege", über die Coll berichtet, finden sich lange nicht mehr ausschließlich in Washington, Peshawar oder Kabul.

Richard Clarke: Gegen die Krieger des Dschihad - Der Aktionsplan
Ein Century Foundation Task Force Report
Deutsch von Hans Freundl, Norert Juraschitz, Thomas Pfeiffer und Werner Roller
Hoffmann & Campe, Hamburg, 2005

Steve Coll Penguin: Ghost Wars - The Secret History of the CIA, Afghanista, and Bin Laden
From the Soviet Invasion to September 20, 2001

New Atlantic Initiative at the American Enterprise Instiute
The Pinguin Press, New York, 2004
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge