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2.1.2005
Jahresrückblick 2005
Einstein-Jahr und Kriegsende
Von Tobias Wenzel

Albert Einstein wurde 2005 gefeiert (Bild: AP)
Albert Einstein wurde 2005 gefeiert (Bild: AP)
Joschka Fischer: Durch den Schornstein kam herab ...

Michael Glos:
... ein grüner Teufel.

Dezember 2005, eine politische Debatte mit neuem Ton. Aber der Reihe nach. Es war das Jahr der Jubiläen, der Dichter und vor allem eines Denkers. Albert Einsteins Todestag jährte sich im April zum 50. Mal. Und: Vor 100 Jahren veröffentlichte Einstein seine spezielle Relativitätstheorie. Die Museen in aller Welt ehrten ihn deshalb 2005 mit Sonderausstellungen.

Albert Einstein:
Verehrte An- und Abwesende!

Die berühmte Begrüßung war in der Ulmer Einstein-Ausstellung zu hören. Es war mehr als eine Floskel, erfuhren die Besucher, es war auch eine Anspielung auf das Zeitparadoxon: Begibt sich ein Zwillingsbruder mit annähernder Lichtgeschwindigkeit in den Weltraum - ist er also abwesend - und kehrt er zu dem auf der Erde anwesenden Zwillingsbruder zurück, so ist der vorübergehend abwesende Bruder weniger gealtert.

Was für Einstein die "Zeit", war für Schiller der Begriff der Freiheit. So formulierte es der Philosoph Rüdiger Safranski am Rande des Festakts zum 200. Todestag Friedrich Schillers im Marbacher Nationalmuseum:

Da gibt es die existentielle Freiheit bei Schiller. Da geht es darum, dass er ein kranker Mann war, über die Hälfte seines Lebens hin, und dem Geist seine Freiheit über den Körper sichern wollte. Er hat sein Werk einem kranken Körper abgerungen.

Aber 2005 war nicht nur ein Jahr des Gedenkens, sondern auch des Skandals. Eigentlich wollten der Rhetoriker Walter Jens und der Germanist Peter Wapnewski mit ihrem gemeinsamen Auftritt in Berlin die Wogen um eine alte Geschichte glätten: die verschwiegene Mitgliedschaft in der NSDAP. Jens stellte seinen Essay "Meditationen über meine Jugend" vor und Wapnewski gar eine ganze Autobiographie. Aber beide stritten in ihren Texten ab, für den Eintritt in die Partei verantwortlich zu sein. Die Feuilletonisten und die Bürger waren empört. Zum Unverständnis von Peter Wapnewski:

Der Empörungsschrei der Bürger klingt unecht. Wir bekunden überdies mit Nachdruck, dass wir die ästhetisch-moralische Schutzzone herbeiflehen, die nicht das Bewahren des Tabus für ehrenvoll hält.

Das Skandälchen wurde zum Skandal. Auch, weil Walter Jens sich in einem Radiointerview der Frage stellte, ob der gemeinsame Auftritt in Berlin nicht kontraproduktiv gewesen sei:

Walter Jens:
Es gab ja ein Abendessen! Es gab ja sogar mehrere Gänge. Es tauchte eine Brigade aus dem Adlon auf!

Besonders brisant war der Zeitpunkt des Skandals: Anfang Mai. Längst war Deutschland dabei, die Schuldfrage im Nationalsozialismus neu zu diskutieren. Der Anlass: der 60. Jahrestag des Kriegsendes:

Thomas Mann, 10. Mai 1945:
Es ist trotz allem eine große Stunde: die Rückkehr Deutschlands zur Menschlichkeit./

So Thomas Mann (dessen 50. Todestag dem Lübecker Buddenbrookhaus eine Sonderausstellung wert war) in seiner letzten BBC-Ansprache an die Deutschen. Das war am 10. Mai 1945. Am 10. Mai 2005 wurde in Berlin nach langen Querelen das Holocaust-Mahnmal eingeweiht. Zum ersten Mal durften Interessierte den unterirdischen Ort des Gedenkens und das Stelenfeld betreten. Mit unterschiedlichen Eindrücken:

Stelenfeld-Betrachter: Was ich so feststelle, ist, dass die ganzen Blöcke nicht gerade ausgerichtet sind. Also, die sind alle ein ganz klein wenig schräg.

Kritik am Mahnmal, mit der Architekt Peter Eisenman und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse gut leben konnten:

Wolfgang Thierse: Es ist nicht nett, es ist nicht hübsch, sondern, in einem vernünftigen Sinne des Wortes, anstößig. Das ist der Sinn des Denkmals. Und deswegen wird es immer Leute geben, die sich daran stören, und dann sag‘ ich: Das ist in Ordnung so.

Nicht in Ordnung ist, dass die Deutschen 2005 noch ungesunder und noch mehr als im Vorjahr gegessen haben und dass nur noch die Hälfte Sex hatten. Wie auch, mit Pommes Frites im Mund. Das schadet langfristig auch der Kartoffelindustrie. Denn bei dieser Enthaltsamkeit sind die Deutschen 2050 auf drei Viertel eingeschrumpft. Entertainer Harald Schmidt wird dann wohl tot sein. 2005 allerdings war er wieder regelmäßig satirisch aktiv, in der ARD. Schmidt hob den 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen hervor. Denn, so Schmidt, Hypochonder müssten nun mal zusammenhalten. ("Hypochonder", übrigens ein Wort, das so manch ein Deutscher 2005 übereifrig mit "ü" schrieb, die verbindliche neue Rechtschreibung nur halb im Blick.)

Dänemark jedenfalls investierte 32 Millionen Euro ins Andersen-Jahr und verpflichtete Fußballer Pelé als Märchen-Onkel. Und die deutschen Theater spielten Märchen rauf und runter. Ohne von einem Fehler zu wissen. Die Kopenhagener Professorin für Märchen und Sagen Anne Vitørg:

Die Deutschen meinen, es heiße 'Des Kaisers neue Kleider‘. Das ist aber falsch. Der Irrtum beruht auf einem Übersetzungsfehler aus dem 19. Jahrhundert. Im Original steht nicht das Wort für Kleider, 'klæde(r)‘, sondern für 'Freude‘ 'glæde‘. Richtig heißt es also 'Des Kaisers neue Freude‘. Ich versteh‘ nicht, wie sich der Irrtum in Deutschland bis 2005 halten konnte.

Fraglich bleibt auch, ob sich die deutschen Politiker 2006 so sehr von Andersen inspirieren lassen wie im Dezember 2005:

Joschka Fischer: Es war in der Vorweihnachtszeit. Und überall roch man den Glühweinduft. Und es gab Kekse.

Michael Glos: Sie tanzten zu den Klängen eines teuren Orchesters.

Renate Künast: Vize-König Joschka sagte aber dann: 'Gerd, Walzer ist so etwas für feine Leute.‘ Und deshalb sagte der König Gerd: 'Gut, Kapelle nochmal: Polka!‘ Und so tanzten sie rumtatarumtata.
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