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29.12.2004
Christoph Hein verzichtet auf Intendanz des Deutschen Theaters
Ein Kommentar
Von Hartmut Krug

Christoph Hein auf einem Archivbild von 1998 (Bild: AP Archiv)
Christoph Hein auf einem Archivbild von 1998 (Bild: AP Archiv)
Auf einer Pressekonferenz gab der Schriftsteller und Dramatiker Christoph Hein am Mittwoch seinen Rücktritt von der zukünftigen Intendanz des Deutschen Theaters in Berlin ab 2006 bekannt. Kultursenator Flierl hat nicht erkannt, welch gerüttelt Maß an Schuld an dem Mediengewitter ihn trifft, das über Hein niedergegangen ist.

Seinen Kandidaten für die Opernstiftung hat Berlins Kultursenator Thomas Flierl noch mit Ach und Krach durchgekriegt. Wenn auch nur, weil Michael Schindhelm alles ignorierte, was ihn in der öffentlichen Wahrnehmung beschädigte.

Der ehemalige gesamtdeutsche P.E.N
Vorsitzende Christoph Hein aber ist ein Mann von anderem intellektuellem und moralischem Kaliber. Flierl erwartete, dass dieser das Deutsche Theater "neu aufrichten" und als "Intellektueller mit Übersicht" dort eine "geistige Haltung" ausprägen werde. Es war schon komisch, wie dieser Kultursenator von der PDS das neue Deutsche Theater auf die alten, vergangenen großen Zeiten eines Deutschen Theaters einzuschwören suchte, als dieses als Nationaltheater der DDR das erste Sprechtheater seines nunmehr untergegangenen Landes war.

Mit einem wunderbaren, aus mancherlei Gründen bis zur Lebenslänge festen Ensemble, mit wenigen, nur hier arbeitenden Regisseuren sowie mit einem eindeutigen Profil verkörperte es ein Theaterideal, das in unserer modernen Medienwelt und unserem föderalen Staat so nicht mehr zu erreichen ist. Indem Senator Flierl aber vom Deutschen Theater eine kritische Klassikrezeption und eine Pflege der klassischen Moderne einforderte, beschrieb er nur, was diese Bühne unter ihrem amtierenden Intendanten Bernd Willms gerade betreibt. Es gab keinen ersichtlichen Grund, warum der Senator dessen im Jahr 2006 ablaufenden Vertrag nicht hätte verlängern sollen. Doch da er dies nicht wollte, kam Bernd Willms seinem Senator mit seiner Absage an eine Verlängerung zuvor. Damit aber war klar, dass jeder neue Intendant unter einem besonderen Legitimitätsdruck stehen würde.

Bis heute, das zeigte auch die Pressekonferenz, auf der Christoph Hein heute Mittag im Amtssitz des Senators seinen Rücktritt vom Antritt zur Intendanz bekannt gab, hat der Senator nicht erkannt, welch gerüttelt Maß an Schuld an dem Mediengewitter ihn trifft, das über Christoph Hein niedergegangen ist. Denn wenn schon jemand nominiert wurde, der auf keiner Intendanten-Ranking-Liste steht, der keine Manager-Fähigkeiten vorweisen kann und dessen praktische Theatererfahrungen - als Dramaturg bei Benno Besson - mehr als 20 Jahre zurückliegen, dann sollte bitte doch eine gute Begründung für die Wahl dieses Mannes geliefert werden.

Die blieb der Senator schuldig, und sein wolkiges Raunen über Sinn und Absicht eines Deutschen Theaters gehörte eher in die Rubrik intellektuelle Realsatire. So wurden die Einwände, die eigentlich dem ungeschickten, unkommunikativen und autoritär selbstbewussten Handeln des Senators galten, gegen Christoph Hein gewandt. Dass Hein sich als Dramatiker einem eher konventionellen Realismus verschrieben hat, nährte die Angst, er werde sich auch als Intendant modernen Formen verschließen. Vor allem überregionale Kritiker aus dem fernen Westen vermeinten auch in der Entscheidung für Hein den Wunsch des Senators nach Menschen mit Ostbiografien in Berliner Leitungsfunktionen zu entdecken. Das ließen sie den so genannten Quereinsteiger Hein in aller Öffentlichkeit vorwurfsvoll wissen.

So tobte in den Feuilletons plötzlich wieder der Ost-West-Kulturkampf. Wenn Christoph Hein jetzt aufgibt, dann auch wegen dieses Kampfes. Nur argumentiert er sensibler als sein Senator, der allein die bösen Ost-West-Vorurteile am Werk sieht. Hein spricht von einem gesellschaftlichen Klima, das unzufrieden und deshalb auch unfreundlich sei. Und er musste konstatieren, dass die massiven Vorverurteilungen etliche mit ihm zur Mitarbeit bereite Theaterleute abschreckten.

Wenn dann der so einflussreiche "Verein der Freunde und Förderer des deutschen Theaters" gegen ihn Stellung nahm und zugleich die Haushaltslage der Stadt es nicht erlaubt, dass Christoph Hein mit seinem Team die Intendanz bis 2006 solide vorbereiten kann, dann ist Christoph Heins Entscheidung, erst gar nicht anzutreten, so nobel wie naiv. Mit seiner sympathischen Redlichkeit und moralischen Dünnhäutigkeit bestätigt er leider die Warner, die dem Schriftsteller nicht die praktische Härte für das schwere Intendantengeschäft zugetraut hatten.

Während Christoph Hein zum unfreiwilligen Opfer von Thomas Flierl wurde, sieht sich der Kultursenator in grotesker Weise weiterhin in der Rolle des erfolgreichen und unbeschädigten Machers. Doch etwas hat er immerhin gelernt: Er hat eine Findungskommission ernannt. Ihr gehören an Hortensia Völckers, Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, der Leipziger Intendant Wolfgang Engel und Ulrich Khuon, der Intendant des Hamburger Thalia Theaters. Diese Kommission wird es in der verfahrenen Situation nicht leicht haben, einen geeigneten Kandidaten zu finden.

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