Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
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1.1.2005
Einsteinjahr 2005
Berliner Stadtspaziergang auf den Spuren des Genies
Von Barbara Wiegand

Albert Einstein 1949, einige Tag vor seinem Geburtstag am 14. März in seinem Haus in Princeton (Bild: AP Archiv)
Albert Einstein 1949, einige Tag vor seinem Geburtstag am 14. März in seinem Haus in Princeton (Bild: AP Archiv)
Was erinnern Sie, wenn Sie den Namen Einstein hören? Fotoeffekt, Jude, Relativitätstheorie, ausgestreckte Zunge.

Die Zunge, ja - weit rausgestreckt, ein wenig durch den Wind die Haare, - ein Bild das man vor Augen hat in Sachen Albert Einstein. Und das für die Originalität und die Popularität des Physikers spricht. Weil es zigfach auf Postern plakatiert, per Postkarte verschickt wurde und dafür steht, dass Einstein schon zu Lebzeiten ein von den Medien geschätzt gehetzter Star war - denn der 1879 in Ulm geborene Sohn jüdischer Eltern streckt seine Zunge entnervt den Fotografen raus, die ihn ins Visier ihrer Kameras nehmen. Eher wie ein Filmstar denn ein Naturwissenschaftler wurde er denn auch empfangen, als er 1933 in den Vereinigten Staaten von Amerika ankam.

Die übertriebene Begeisterung für mich in Amerika erscheint mir typisch amerikanisch und wenn ich den Grund dafür richtig sehe, liegt es daran dass die Menschen in Amerika sich kolossal langweilen.

Auch seine Vorlesungen in der Humboldtuniversität gerieten so zur kultigen Veranstaltung für Schaulustige, die das lebende Berliner Wahrzeichen gesehen haben mussten, erläutert Ralph Hoppe von Stattreisen vor dem Uni-Hauptgebäude Unter den Linden weiter. Sie versuchten sicherlich erst gar nicht, was andere, wie es heißt, nur schwer vermochten: Einsteins Ausführungen zu seinen wissenschaftlichen Theorien zu folgen. Ein Kollege des Genies fasst es so zusammen:

Also ich glaube Einstein hat es wirklich verstanden, was er mir da gerade erzählt hat.

Das mit dem Verständnis von E = m•c² ist auch heute so eine Sache, gesteht ein Besucher aus Wuppertal. Was vielleicht ja gerade deshalb Einstein und die spezielle wie allgemeine Relativitätstheorie nicht weniger faszinierend macht:

Ich denke, dass Einstein eine der interessantesten Persönlichkeiten ist, die wir haben. Und eines meiner großen Ziele ist, sein Werk irgendwann zu verstehen.

Die Erkenntnis, dass Zeit und Raum relativ sind, steht wie andere seiner Forschungen etwa zur Quantenphysik für Einsteins wichtige Rolle in der Welt der Wissenschaften: So holt man ihn 1913 an die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der heutigen Staatsbibliothek Unter den Linden, an der die Teilnehmer dieses Spaziergangs vorbeigeführt werden. Er leitete das Physikalische Institut in der Dorotheen Ecke Bunsenstraße, war Mitglied der heutigen Max Planck und einstigen Kaiser Wilhelm Gesellschaft. Hier, vor der so genannten Kommode am Bebelplatz stehend, wird offenbar, dass dieser Platz auch für das Ende von Einstein in Berlin steht - mit dem Mahnmal zum Gedenken an die Bücherverbrennung - 1933 emigrierte der Nobelpreisträger in die USA, und kehrte nie mehr nach Deutschland zurück

Die Verbrechen der Deutschen sind das Abscheulichste was die Geschichte der Nationen aufzuweisen hat. Die Haltung der deutschen Intellektuellen war nicht besser als die des Pöbels. Nicht einmal Reue und ein ehrlicher Wille zeigt sich, das Wenige wieder gut zu machen, was nach dem riesenhaften Morden wieder gut zu machen wäre. Unter diesen Umständen habe ich eine Aversion dagegen an irgendeiner Sache beteiligt zu sein, die ein Stück des deutschen öffentlichen Lebens verkörpert. Einfach aus Reinlichkeitsbedürfnis.

Einstein kehrte nie - blickte aber zurück nach Nazideutschland. Und wandelte sich vom überzeugten Pazifisten zum Befürworter der Entwicklung der Atombombe, um den Deutschen, wie man damals fälschlicherweise fürchtete, vorherzukommen. Ein Bruch mit einer pazifistischen Grundeinstellung der auch einen Bruch mit dem ebenfalls in die USA emigrierten Bertold Brecht bedeutete.

Das Ziel des Forschers sei reine Forschung. Das Produkt weniger . Die Formel E = m .c² ist ewig gedacht. Die Stadt Hiroshima ist plötzlich sehr kurzlebig geworden.

Unter dem Denkmal Bert Brechts am Berliner Ensemble stehend, zitiert Hoppe dann aus einem Brief Einsteins, der voller Bewunderung für Brechts Galileo Galileo ist und vom einst besseren Verhältnis zwischen beiden zeugt. Ansonsten finden sich wenig Spuren, die vom kulturellen, gesellschaftlichen Leben Einsteins erzählen. Nur die Überlieferung, dass der Nobelpreisträger als Zionist aber kaum strenggläubiger Jude in die Synagoge ging, auch um dort Violine zu spielen, dass er dem Ruf nach Berlin wohl vor allem folgte, weil hier seine spätere zweite Frau Elsa lebte.

Vielleicht weiß man ja auch so wenig von Einsteins Berliner Alltag, weil er es vermied, zu sehr in der Öffentlichkeit zu stehen. So konsequent, dass Albert Einstein sich nach seinem Tod 1955 in Princeton entgegen jüdischem Brauch verbrennen und seine Asche in alle Winde zerstreuen ließ - keine Kultstätte gibt es also. Aber die Erinnerung an den Mann mit der rausgestreckten Zunge, der mit oft wirrem Haar und seinen Erkenntnissen die Welt der Physik relativ revolutionierte, die bleibt auch ohne dies - wie an sein Vermächtnis - das glücklicherweise - bisher nicht eingetreten ist.
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