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Fazit • Kultur vom Tage
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2.1.2005
Erstaunliche Reise durch eine verkannte Kunstform
Video-Achiv in Düsseldorf
Von Ute May

Die Arbeit von Pipilotti Rist, Schweizer Videokünstlerin (Bild: AP)
Die Arbeit von Pipilotti Rist, Schweizer Videokünstlerin (Bild: AP)
Jetzt ist es ganz ruhig hier unten in einer der besten und umfangreichsten Video-Datenbanken, die es weltweit gibt. Jedenfalls bezogen auf Kunst-, Musik- und Werbevideos. Werner Lippert, Kunsthistoriker und Initiator des Düsseldorfer Video-Archivs, will damit mehr als nur den flüchtigen Reiz einer modernen Kunstform konservieren …

… wenn Sie im TV ein Musik-Clip oder im Museum ein Kunstvideo sehen, dann ist das schwierig, das zu wiederholen. Sie können ... nicht im Katalog nachschauen, wie das V aussieht. Dem wollen wir mit der Medialounge abhelfen. Sie können mehr als 1000 Videos aus dem Zentralcomputer aufrufen und möglicherweise mehrfach anschauen, wenn Sie bestimmte Szenen noch mal nachvollziehen wollen.

Zum Beispiel den schnellen Rhythmus der Basketballer mit den rasanten Schuhen.

Obwohl doch nur ein Werbefilm, hat er längst Kultstatus und ist einer der besten in der Datenbank der Medienlounge. Die drei PC-Arbeitsplätze dort sind auf dem neusten Stand der Technik und erlauben den schnellen Zugriff auf das digitale Video-Archiv nach den Sparten Musik, Kunst oder Werbung, nach Entstehungsjahr, nach Thema, Regisseuren. Oder auch nach Künstlern wie Anton Corbijn. Professionelle Anleitung durch den optischen und akustischen Dschungel inbegriffen.

Wenn sie den Titel wissen, können sie den anklicken, wenn sie .... den Namen des Regisseurs wissen, gehen sie auf C, ... aktivieren das Ganze ... bis man dann zu Corbijn kommt.

Und bei den Künstlervideos angekommen ist. Der Niederländer hat nicht nur Videos mit Musikern wie Herbert Groenemeyer und Depeche Mode produziert, sondern auch mit Nirvana.

Anton Corbijn ist ein gutes Beispiel für die fließenden Grenzen zwischen den Genres. Waren es vor fast vier Jahrzehnten witzige Kurzfilme, die Schwung in die Werbung brachten, kam bald die Musikbranche auf die Idee, mit technischen und künstlerischen Experimenten auf ihre Titel hinzuweisen. Keine Frage, dass auch Künstler sich mit diesem Medium auseinander setzten. Und so speist sich Deutschlands umfangreichsten öffentliches Video-Archiv aus drei Quellen, berichtet dessen künstlerischer Leiter Werner Lippert:

... das sind Sender wie MTV, die uns regelmäßig mit ausgewählten Clips versorgen. Das sind Werbeclip-Regisseure, das ist der Art Directors Club, der uns hilft. Und im Falle der Künstler gehen wir in der Regel hin und kaufen Kunstvideos. ... Galerien, bei denen wir diese Filme kaufen und in die Medialounge transferieren.

Besonders freut sich Werner Lippert, wenn Künstler wie Steven Klein, Anton Corbijn oder William Kentridge ihre Kunstvideos dem NRW-Forum schenken.

Der Weg in die Medienlounge im Düsseldorfer NRW-Forum Kultur und Wirtschaft führt quer durch die Cafeteria in's Untergeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes. Über den Köpfen schwebt "Mercury", eine Installation, für die Nam June Paik Video-Monitore und Neonröhren in eine Satellitenschlüssel montiert hat.

Der Medienkünstler aus Korea arbeitete fast 20 Jahre lang in NRW und gilt als Wegbereiter der Medienkunst. Und Nam June Paik war einer der Ersten, der zeigte, dass die Grenzen zwischen den Kunstformen fließend sind. Und Werner Lippert ergänzt:

... das Genreübergreifende das Interessante ist auch für unsere Nutzer. Es gibt Studenten und Profs, die ihre Arbeiten vorbereiten und die ... Tänze in Videos suchen. Und zwar in Werbevideos wie in Kunstvideos oder Musikvideos. Man kann sich leicht vorstellen, dass das interessante Vergleiche zulässt.

Eine so direkte Gegenüberstellung der Bildästhetik über die Jahrzehnte lässt neben kultur- auch gesellschaftswissenschaftliche Schlüsse zu. Das möglich zu machen, war eine Überlegung, die zur Gründung der Düsseldorfer Medialounge führte. Ein Anlass war aber auch die Unzufriedenheit darüber, dass es Bibliotheken für Bücher, Artotheken für Bilder, aber keine Videotheken für Kunstvideos, für Musikclips und für Werbevideos gibt. Es gibt erst seit den 80er Jahren, so Werner Lippert

... ein neues Medium, das Video, das die traditionellen Medien wie Skulptur, wie Malerei, wie Fotografie ergänzt hat. Das ist die Welt der Videos. In dieser Welt hat sich ‘ne eigene Ästhetik ausgebildet , ... weil es sich um bewegte Bilder handelt, weil es sich um Geschichten handelt, die auf einander aufbauen. Es gibt das kleine Format des Videos. Und es gibt ‘ne eigene Qualität und eigene Einflüsse innerhalb dieser Welt.

Dabei lässt der Vergleich den überraschenden Schluss zu, dass sich die verschiedenen Sparten gegenseitig beeinflussen. Wer sich die Mühe macht, nicht thematisch, sondern historisch durch das Düsseldorfer Video-Archiv zu zappen, wird manche Veränderungen feststellen, die auch in die vertraute bildende Kunst eingeflossen sind. Oder ist es umgekehrt? Die Antwort hängt auch vom Standpunnkt des Betrachter ab, denn

… es gibt neue Bildgenerationen, ... die sind opulenter geworden, sie sind ... so schnell geworden, dass ältere Generationen Schwierigkeiten haben, die Schnitte mit zu verfolgen. Sie sind in den letzten Jahren zum Teil monströs geworden. Es gibt ganz erschreckende Mutationen beim Menschenbild ... jetzt wird es wieder etwas romantischer und verspielter in den Bildern.

Mit schalldichten Kopfhörern, einem komfortablen Monitor und lediglich zwei Steuerknöpfen auf dem Pult kann man sich aufmachen zu einer erstaunlichen Zeitreise durch eine allzu oft verkannte Kunstgattung.
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