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27.12.2004
Streit um Obelisk von Axum
Stele wartet weiterhin auf Rücktransport nach Äthiopien
Von Thomas Migge

Der Obelisk von Axum in Rom (Bild: AP Archiv)
Der Obelisk von Axum in Rom (Bild: AP Archiv)
Der Platz ist leer. Er ist mit einem hässlichen Bauzaun aus Metall und Kunststoff verstellt worden. Eine Sicherheitsmassnahme, damit niemand an diesem Ort parkt. Eigentlich sollte hier schon im November eine große Skulptur von Giò Pomodoro aufgestellt werden. Eigentlich - aber nichts ist bisher geschehen.

So wird der Bauzaun bleiben, befürchtet der ehemalige stellvertretende Kulturminister Vittorio Sgarbi, einer der prominentesten Kunstexperten seines Landes. Sgarbi ist einer der entschiedensten Gegner der Rückgabe der berühmten Stele von Axum an den äthiopischen Staat. Dass diese Stele vor rund einem halben Jahr zersägt und verpackt und in einem römischen Keller untergebracht wurde, um sie anschließend an ihren Ursprungsort nach Axum zu schicken, findet er ein Unding:

Der Obelisk ist hier bei uns gesundgepflegt, also gründlich restauriert worden. Um ihn wieder zurückzuschicken musste man ihn auseinander nehmen. Stellen Sie sich das vor! Nur so passt er in ein Flugzeug, das ihn nach Äthiopien bringen kann. Ich verstehe das nicht!

Um die Stele von Axum ist ein heftiger Streit entbrannt. Seit Jahren fordert die äthiopische Regierung von Rom die Rückgabe der antiken Stele. Sie wurde 1937 von Benito Mussolini als Kriegsbeute nach Rom gebracht. Der Duce hatte das afrikanische Land mit Hilfe von Giftgas in die Knie gezwungen und wollte sich in der Hauptstadt seines, wie er es nannte, "italischen Reiches", wie ein Imperator gebärden. Da lag es nahe, dass er - wie die antiken Kaiser - Obelisken aufstellen wollte. Da er aber nicht Ägypten erobert hatte, woher die Obelisken stammen, musste er sich auf eine der zahlreichen antiken Stelen aus Äthiopien beschränken. 1937 wurde die Stele von Axum, wie sie fortan genannt wurde, nach Rom gebracht und am östlichen Ende des Circus Maximus aufgestellt, der ehemaligen Pferderennbahn der antiken Weltstadt. Dort erhob sich die Stele bis in diesen Sommer hinein. Und das, obwohl die italienische Regierung sich schon 1947 dazu verpflichtet hatte - innerhalb eines Dokuments der Vereinten Nationen - Kriegsbeute aus der faschistischen Zeit an die bestohlenen Länder zurückzugeben - auch an Äthiopien. Doch Papier ist geduldig und so blieb die 150 Tonnen schwere und 15 Meter hohe Stele in Rom. Vittorio Sgarbi, der ein Komitee gegen die Rückgabe der Stele ins Leben rief, setzt sich nun dafür ein, dass das zur Verschickung bereite Kunstwerk doch noch in Italien bleibt:

Der Schutz des künstlerischen Gutes auf unserem Territorium gilt auch für gestohlene Gegenstände. Das ist doch so, wie wenn man einen kranken Ausländer hier bei uns gesundpflegen würde.

Obwohl sich die Regierung von Silvio Berlusconi im Frühjahr dazu entschieden hatte die Stele zurückzuschicken, wurde der Rücktransport im Sommer abgeblasen. Es hieß, man habe kein Geld für die mehrere Millionen Euro teure Reise nach Äthiopien - ein hahnebüchenes Argument, meint die römische Archäologin Rita Paris:

Schon vor eineinhalb Jahren entschied die römische Altertümerbehörde die Rückgabe. Die Gelder für den Transport wurden bereitgestellt, deshalb wundert es sich mich jetzt, dass diese Finanzmittel verschwunden sein sollen. Es ist von grossem archäologischem Interesse, dass diese Stele wieder nach Äthiopien gelangt.

Denn sie sei, so Rita Paris, eine der am besten erhaltenen Stelen, die in diesem Land hergestellt wurden. Sie gehöre damit, so die Archäologin, zum nationalen Kulturgutes ihres Landes. Anders sehen das zahlreiche rechte Politiker Italiens. Sie unterstützen das Komitee von Vittorio Sgarbi. Ihr Argument: Wenn Mussolini die Stele nach Rom brachte, wurde sie damit Teil der italienischen Kulturgeschichte - eine Argumentation, die Rita Paris auf die Palme bringt:

Im vergangenen Jahrhundert raubten die Deutschen, als sie Italien besetzt hatten, tausende von italienischen Kunstwerken der Renaissance und des Barock. Und Italien forderte nach Kriegsende sofort die Rückgabe dieser Gegenstände. Dabei pochte man auf die auch von Deutschland 1947 unterzeichnete UN-Resolution. Italien verhält sich Äthiopien gegenüber aber total arrogant. Wir müssen uns vor Augen halten: diese Stele ist ein wertvolles Kunstwerk.

Italiens Kulturminister Giuliano Urbani will zum Fall der Stele von Axum keine Stellung beziehen. Auch das Außenministerium schweigt - und dass, obwohl die äthiopische Regierung noch Anfang Dezember eine offizielle Aufforderung zur Rückgabe der Stele an den Außenminister geschickt hatte. Man stellt sich taub. Eine Politik, die jetzt die UNESCO auf den Plan gerufen hat. Sie will die italienische Regierung im Januar an die Einhaltung des Vertrages von 1947 erinnern. Ob die Regierung Berlusconi sich von solchen Drohgebärden beeindrucken lassen wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
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