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1.1.2005
The biggest thing in 2005!
Das irische Cork ist europäische Kulturhauptstadt 2005
Von Peter Krause

Was Lille (hier auf dem Foto) und Genua schon hinter sich haben, hat Cork noch vor sich: es ist europäische Kulturstadt 2005 (Bild: AP)
Was Lille (hier auf dem Foto) und Genua schon hinter sich haben, hat Cork noch vor sich: es ist europäische Kulturstadt 2005 (Bild: AP)
Nach dem französischen Lille und der italienischen Hafenstadt Genua ist Cork, im Südwesten Irlands gelegen, die europäische Kulturstadt 2005. Doch zum ersten Mal wurde einer Stadt der Titel Kulturhauptstadt Europas verliehen. Und Cork als zweitgrößte irische Metropole hat sich gleich das dazu passende Motto ausgedacht: The biggest thing in 2005! Denn für ein Jahr steht die Stadt nicht mehr im Schatten Dublins. 200 Projekte mit 3000 Veranstaltungen hat sich das Planungsbüro ausgedacht.

Schon wenn man das erste Tor des ehemaligen Frauengefängnisses von Cork passiert, ist man ohne es zu wissen unter einem Galgen hindurch gegangen. Von außen sieht das Cork City Goal (jail) wie eine nette alte Burg aus, aber kaum ist man im ersten Innenhof angelangt, wird man von den wuchtigen Mauern des Kerkers fast erdrückt. Heute dient es als Museum, überall stehen oder liegen berühmte Gefangene als Puppen auf Pritschen herum. Wohl wegen des berufsnahen Flairs feiern Justiz und Rechtsanwälte dort jedes Jahr ihren Ball. 1927, 5 Jahre nach Schließung des Gefängnisses zog der erste lokale Radiosender dort ein.

Mary Leland Autorin und Historikerin sammelt seit vielen Jahren Geschichte und Geschichten in Cork.

Dass Cork keine dieser wunderbaren langen Strassen hat liegt daran, dass die Stadt auf Marschland entstanden ist und jeder, der ein Haus bauen wollte, musste das Stück Land selbst trocken legen, selbst entwässern. Man sieht den Fluss nicht mehr, weil er heute eine Strasse ist, Patrick Street.

In die Patrick Street, die Hauptstrasse von Cork haben sich riesige Schiffsmasten verirrt, an ihnen keine Möwen sondern Scheinwerfer, die das für eine Provinzstadt enorme und äußerst elegante Shoppingangebot anstrahlen. Und gegen den häufig grauen Himmel haben die Corker wie überall in Irland ein wunderbares Konzept - sie malen ihre Häuser bunt an. Wer Cork besucht, wird keine spektakulären Sehenswürdigkeiten vorfinden, deshalb sollte man sich Zeit nehmen und mehr mit den Details befassen, meint der Dichter Thomas McCarthy.

Es ist eine versteckte Stadt, jeder der hierher kommt sollte aus seinem Auto steigen und vier Tage herumlaufen, dann werden sie etwas sehen. … es gibt sehr schöne Straßen, wunderbare Parks und sogar Vogelgehege mitten in der Stadt, die nur die Leute kennen, die hier leben. Exquisite Galerien und Kirchen, die man nur finden kann, wenn man die Strassen entlanggeht und geht und geht, bis man all die Galerien, Vogelgehege und die Geburtshäuser von Dichtern und Schriftstellern entdeckt.

Es ist keine seltene Kuckuckart, die da ruft, sondern ein Verkäufer des Evening Echo, der Tageszeitung von Cork. Jeder Straßenhändler hat seinen eigenen Lockruf. Mittlerweile boomt die zweitgrößte Stadt Irlands, die Arbeitslosenquote liegt bei 0 Prozent. Das sah vor 15 Jahren noch ganz anders aus, jeder vierte Corker war arbeitslos. Das traurigste Kapitel dieser Stadt bezieht sich jedoch auf die Zeit von 1850 bis 1930, als 3-4 Millionen Iren über Cork und seinem Überseehafen Cobh, nur 20 Kilometer entfernt und direkt am Meer gelegen in die USA auswanderten.

Der kleine Sackbahnhof von Cobh, in dem viele verzweifelte Menschen durchgeschleust wurden, ist mittlerweile zu einem Museum der Auswanderung umfunktioniert worden. Direkt mit dem Thema Emigration und Erinnerung befasst sich auch das Boomerang Theatre. Ihr Projekt "Crossing Waters and Borders down Memory Lane", vernetzt verschiedene irische und internationale Theatergruppen per Internet, Video und Kabelverbindung und wird im Rahmen von Cork 2005 im März aufgeführt. Ungewöhnlich am diesjährigen Kulturstadtprogramm ist, wie Direktor John Kennedy, ehemaliger Tourmanager der Popgruppe U2 und seine rechte Hand, der Schriftsteller Thomas McCarthy das Kulturjahr mit Leben gefüllt haben.

Wir haben schon sehr früh beschlossen, dass das Programm der Stadt für 2005 auf der Basis öffentlicher Ideen-Aufrufe entwickelt werden sollte. Wir haben also etwa 2000 öffentliche Vorschläge erhalten, nicht nur aus Cork, sondern aus ganz Irland und anderen europäischen Ländern. Und wir haben diese großartigen 2000 Ideen auf 200 Projekte herunter gekürzt.

Mel Mercier, Komponist und Professor an der Hochschule für Musik hat die Erkennungsmelodie für Cork 2005 geschrieben, einem Programm, dass mit dem Slogan "The biggest thing in 2005" wirbt. Schließlich kann sich Cork endlich einmal gegenüber Dublin profilieren. Das tut die Stadt mit viel Kultur, wie einer Ausstellung und einem Erinnerungskonzert zu Ehren des berühmten Rockmusikers Rory Gallaghers, einer Kindertheater-Aktion, The red city, in der die Kleinen nach der idealen Stadt suchen und Veranstaltungen, die sich damit auseinandersetzen, was es bedeutet am Rande Europas zu sein. Aber auch mit skurrilen Sport-Events, wie der Meisterschaft im Road Bowling, bei der Eisenkugeln mit den wenigsten Würfen in ein ca. drei Kilometer entferntes Ziel gelangen müssen.

Als europäische Kulturhauptstadt setzt Cork auch auf viele Projekte mit den neuen EU Ländern. Ende des Jahres erscheint zum Beispiel ein Buch mit Gedichten aus den 13 neuen Staaten. Und während Dutzende von Strassentheatergruppen fast das ganze Jahr über zu erleben sind, bekommen die Besucher auch kulinarische Events geboten: Beim Food and drink Festival können sie schlemmen, neapolitanischen Pizzabäckern Open-air bei der Arbeit zu schauen oder das fahrende Luxus-Restaurant aufzusuchen.
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