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29.12.2004
Lob der Provinz
Wie das Landestheater Mecklenburg Zuschauer anlockt
Von Uwe Friedrich

Schauspielerin vor dem Auftritt (Bild: AP)
Schauspielerin vor dem Auftritt (Bild: AP)
In Mecklenburg-Vorpommern, dem ärmsten der ostdeutschen Bundesländer, ziehen Theater mit attraktiven Spielplänen und ambitionierten Konzertprogrammen die Zuschauer an. Das Theater in Neustrelitz lockt mit einer behutsamen Mischung aus beliebten und auch mal unbequemen Stücken. Doch die langfristige Theaterfinanzierung ist noch immer nicht gesichert.

Ein Stadttheater erreicht ja keine anderen Menschen als die Theater in den großen Zentren. Der Anspruch der Menschen auf Kultur und auf Begegnung mit den Künsten, der ist in den ärmeren Regionen genauso wichtig wie in den Städten. Er hat vielleicht nicht die Chance, so morbid zu mutieren, sondern er hält sich mit dem wesentlicheren auf, einfach an dem Wesentlichen, Menschen mit der Kunst vertraut zu machen, Menschen in der Region zu halten, ihnen einen Sinn zu geben hier zu bleiben.

Lob der Provinz von einem, der es wissen muss. Ralf-Peter Schulze ist Intendant des Neustrelitzer Theaters. In Mecklenburg-Vorpommern, dem ärmsten aller armen ostdeutschen Bundesländer sorgt er für einen abwechslungsreichen Spielplan, der weit über die Landesgrenzen hinaus Publikum anzieht. Zuletzt inszenierte er die "Salome"-Oper des Strauss-Zeitgenossen Antoine Mariotte. Die Aufführungen des unbekannten Stücks sind gut besucht, Theaterkritiker vom lokalen "Nordkurier" bis zur "Welt" bejubelten Inszenierung, Sänger und Orchester. Am Pult stand Generalmusikdirektor Stefan Malzew.

Malzew: Es gibt hier eine sehr treue Klientel von Leuten, die ins Theater kommen und bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sehr viel Vertrauen haben zu dem, was hier gemacht wird. Wir haben, aufgrund der Größe und Beschaffenheit der Region, haben wir keinen Repertoirespielplan, der ständig 20 bis 30 Stücke im Repertoire hat, wenn wir eine außergewöhnliche Sache machen, ist das schon über ein Viertel des gesamten Spielplans. Insofern muss man damit auch so verantwortungsbewusst umgehen, dass die Besonderheiten, die man bringt, auch wirklich welche sind, die dann den Anspruch erfüllen, ein Viertel des ganzen Spielplans zu sein.

12,5 Millionen Euro beträgt der Gesamtetat des Landestheaters Neustrelitz. 7 Millionen kommen vom Land Mecklenburg-Vorpommern, knapp 4 Millionen von den 18 Gesellschaftern der GmbH, das heißt von den umliegenden Städten und Landkreisen, die Neustrelitz als ihr Theater sehen. Das reicht weit über die Landesgrenzen, auch brandenburgische Städte beteiligen sich finanziell. Mit diesen 12,5 Millionen schaffen die Theatermacher knapp 650 Vorstellungen im Jahr in Schauspiel, Oper und Konzert. Manche Berater meinen nun, Intendant Schulze solle einfach "My Fair Lady", "Land des Lächelns" und "Zigeunerbaron" in der Endlosschleife spielen, dann wäre die Bude voll. Doch so leicht möchte er es sich und seinen Zuschauern nicht machen. In einer behutsamen Mischung konfrontiert er sie auch mit weniger bequemen Stücken.

Schulze: Das Publikum hier kommt und möchte gerne Vertrautes sehen, und wir können sie einmal im Jahr verführen, wir können ihnen einmal im Jahr Modernes anbieten. Da hatten wir im letzten Jahr "Jonny spielt auf", wir hatten Giselher Klebe "Figaro lässt sich scheiden", immer spielt diese Spannbreite des Spielplans eine Rolle. Weil ich ungerne im Stadttheater den Begriff des Musiktheaters eingrenzen möchte nur auf den Populismus der Oper, sondern das Spektrum doch ausgedehnt haben möchte.

Von der Primadonna bis zum Pförtner, um nur mal zwei zu nennen, die nicht immer unkompliziert sind, arbeiten in Neustrelitz alle gemeinsam am Produkt Aufführung. Wegen der angenehmen Arbeitsatmosphäre kehren auch jene Sänger gerne zurück, die inzwischen längst an größeren Häusern singen.

Schulze: Eine der Stärken ist natürlich, dass man innerhalb einer Spielzeit das gesamte Spektrum von Musiktheater, von Theater überhaupt bringen kann. Also hier bündelt sich das Schauspiel, das Musiktheater, alles, was sich in einer großen Stadt auf fünf oder sechs Theater aufteilen kann, dass fokussiert sich an einer Bühne, die mit ihrem Ensemble in aller Flexibilität gefordert sind. Und das Stadttheater hat den Charme, das auszuweiten und einen inhaltlichen Fokus in die Region zu tragen.

Mit Antoine Mariottes "Salome" ist Ralf-Peter Schulze und seinem Generalmusikdirektor Stefan Malzew eine Ausgrabung gelungen, um die sie größere Theater beneiden dürften. Das kann jedoch nicht über die alltäglichen Probleme im ärmsten Bundesland hinwegtäuschen. Die langfristige Theaterfinanzierung in Mecklenburg-Vorpommern ist noch immer nicht gesichert. Im kommenden Jahr rechnen die Bühnen mit gleich bleibenden Subventionen, ab 2006 ist noch alles offen.
Wahrscheinlich wird dann auch das Neustrelitzer Theater Haustarife abschließen müssen. Noch hofft der Geschäftsführende Direktor auf eine Nullrunde im Öffentlichen Dienst, Tarifsteigerungen könnte er aus seinem Etat nicht mehr ausgleichen. In dieser schwierigen Situation hat der Schweriner Theaterintendant gefordert, man möge den kleineren Theater die Subventionen wegnehmen, um sie an einem Ort zu bündeln, vorzugsweise an seinem Theater. Ein Tabubruch, der auch Ralf-Peter Schulze empört:

Die Intendanten der Theater in Mecklenburg haben sich verständigt, dass wir nicht Profilierung auf Kannibalismus betreiben wollen. Irgendwelche Vorstöße, Bühnen abzuwickeln auf Kosten anderer Bühnen, wird im Prinzip verweigert. Und auch die Landeshauptstadt muss sehen in Schwerin, wie sie mit sich, mit ihrer Bühne und mit der Umstrukturierung ihrer Bühne nicht auf Kosten der anderen Bühnen ihre Zukunft bestreiten kann.

Noch lebt die Theater- und Opernszene in der Provinz, auch wenn einige Bühnen geschlossen oder fusioniert wurden, und die übrig gebliebenen unter Mittelkürzungen leiden. Viele Lokalpolitiker scheinen gar nicht zu wissen, welchen Schatz sie gerade im Begriff sind aufzugeben. Der Dirigent Stefan Malzew sieht jedenfalls klar die Vorzüge von Neustrelitz und Neubrandenburg, wo er mit seinen ambitionierten Konzertprogrammen und Musikfesten auch Besucher aus dem 200 Kilometer entfernten Berlin anzieht:

Die kleineren Häuser und Standorte, so wie das, was wir hier sind, geben die Möglichkeit für einen sehr direkten, individuellen Publikumskontakt. Der ist mir persönlich sehr wichtig. Das ist bei den Dingen, die ich mir ausdenke, die ich gerne machen will, immer Bestandteil, dass man die Aufführungen zu einer Art Begegnung werden lässt. Auch wenn man nicht jedes Mal ins Gespräch kommt mit den Zuschauern, ist es doch so, dass man dicht dran ist an den Menschen, und das ist bei den Projekten, die in der Konzertkirche Neubrandenburg möglich sind, ein Punkt, der mir hier sehr viel Spaß macht.

Schulze: Und trotzdem ist es eine Sinnfrage, wie die Gesellschaft mit ihren kulturellen Einrichtungen umgehen wird. Und da ist der Notstand schon seit langem ausgerufen. Er ist immer in den Geschicken einzelner Politiker und einzelner Menschen, wie sehr er verwaltet werden kann, wie langfristig. Aber permanent anwesend leben wir damit schon seit 15 Jahren.



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