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3.1.2005
"Ray"
Ein Film von Taylor Hackford über Ray Charles
Von Jörg Taszman

Der Musiker Ray Charles im Jahr 2003 (Bild: AP)
Der Musiker Ray Charles im Jahr 2003 (Bild: AP)
Er drehte so unterschiedliche Filme wie den patriotischen "An Officer and Gentleman" mit Richard Gere oder "Hail Hail Rock N Roll" über Chuck Berry. Nun hat der Amerikaner Taylor Hackford wieder einen Musikerfilm gedreht, mit dem er in den USA Kritik wie Publikum überzeugte: "Ray" über den erst kürzlich verstorbenen Ray Charles.

Taylor Hackford brauchte 15 Jahre, um seine filmische Künstlerbiografie über Ray Charles zu drehen. Dazu gehört dann schon eine Obsession, sagt der Amerikaner lachend. Aber für ihn war das Leben von Ray Charles einfach eine gute Geschichte mit allem, was ein Film braucht: Liebe, Schmerz, Unterhaltung und Humor.

Taylor Hackford: Ich konnte nur leider keinen finden, der den Film machen wollte. Das frustrierte mich und ich war sogar ziemlich wütend. Für mich ist es nur so: Wenn ich Interesse an einem Stoff habe aber niemanden überzeugen kann, dann denke ich neu nach und frage mich: Vielleicht bin ich ja verrückt und sollte diesen Film nicht drehen? Nach einer Weile merk ich jedoch, nein ich habe recht und so wird es zu einer Passion und richtig ansteckend. Ich habe während meiner langen Hollywoodkarriere eins gelernt: Die Menschen, die Filme finanzieren, wissen gar nichts. Die verstehen etwas von Remakes oder Sequels, aber von originellen Stoffen, die wirklich etwas bewirken, verstehen sie nichts.

In einem Punkt hat sich das lange Warten für Taylor Hackford gelohnt. Er lernte Ray Charles im Laufe der Jahre immer besser kennen. So wurde sein Film persönlicher und ehrlicher. Der Regisseur wusste um die Gefahr, eine lebende Legende nur in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, und die dunklen Seiten einfach auszusparen. Aber gerade weil sich Ray Charles und Taylor Hackford immer besser kennen lernten, war der Musiker auch bereit sich zu öffnen. Gab es dennoch Konflikte, war der Filmemacher wirklich frei?

Taylor Hackford: Ich war völlig frei. Das ist es ja, was so ungewöhnlich ist. Ray Charles ist ein großer Künstler. Ich glaube wirklich, er war ein Genie und er gehört zum Besten, was Amerika zu bieten hat. Aber auch als Mensch war er großartig, weil er mir keinerlei Grenzen setzte. Seine Autobiografie ist voller Fakten, doch es gibt keinen emotionalen Kontext. Er berichtet sachlich davon, wie sein Bruder ertrank, er selber neun Monate später erblindete. All das ist wahr, aber er redet nicht über seine Gefühle. So musste ich meine eigenen Recherchen unternehmen und sprach mit 35 Menschen.

Wenn Taylor Hackford danach mit Ray Charles sprach, ihn mit gewissen Dingen konfrontierte, dann wurde er von Ray Charles ermutigt, in seiner Recherche fort zu fahren. So entstand ein für amerikanische Verhältnisse wirklich erstaunlicher Film, der Probleme und Brüche in der Biografie wie Drogensucht und viele Affären nicht ausspart. Völlig zu Recht gilt der Film als heißer Oscarkandidat und kann mit so sehenswerten Musikerbiografien mithalten wie "Bird" von Clint Eastwood oder "Round Midnight" von Bertrand Tavernier. Taylor Hackford stellt in "Ray" mehrere Thesen auf, die nachvollziehbar erscheinen. Eine Schlüsselszene ist der Tod des jüngeren Bruders, den sich Ray Charles immer wieder vorwarf. Taylor Hackford behauptet auch, dass Ray Charles wohl in jedem Fall Musiker geworden wäre.

Taylor Hackford: Für mich war die wichtige Frage und ich fragte ihn das auch: Ray, wenn du nicht blind -, und bei deinem Talent gewiss auch Musiker geworden wärst, hättest du diese Größe erreichen können? Er sagte, das ist eine interessante, hypothetische Frage, die mir noch keiner gestellt hat. Er dachte nach und sagte "Wahrscheinlich nicht." Das war für mich der Schlüssel. Seine Größe hatte etwas mit seiner Blindheit zu tun. Wenn man religiös erzogen ist und sich schuldig am Tod des Bruders fühlt wie Ray, und neun Monate später erblindet, dann fühlt man sich verflucht von Gott. Aber seine Mutter sagte immer zu ihm, du bist vielleicht blind aber nicht dumm. Das hat ihn geformt und davon erzähle ich in meinem Film und Ray Charles erlaubte mir das.

Was Taylor Hackford nicht ganz uneitel das Geschenk eines Künstlers an einen anderen Künstler nennt, ist für den Zuschauer ein mitreißender auch überraschender Film, der dann leider schon in den 60er Jahren aufhört. Selbst wer die psychoanlaytischen Ansätze etwas in Zweifel zieht, sieht immer noch einen großen Musikfilm, der auch die Politik und den Rassismus thematisiert. So war "Georgia on my Mind" einer der größten Hits von Ray Charles in Georgia über zehn Jahre lang verboten, weil der Musiker die Rassentrennung angeprangert hatte. Auch davon handelt dieser Film, dessen Aufführung Ray Charles nicht mehr erlebte. Er starb am 10. Juni 2004, drei Monate vor der Welturaufführung beim Filmfestival in Toronto.
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