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20.2.2005
Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften? - Eine Streitschrift
Steidl Verlag, Göttingen 2004
Vorgestellt von Reinhard Kreissl

Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften? (Bild: Steidl Verlag)
Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften? (Bild: Steidl Verlag)
Oskar Negt ist seit langem ein kritischer Begleiter der deutschen Gewerkschaften. Als Intellektueller mit zeitdiagnostischem Sensorium greift er in diesem Buch die Krise der Gewerkschaften auf. Wohltuend setzt sich seine Streitschrift von der gängigen Ressentimentliteratur ab, die mit einer gewissen Häme das Ende dieser Organisation beschwören und mit Hauruckparolen für Neuanfang durch Sozialabbau votieren. Ähnlich wie den Gewerkschaften geht es anderen Großorganisationen.

Überall lockern und lösen sich Bindungen und Loyalitätsgefühle. Praktisch alle politischen Parteien (natürlich besonders die regierende sozialdemokratische Partei) sind vom Mitgliederschwund betroffen; Kirchen klagen über den Verlust zahlungsfähiger Mitglieder; manche Kurse der Volkshochschule sind wie leergefegt. Viele Anzeichen erwecken den Eindruck, als würde sich die ganze Bevölkerung in einem Auswanderungsprozess befinden - nicht in andere Länder, wie die erpresserischen Globalisierungspropheten annehmen, sondern im eigenen Land, in eine Art innere politische Emigration.

Individuelles politisches Engagement verdichtet sich nicht mehr in den organisatorischen Formen des traditionellen Typs. Vermutlich ist das Gesamtvolumen politischer Energie gleich geblieben, und auch die gesellschaftlichen Probleme, die einer politischen Lösung harren, sind mit Sicherheit nicht weniger geworden. Nur wie diese Lösungen aussehen, das ist alles andere als klar. Die Zeiten, in denen Organisationen vom Typ Gewerkschaft die Zukunftsperspektive und das Monopol auf den Fortschritt gepachtet hatten, sind vorbei. Negt dekliniert hier das bekannte Krisenszenario durch: Kulturelle Erosionsprozesse, ungute Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung und die einseitige Dominanz betriebwirtschaftlichen Effizienzdenkens erzeugen soziale Kosten, die in der Kalkulation der Apologeten moderner Zeiten nicht zu Buche schlagen. Die scheinbar strahlenden Beispiele reiner Marktgesellschaften, die sich von den Fesseln organisierter sozialer Verantwortung befreit haben, und die in den einschlägigen Gazetten immer wieder als Vorbilder dargestellt werden, haben unübersehbare Schattenseiten.

Wir sollten also mit der Nachahmung von Modellen anderer Länder vorsichtig sein ... Untersuchungen haben ergeben, dass in den Vereinigten Staaten auf 100.000 Einwohner etwa 700 Menschen kommen, die in Gefängnissen leben. In Europa sind es ... im Durchschnitt etwa 60 Menschen...
Kann man daraus ableiten, dass eine total über den Markt individualisierte Gesellschaft die Gewaltpotentiale in einer Weise steigert, dass eine solche Verzerrung von Maßverhältnissen das Ergebnis ist?


Negt warnt vor schnellen und radikalen Alternativen. Er stellt sich in guter alteuropäischer Manier der Aufgabe, das Ganze im Zusammenhang zu denken. Er räumt dabei dem subjektiven Faktor, den Wünschen und Träumen der Menschen den gebührenden Platz ein, ohne in traditionsselige Beschwörung der guten alten radikalen Zeiten zu verfallen. Immer läuft die historische Perspektive mit, die seinen Ausführungen jene Tiefenschärfe gibt, die den publizistischen Marktschreiern der Generation Reform abgeht. Allerdings ist der Grat zwischen Pragmatismus und Utopie, auf dem er wandert, schmal. Aber es gelingt Negt aufzuzeigen, wie die Veränderung der Arbeitswelt, wie ökonomische Entwicklungen ihren Niederschlag in der Lebenswelt der Menschen, in Politik und Kultur finden. Er identifiziert dabei Ansatzpunkte für eine gewerkschaftliche Strategie, die man etwas vereinfachend als kulturalistisch bezeichnen könnte. Es kann für die Gewerkschaften heute nicht mehr nur um einen ökonomisch verengten Interessenskampf um Lohn und Arbeitszeit gehen.

Die Gewerkschaften benötigen neben dem betrieblichen ein außerbetriebliches Standbein. ... Die Gewerkschaften sind, ob sie wollen oder nicht, durch veränderte gesellschaftliche Verhältnisse dazu genötigt, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dorthin zu folgen, wohin sie gehen, und das sind zunehmend außerbetriebliche Aktions- und Handlungsfelder.

Damit entstünde ein neues Profil der traditionellen Interessensvertretung. Gewerkschaftliche Strategien würden um ein - wie Negt es nennt - kulturelles Mandat erweitert. Es geht in einem umfassenden Sinne um die Lebensverhältnisse der in Abhängigkeit lebenden Menschen, die man nicht, wie es der zurzeit schicke Neoliberalismus will, mittellos in fremd verschuldete Freiheit entlassen darf.

Die dogmatische Selbstbeschränkung der Gewerkschaften auf ihre klassischen Aktionsfelder, die durch den Traditionalismus des bürokratischen Funktionärsapparats gestützt wird, ist kontraproduktiv. Wer heute nur über Arbeitszeiten und Löhne nach dem Muster der alten Industriegesellschaften verhandeln will, erntet Misserfolge. Das Kapital ist flexibel und flüchtig geworden, es lässt sich nicht mehr auf die Konfrontation mit der organisierten Arbeiterschaft ein, sondern weicht aus, wandert ab. In einer klugen Analyse der Logik und Dynamik organisierter Politik zeigt Negt, dass die Gewerkschaften sich selbst bei einer Erweiterung ihres konzeptuellen und politischen Horizonts im Wege stehen. Ihre Fokussierung auf den Betrieb und die traditionelle Arbeitswelt gleicht zusehends einem Kampf gegen Windmühlen, der nur mehr im Horizont des Funktionärsdenkens vernünftig und aussichtsreich erscheint. Es sind zunehmend die Nebenfolgen der kapitalistischen Produktionsweise, die den Menschen zu schaffen machen: Umweltverschmutzung, Lärmbelästigung, Abbau von Infrastruktur, Stadtsanierung - das sind Probleme, die für traditionelle Gewerkschaftsarbeit keine herausragende Rolle spielen. Aber es sind diese Probleme, die den Menschen zusehends zu schaffen machen und sie sind über Lohnzuwächse und Arbeitszeitverkürzungen nicht zu lösen.

Negt hat bei seinen Analysen den ganzen Menschen im Blick, er zeigt, dass es ein Leben außerhalb der Fabrik gibt, dessen Qualität in einem umfassenden Sinne von der Ökonomie bestimmt wird. Es wäre die Aufgabe der Gewerkschaften, die nach wie vor über große Organisationsmacht und im Prinzip auch über ideologische und politische Ressourcen verfügen, an dieser außerbetrieblichen Front tätig zu werden. Eine solche Erweiterung des politischen Horizonts wäre nicht nur im Sinne einer humanistischen und fortschrittlichen Politik für die abhängig Beschäftigten wünschenswert, sie wäre auch ein Ausweg aus der ökonomistischen Sackgasse, in der die Gewerkschaften gelandet sind und damit in ihrem ureigenen Interesse anzustreben.


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