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Fazit • Kultur vom Tage
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12.1.2005
Wie viel "Multikulti" verträgt eine Stadt?
Schilderstreit in Hannover
Von Volkhard App

Russische Zeitungen gibt es hier zu Lande - Straßenschilder mit kyrillischen oder arabischen Buchstaben noch nicht (Bild: AP)
Russische Zeitungen gibt es hier zu Lande - Straßenschilder mit kyrillischen oder arabischen Buchstaben noch nicht (Bild: AP)
Die Bewohner eines vorwiegend von Studenten und Migranten bewohnten Stadtteils in Hannover staunten nicht schlecht, als kürzlich neben den vertrauten Straßenschilder in kyrillischer und arabischer Buchstaben hingen. Sie mussten wieder abgehängt werden, obwohl die Aktion kein spontanes Happening, sondern ein Projekt eines um interkulturelle Verständigung bemühten Netzwerks war.

Alteingesessene Stadtteilbewohner staunten nicht schlecht, als kürzlich an vertrauten Straßen Schilder mit kyrillischen Buchstaben hingen, und solche in arabischer Schrift. Sie waren direkt unter den deutschen Straßennamen angebracht und bedeuteten auch nichts anderes als die Übertragung dieser Namen in die jeweils andere Sprache. So geschehen in einem früheren Arbeiterviertel Hannovers, das inzwischen stark von Studenten genutzt wird und von Familien aus vielerlei Herkunftsländern.

Als vor einigen Tagen der Oberbürgermeister aus dem Urlaub zurückkehrte und ihn besorgte Anfragen erreichten, sprach er ein Machtwort. Die fremdsprachigen Schilder mussten wieder abgehängt werden. So schnell wurde selten ein politischer Beschluss umgesetzt wie an diesem Tag. Publizistische Beobachter tauften Hannover prompt in Schilda um, die Grünen forderten die Fortsetzung des Projekts, die CDU bezeichnete es als "pure Geldverbrennung". Jetzt sind die kyrillischen Schriftzüge nicht mehr zu sehen - aber die Diskussion dauert an.

Wieviel "Multikulti" also darf sein in einer deutschen Stadt? Offiziell begründet wird die Demontage mit formalen Fehlern. Das Straßenverkehrsamt war nicht hinreichend informiert worden, und letztlich hätte die Ratsversammlung über die Angelegenheit entscheiden müssen. Denn nicht jeder darf bei uns so einfach Straßenschilder anbringen.


Andererseits war die Aktion kein Happening von Privatleuten, sondern das Projekt eines um interkulturelle Verständigung bemühten Netzwerks, das städtisch eingebunden ist und aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, auch aus Bundestöpfen. Einzelne Vertreter der Stadt waren in dieses Projekt einbezogen. Also bloß ein Kommunikationsproblem innerhalb der Verwaltung?


Nicht ganz, denn da waren noch andere Töne aus oberen Etagen zu vernehmen. Solche doppelten Straßenschilder gäbe es in keiner anderen deutschen Stadt, so hieß es, nicht einmal in Berlin-Kreuzberg, das hier offenbar als Maßstab dafür gilt, was interkulturell so alles möglich ist in unseren Breiten.

Außerdem könnten auch Angehörige anderer Kulturen demnächst Ansprüche anmelden: Chinesen z.B. und Japaner. Und man wisse ohne offizielle Prüfung auch gar nicht, was auf den Schildern tatsächlich draufstehe. Ja, was soll da wohl draufstehen? Der Werbeslogan des persischen Gemüsehändlers von der nächsten Ecke? Oder womöglich eine Botschaft Bin Ladens?

Das verantwortliche Netzwerk wollte ohnehin nicht alle Straßenschilder fremdsprachlich ergänzen, und auch nicht unter jedes deutsche unzählige andere hängen, um möglichst viele Migranten zufrieden zu stellen. Dieser Versuch an zunächst wenigen Stellen war vielmehr als symbolische Aktion gedacht, er sollte für Gesprächsstoff sorgen.

Das ist gelungen, wenn auch in anderer Hinsicht. Hannover, das muss hier eingefügt werden, zeigt sich gern als weltoffene Stadt. Man verweist auf die Tradition der internationalen Messen, und nicht einmal fünf Jahre ist es her, da tobte die Weltausstellung über das Gelände draußen vor den Toren. Die Gastronomie und das Herbergsgewerbe sind auf die touristische Nachfrage dringend angewiesen. Aber wenn sich die Begegnung der Kulturen unmittelbar in die Stadtteile, die Wohnviertel, verlagert, liegen die Dinge eben anders.

Vielleicht haben die Politiker reagiert, weil sie - abgesehen von der verletzten Förmlichkeit - keinen zusätzlichen Konfliktschauplatz wünschen. Der Oberbürgermeister lässt es sonst an Signalen kultureller Aufgeschlossenheit nicht fehlen, er musste in letzter Zeit aber manches heftige Echo hinnehmen - zum Beispiel als er vor ein paar Wochen bekannt gab, er könne sich eine Moschee an zentraler Stelle Hannovers durchaus vorstellen und wolle sich dem möglichen Wunsch einer muslimischen Gemeinde nicht widersetzen.

Minarette dort, wo sonst Bankgebäude das Bild bestimmen dürfen? Vielleicht liegt ja der Schilderstreit auf derselben Wellenlänge. Diese für viele nicht entzifferbaren Wörter sind ein Symbol, das Teilen der Bevölkerung Angst macht: In ihren Augen sind solche Schilder eine Ermutigung dieser anderen Kulturen - mit der Lizenz, weiter wachsen zu dürfen. So gesehen, wäre dieser Streit ein Art Lackmustest, der den wirklichen Stand interkultureller Verständigung offen legt. Dabei hätte Hannover mit einer solchen symbolischen Schilderaktion eine nationale Vorreiterrolle spielen können. Diese Chance ist vertan.




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