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6.3.2005
Necla Kelek: "Die fremde Braut"
Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland
Vorgestellt von Rupert Neudeck

Necla Kelek: "Die fremde Braut", Coverausschnitt (Bild: Kiepenheuer & Witsch)
Necla Kelek: "Die fremde Braut", Coverausschnitt (Bild: Kiepenheuer & Witsch)
Die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek, Dozentin und Migrationsforscherin, ist mit vehementer Energie dabei, die Zwangsehen ihrer türkischen Mitfrauen zu beschreiben. Das glänzend verfasste Buch verfolgt die Absicht, diese Ehen in Zukunft nicht mehr möglich sein zu lassen.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005

Es begann mit einem gezielten politischen Paukenschlag: Necla Kelek, eine Dozentin und Migrationsforscherin, hatte ein Buch unter dem Titel "Die fremde Braut" geschrieben und Bundesinnenminister Otto Schily hatte es kürzlich im "Spiegel" besprochen.

Die fremde Braut ist in dem Buch von Necla Kelek die Importbraut, die Importgelin. Für sie gibt es einen Brautpreis. Und, man höre und staune, der Brautpreis heißt manchmal lapidar Deutschland.

Das Buch ist glänzend geschrieben, weil es die Anmerkungs-Systematik
verlässt und immer wieder erzählende Passagen hat. Über die Tscherkessen, denen die Autorin entstammt, über ihre heimlichen und offenen Begegnungen mit Frauen, die zwar in die Bundesrepublik gekommen, aber hier eigentlich nicht angekommen sind. Das ist auch die spezifische Differenz dieses Buches zu anderen Sachbüchern, in denen uns ja Ähnliches schon mitgeteilt wurde. So hat in dem bis heute unentbehrlichen Buch "Muslime in Deutschland" die Autorin Ursula Spuler-Stegemann in dem Kapitel Ehe einiges zu Papier gebracht, das schon an das heranreicht, was die türkische deutsche Autorin uns ins Stammbuch schreibt:

Die jungen Menschen, die in der Diaspora in einem völlig anders gearteten Umfeld aufwachsen, werden oft genug mit den daraus innerhalb der Familie resultierenden Problemen kaum oder gar nicht fertig. Hier spielen sich Tragödien ab, die junge Männer wie Frauen betreffen und ganze Familien für alle Zeit spalten. Solange 30 bis 40% der türkischen Mädchen in die Türkei verheiratet werden und solange junge Türken ihre Zukünftige aus dem Herkunftsland abholen, sind die Muslime in Deutschland noch nicht verankert.

Die Sprache der jungen Autorin Necla Kelek ist gewinnender und damit auch unbedingter als die in einem Sachbuch. Sie ist mit einer vehementen Energie dabei, die Zwangsehen ihrer türkischen Mitfrauen zu beschreiben, immer in der Absicht, sie in der Zukunft nicht mehr möglich sein zu lassen. Nach diesem Buch darf es die Zwangsehe, ja - auch die arrangierte Ehe - nicht mehr geben.

Als ich das erste Mal von einer "gekauften Braut" hörte, hielt ich das nur für eine besonders skurrile Geschichte. Eine Freundin meiner Mutter erzählte mir beifallheischend, wie sie aus Deutschland in die Türkei gefahren war und zehn Tausend Markscheine vor dem Vater der künftigen Braut ihres Sohnes hingeblättert hatte. Dafür durfte sie die Gelin gleich mitnehmen. Gelin, das heißt: die die kommt; so nennt man die Braut, die ins Haus kommt. Import-Gelin heißen die Bräute, die man nach Deutschland holt.

Das erscheint der Autorin wie ein moderner Sklavenhandel mitten in Deutschland.

Die typische Importbraut ist meist gerade eben 18 Jahre alt, stammt aus einem Dorf und hat in vier oder sechs Jahren notdürftig lesen und schreiben gelernt. Sie wird von ihren Eltern mit einem ihr unbekannten Mann einem Türken, aus Deutschland verheiratet. Sie kommt nach der Hochzeit in eine deutsche Stadt, in eine türkische Familie. Sie lebt ausschließlich in der Familie, hat keinen Kontakt zu Menschen außerhalb der türkischen Gemeinde. Sie spricht kein Deutsch, kennt ihre Recht nicht, noch weiß sie, an wen sie sich wenden könnte.

Wir bekommen von der Autorin wahrlich den Kopf gewaschen, denn das haben wir uns ja so nicht vorgestellt. Moderne brutale Sklavenzustände auf dem Heiratsmarkt auch 2005, die man sich bis hin zum realen Tod nicht vorstellen kann. Das berühmte Argument der Differenz, die das positive Stimulans der multikulturellen Gesellschaft sein soll, hat hier ganz und gar ausgedient. Diese Differenz der Importbräuche und der Heiratssklaverei muss die deutsche Bundesrepublik so schnell wie möglich beseitigen. Wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, müsste man eigentlich einen Untersuchungsausschuss konstituieren, der der Frage nachgehen würde: Wie konnte es in Deutschland so weit kommen? Wer hat die politischen Weichen für die gescheiterte Integration in den 70er, 80er und 90er Jahren so fatal verkehrt gestellt?

Auf jeden Fall steht der Leser vor einem Scherbenhaufen. Er kann und will auch nicht verstehen, weshalb die Bundesrepublik Menschen aufnehmen muss und will, die hier in Deutschland gar nicht mit Deutschen leben wollen.

Die Importbraut, so sagte Necla Kelek, wird mit ihrem Kind Türkisch sprechen, es so erziehen, wie sie erzogen wurde. Nach islamischer Tradition.

Necla Kelek redet Klartext auch bei der Frage der Kopftücher und der König Fahd Akademie. Es gäbe eine panische Angst davor - sagt sie -, Islamisten wegen ihrer Religion oder Herkunft zu diskriminieren. Lieber nimmt man die Verletzung von Grundrechten in Kauf.

Das seien unsere quälenden Probleme, die wir Deutschen auf Grund der immer noch dräuenden Vergangenheit mit uns auszutragen hätten.

Die Deutschen haben sich engagiert mit ihrer Nazi Vergangenheit auseinandergesetzt, was sicherlich zu dem zivilen und demokratischen Gepräge dieser Republik beigetragen hat. Aber zuweilen verstellt das besondere Schuldgefühl gegenüber Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und anderen den klaren Blick auf die heutigen Realitäten von Unterdrückung und Ausgrenzung.

Ein Buch, das nicht nur zum Nachdenken allen Anlass bietet, sondern auch mit den Multi-Kulti-Illusionen aufräumt und zu raschem Handeln auffordert. Möge es viele Leser finden.


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