Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
13.1.2005
"Exit_Ausstieg aus dem Bild"
Ausstellung im ZKM in Karlsruhe
Von Johannes Halder

John Armleder: o. T. (1990), Neonröhren in der Ausstellung "Exit_Ausstieg aus dem Bild" (Bild: Sammlung FER)
John Armleder: o. T. (1990), Neonröhren in der Ausstellung "Exit_Ausstieg aus dem Bild" (Bild: Sammlung FER)
Weg mit dem Rahmen, weg von der Wand ist die Devise. Die Medien vermischen sich und alles wird möglich: deformierter Schrott und minimalistisch strenge Form, Video, Körperkunst, Happening und Performance. Das sorgt für Spannung in der Schau, die nicht zuletzt den Wettstreit der Künste zwischen Bild und Skulptur thematisiert.

Das Bild sieht aus, als hätte es ein Attentäter mit dem Messer traktiert. Doch es war der Künstler selbst, der die weiße Leinwand im Atelier mit drei vertikalen Schlitzen geschändet hat. Der Italiener Lucio Fontana verübte den Mord an der Malerei Anfang der 60er Jahre mit dem Vorsatz, seinen Bildern eine räumliche Komponente zu verpassen. Ähnlich aggressiv ging damals Günther Uecker zu Werke und trieb Nägel in die leere Leinwand, und sein Kollege Otto Piene rückte dem Bildgrund buchstäblich mit Feuer und Flamme zu Leibe. Die ästhetischen Attacken der drei Künstler stehen am Anfang der Schau, und wie vielen anderen, sagt Kurator Andreas Beitin, stand ihnen der Sinn nach radikaler Veränderung:

Schon nach dem Zweiten Weltkrieg gab es erste Irritationen bei den Künstlern, die auf die unschönen Gegebenheiten der ganzen Lebensbedingungen reagiert haben. Hinzu kam auf künstlerischem Gebiet eine Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, also man wollte auf anderen Gebieten, mit anderen Materialien sich ausdrücken. Es waren alle anderen Ebenen der Malerei bis dahin mehr oder weniger durchgespielt worden, es gab die Abstraktion, es gab den Kubismus, man brauchte also neue Ausdrucksmöglichkeiten, sich auszudrücken.

Die Flucht aus dem Bild hatten auch andere schon zuvor betrieben, allen voran Kasimir Malewitsch, als er 1913 mit seinem berühmten "Schwarzen Quadrat" das Bild von jedem Sinn entleerte, und auch Mondrians geometrische Ikonen liegen ganz auf dieser Linie. Doch solche Vergleiche geben die Sammlungsbestände des Karlsruher Mammutmuseums nicht her, deshalb beginnt man in den 60er Jahren. Es ist die Zeit, wie man hier sieht, in der Mark Rothko die Farbe entmaterialisiert und zum Schweben bringt, als Josef Albers mit weißen Quadraten die Tendenz zum Nichts propagiert oder Robert Barry, noch radikaler, das Bild nur noch mit vier Eckpunkten an der Wand imaginiert.

De-Auratisierung heißt das Stichwort. Doch während Andy Warhol banale Alltagsthemen wie Banknoten in die Bilder holt und diese ebenso banal von seinen Helfern auf die Leinwand drucken lässt, laden andere wie Joseph Beuys ärmliches Material mit Aura auf. Das sorgt für Spannung in der Schau, die nicht zuletzt den Wettstreit der Künste, zwischen Bild und Skulptur thematisiert. Weg mit dem Rahmen, weg von der Wand ist die Devise; die Medien vermischen sich und alles wird möglich: deformierter Schrott und minimalistisch strenge Form, Video, Schrift und Bild, Körperkunst, Happening und Performance.

Das Motto vom Ausstieg ist im Grunde eine Mogelei, denn dahinter steckt nichts anderes als die Erweiterung des Kunstbegriffs: Baselitz, der die Motive auf den Kopf stellt; Polke, der die Kunst veralbert - doch beide bleiben dabei brav beim Bild. Dan Flavin allerdings illuminiert mit seinen farbigen Neonröhren ganze Wände, ganze Räume - und wo nichts mehr zu sehen ist, gibt's was auf die Ohren, so wie bei Wolf Vostell in seinem elektronischen Happeningraum von 1968.

Das klingt kaputt und doch bleibt das Bild als Medium erstaunlich resistent. Man darf ja schon die Frage stellen, ob Yves Klein mit seinen monochromen blauen Bildern vom Ausstieg aus denselben träumte, wo sie doch längst zu den geheiligten Ikonen der Kunstgeschichte zählen. Bild bleibt Bild. Peinlich allerdings, dass auch der ZKM-Chef Peter Weibel selbst, wie schon so oft, mit einer eigenen Arbeit in der Schau vertreten ist.

Zum Schreien ist das, in der Tat. Doch die Performance-Künstlerin Marina Abramovic macht sich da Luft, 1976. "Die Stimme befreien", heißt das Stück, das mit der Befreiung vom Bild allerdings nichts zu tun hat - es ist schlicht ein völlig anderes Medium. Fazit also, sagt Kuratorin Yvonne Ziegler:

Man hat versucht, auszusteigen aus dem Bild, aber das ist nicht gelungen.

Und weil das so ist, hat die Schau ein Stockwerk höher eine dialektische Fortsetzung: die Rückkehr zum Bild in den 80er Jahren, der Wiedereinstieg in die Malerei, die nun allerdings mit anderen Mitteln reflektiert wird.

Da wird viel zitiert und mit Bezügen gespielt. Rosemarie Trockel lässt Bilder stricken nach der Methode von Warhols "Factory", Kiefer oder Kippenberger knöpfen sich historische oder gesellschaftliche Fragen vor und Albert Oehlen greift in einer mehrteiligen Arbeit das alte Thema "Farbenlehre" auf mit Haferflocken im Bild, eine versöhnliche Müsli-Malerei in erdigen Tönen als wäre nichts gewesen. Exit - der Ausstieg aus dem Bild war, so will es scheinen, eine Revolution mit Rückfahrkarte.

Doch wie man sieht, wird es den Künstlern im Rahmen dieser Möglichkeiten schon wieder zu eng: Die letzte Arbeit tritt der Besucher mit Füßen: zu sehen ist nur eine Kokosmatte der kanadischen Künstlerin Angela Bulloch, die sich beim Betreten mit einem akustischen Signal verabschiedet.

Service:

Die Ausstellung "Exit_Ausstieg aus dem Bild" ist im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe vom 14. Januar bis 14. August 2005 zu sehen.

Link:

ZKM: "Exit_Ausstieg aus dem Bild"
-> Fazit
-> weitere Beiträge
->
-> ZKM: "Exit_Ausstieg aus dem Bild"