BuchTipp
BuchTipp
Sonn- und Feiertag • 12:50
27.2.2005
Norbert Seitz: Die Kanzler und die Künste. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung
Siedler Verlag, München 2005
Vorgestellt von Jacqueline Boysen

Norbert Seitz: Die Kanzler und die Künste (Bild: Siedler Verlag)
Norbert Seitz: Die Kanzler und die Künste (Bild: Siedler Verlag)
Helmut Schmidt ist es, der da mit den Hamburger Philharmonikern unter der Leitung von Christoph Eschenbach Bach intoniert. Über die Virtuosität des Alt-Bundeskanzlers ist seinerzeit viel berichtet worden.

Nun hat der Journalist Norbert Seitz einen Band verfasst, der schöngeistige Neigungen sämtliche Regierungschefs der Bundesrepublik untersucht. Der Titel "Die Kanzler und die Künste" führt etwas in die Irre: Seitz rückt die Kanzler in den Mittelpunkt, betrachtet jedoch auch die Bundespräsidenten, ausgewählt kunstsinnige Regierungsmitglieder oder auch musisch begabte Abgeordnete. So ist Carlo Schmid zu recht ein Exkurs gewidmet, fiel der Gelehrte doch in intellektueller Hinsicht wie auch im Habitus in der notgedrungen bescheidenen, pragmatisch agierenden jungen Bonner Republik aus dem Rahmen - den übrigens auch Kurt Georg Kiesinger dank seiner gehobenen Sprache sprengte. König Silberzunge wurde er genannt, Silberlocke dann war Richard von Weizsäcker, gleichfalls kultivierter als das gros der Kollegen erschien.

"Die Geschichte einer schwierigen Beziehung" werde er beleuchten, verspricht Autor Seitz im Untertitel und überrascht uns damit nicht, denn auch die gebildeteren unter den Vertretern unserer politischen Klasse sind naturgemäß nicht dank ihres Kunstverstands in die Annalen eingegangen.
Zur Charakterisierung seiner sieben Protagonisten sucht sich Seitz jeweils eine Freundschaft oder Beziehung zu einem Exponenten der Kunstszene heraus, die er eingehender schildert, allzu unübersichtlich gestaltete sich sonst sein Unterfangen.

Jeder Bundeskanzler hat eine besondere Beziehung zu einem Künstler aufzuweisen: der späte Adenauer zum expressionistischen Maler Kokoschka, der leidenschaftliche Bauherr Ludwig Erhard zum modernen Architekten (des Kanzlerbungalows), Sep Ruf, Willy Brandt eine gleichsam offizielle Beziehung zu seinem ständigen Bewunderer Günter Grass, aber auch eine weniger öffentliche zu seinem Kummer gewohnten Portraitisten Georg Meistermann. Helmut Schmidt war dem Pianisten Justus Frantz ebenso väterlich wie musikalisch zugetan, förderte den Bildhauer Henry Moore, und bewunderte die Prinzipalin Ida Ehre. Helmut Kohl erweckte den Eindruck, mit Ernst Jünger gegen den linksintellektuellen Mainstream fraternisieren zu wollen. Gerhard Schröder pflegt Freundschaften zu zeitgenössischen Malern - von Markus Lüpertz über Jörg Immendorff bis Uwe Bremer.

Da wird es schon offenkundig: Kunstgattungen trudeln hier munter durcheinander, dem Namedropping ist der Autor nicht abhold, Fragen von Auftragserteilung und Förderung, der persönlichen Bindung an einzelne Meister ihres Fachs, Sammelleidenschaften, die Instrumentalisierung von Kunst im alltäglichen Politikgeschäft oder künstlerische Events als Alibi-Handlungen im Wahlkampf - alle möglichen Aspekte wirbeln barock durcheinander. Seitz' Verständnis von Kunst scheint dem klassischen der Griechen zu folgen: Muse Klio kommt zu Ehren, Geschichtsverständnis zählt Seitz zum Kunstverstand dazu - und eigentlich auch Toleranz oder eben Ignoranz: Helmut Kohl findet keine Gnade, bläht er doch die arme Pieta der Käthe Kollwitz zum Opfergedenkkoloss der Neuen Wache auf und distanziert sich vom verhüllten Reichstag:

Helmut Kohl: Ich habe ihn nicht besichtigt. Ich habe auch nicht die Absicht, ihn zu besichtigen. Ich hätte ihm nie zugestimmt, und ich habe auch kein Verständnis. Punkt! Und ich verwechsele auch nicht Kunst und PR.

Gleich ob das jeweilige Verhältnis zwischen Künstler und Politiker ein einseitiges oder kritisches ist, ein inspirierendes, eines der gegenseitigen Befruchtung oder, was auch legitim wäre, es ausschließlich um den Kunstgenuss geht, der Kunstkonsum der Zerstreuung und Erbauung dient - Seitz reiht Episoden aneinander. In all dem hehren Durcheinander scheint immer wieder der Zeitgeist durch: Der Autor setzt die Vorlieben oder Abneigungen der Regierungschefs in Beziehung zu Kunstströmungen und Geisteshaltungen. Dem Versuch einer Begriffsbestimmung des Untersuchungsgegenstands entzieht er sich jedoch, auch die Funktion von Kunst in der Demokratie oder aber als Antonym zur Macht sind seine Fragen nicht.

Gerhard Schröder: Ich denke, dass jeder von uns die Beschäftigung mit Kunst als etwas empfindet, was glücklich macht, jedenfalls machen kann.

Ob sich das Glück des amtierenden Kanzlers so fest in die Geistesgeschichte der Republik einfügen wird wie einst Ludwig Erhards Disput mit Rolf Hochhuth, der sich vom Kanzler als kläffender Pinscher beschimpfen lassen musste, das sei dahingestellt.

Sicher nicht bewusst herbei geschrieben, aber offenkundig: der gesunkene Bildungsgrad der politischen Klasse. Steht heute photogen ein Literaturkanon im Kanzleramt, damit die Kulisse stimmt, vermochten Altkanzler Klassiker im Stehgreif zu zitieren.

Das Manko des Buches: Seitz hat eine Idee, aber an manchen Stellen verweigern sich fünfzig Jahre Wirklichkeit seiner These. Denn es ist zu simpel, Christdemokraten Kunstsinn und Spaß an der Avantgarde abzusprechen und Sozialdemokraten Intellektualität zuzugestehen.

Seitz verschenkt leider die Chance, zu schauen, wie die Sozialisierung des einen oder anderen Politikers dessen Blick auf Kunst prägt und was das wiederum für das Schaffen von Künstlern bedeutet: können sie freier agieren oder werden sie eher instrumentalisiert?

Auch die Rückwirkung auf die Politik wäre eine detailliertere Untersuchung wert: Wenn kreative Prozesse wohlwollend, mit Verständnis, Neugier und Kritik begleitet und wenn Kunstverstand als positives Merkmal gewürdigt würden, was bedeutete dies für die politische Klasse? Einfache Antworten gibt es da nicht, auch wenn Seitz das gern hätte.
-> BuchTipp
-> weitere Beiträge