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12.1.2005
Schiller-Marathonlesung mit Bundeskanzler
Kulturstaatsministerin präsentiert Projekte zum "Schillerjahr"
Von Margarete Limberg

Das Marmordenkmal zu Ehren des Dichters Friedrich Schiller auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Das Marmordenkmal zu Ehren des Dichters Friedrich Schiller auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (Bild: AP Archiv)
Schiller, so sagen die Organisatoren der wichtigsten Veranstaltungen in Marbach und Weimar, sei auch im 21. Jahrhundert aktuell. Spektakulärer Auftakt des "Schillerjahres 2005" ist am 5. und 6. März eine Marathonlesung in Berlin, bei der es sich der Bundeskanzler nicht nehmen lässt, als Erster aufzutreten.

Im Schillerjahr sollte man von jedem Politiker, der Schiller zitiert, eine Kulturabgabe zu Gunsten Not leidender Kultureinrichtungen verlangen, forderte kürzlich Günter Grass. Es gebe, so räumte die Staatsministerin für Kultur Christina Weiss heute ein, gewiss Menschen, die den Namen Schiller schon nicht mehr hören könnten. Denn natürlich läuft das Termingeschäft mit dem 200. Todestag des Dichters seit Monaten auf Hochtouren. Die Auslagen der Buchhandlungen zeigen es ebenso wie die Spielpläne der Theater. Dennoch findet die Staatsministerin dieses "Schillerjahr 2005" nicht überflüssig. Es gelte vielmehr:

… deutlich zu machen, dass die Erinnerung an Schiller nicht nur eine Angelegenheit von Institutionen und Personen ist, sondern dass Schiller auch die Angelegenheit einer aktiven Kulturpolitik ist. Und dass wir dieses Jahr nutzen wollen, um anders und etwas präziser Schiller wieder zu lesen und wieder zu entdecken und vor allem einige seiner Ideen uns auch zu Nutze zu machen.

Die letzten beiden Schillerjahre, 1955 und 1959, liegen ein halbes Jahrhundert zurück, sie waren noch überschattet von der NS-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg.

Schiller sei immer noch einer der wenigen Namen, der den meisten Deutschen auf Anhieb einfalle, wenn nach Dichtern und Denkern gefragt werde. Aber er war eben auch ein Dichter, der, so Frau Weiss, vielfältig für eigene Zwecke instrumentalisiert wurde:

Kein anderer Dichter, auch Goethe nicht, ist in den letzten 200 Jahren häufiger und heftiger gebraucht, aber auch missbraucht worden als Schiller. Auf Schiller haben sich nicht alle, aber viele berufen, weil dessen Pathosformen sich dafür natürlich weitaus besser eigneten als das harmonistische Welt- und Persönlichkeitskonzept seines Weimarer Freundes.

Das "Schillerjahr 2005" soll die Gelegenheit bieten, das Bild des Dichters zu überprüfen und unser Verhältnis zu ihm zu überdenken. Wie bei kaum einem anderen deutschen Dichter verstellen langlebige Vorstellungen und Vorurteile den freien Blick. Schiller, das ist der arme, ewig leidende, über allem stehende, mit geflügelten Worten hantierende, mit sich und der Sprache ringende Freiheitsdichter.

Keine Epoche der deutschen Geschichte seit 1805 kam ohne ihren Schiller aus. Jede Zeit schuf sich jeweils ihren eigenen Schiller als Kristallisationspunkt eigener Vorstellungen und Bedürfnisse. Dieser Schillerkult ist längst Vergangenheit. Es soll in diesem "Schillerjahr" nicht darum gehen, den Dichter erneut auf einen Sockel zu stellen, sondern darum, ein gerechteres Verhältnis zu ihm zu entwickeln und sich die Vielfalt seiner Werke bewusst zu machen. Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes:

Was uns besonders bewegt hat und auch interessiert hat, ist eigentlich Schiller als Utopist, als Kritiker, vielleicht auch als Subversiver und als derjenige, der dieses Verhältnis zwischen Ästhetik und Politik doch so genau immer wieder austariert und überlegt.

Schiller, so sagen die Organisatoren der wichtigsten Veranstaltungen in Marbach, seinem Geburtsort, und in Weimar, wo er die letzten und entscheidenden Jahre seines Lebens verbrachte, sei auch im 21. Jahrhundert aktuell. Noch einmal Christina Weiss:

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich es für eine durchaus angemessene Form der Auseinandersetzung mit diesem äußerst politischen Kopf gehalten hätte, wenn sich der Deutsche Bundestag seiner angenommen hätte und über das Thema Freiheit debattiert hätte. Ich gebe aber auch zu, es ist kein aktuelles politisches Thema im engeren Sinn, und der Bundestag muss natürlich Problemlösungen erledigen, und das war der Grund, weshalb eine solche Debatte nun nicht zu Stande kommen wird.

Es gibt in diesem Schiller-Jahr Hunderte von Veranstaltungen im ganzen Land. Spektakulärer offizieller Auftakt ist eine 24 Stunden dauernde Lesung aus Schillers Werken und Schriften am 5.und 6. März in Berlin in der neuen Akademie der Künste. Der Bundeskanzler lässt es sich nicht nehmen, bei dieser Marathon-Lesung als Erster aufzutreten. Man rechnet mit der Beteiligung möglichst vieler weiterer prominenter Künstler, Autoren und Politiker. Zwei große Ausstellungen widmen sich Schiller und seinen Werken. Die Deutsche Schillergesellschaft nennt ihre "Götterpläne und Mäusegeschäfte. Schiller 1759 - 1805". Die Stiftung Weimarer Klassik stellt "Schillers Helden heute" in den Mittelpunkt.

Weimar zählt 100 verschiedene Veranstaltungen. In Thüringen wird es ein fünfwöchiges Festival mit dem Titel "Freiheit. Schiller 05" geben. In Stuttgart, wo der Dichter zwei Jahre seines Lebens verbracht hat, sind 200 Veranstaltungen aller Art geplant. Und auch das Goethe-Institut ist weltweit in Sachen Schiller im Einsatz mit Lesungen, Vorträgen, Symposien und so weiter von Rom bis Hongkong und von Belgrad bis Caracas.

Eine zentrale Frage der Veranstalter ist, ob es gelingen wird, den Schülern von heute Schiller wieder nahe zu bringen. Wird man sie animieren können, seine Werke zu lesen, wie die Kulturstaatsministerin hofft?

Christina Weiss: Das ist für mich mit eine Initialzündung gewesen, dieses Jahr nicht einfach so zufällig vorbeigehen zu lassen, sondern das mit Schiller Verbundene, diese Vorstellung von der Kulturnation Deutschland - es führt kein Weg daran vorbei, etwas zu wissen von der Kulturtradition unseres Landes, um überhaupt bereit zu sein, wieder zu lesen. Also ich hoffe, wir machen gerade auch mit den Kinderveranstaltungen wirklich Lust aufs Lesen.

Welche Wirkung die Veranstaltungen des "Schillerjahres" haben werden, lässt sich natürlich nicht vorhersagen. Man hofft: nicht Überdruss, sondern Neugier.


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