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16.1.2005
Macht Hören blind?
3. Erlanger Hörkunstfestival
Von Thomas Senne

Hörkopf (Bild: hoerkunst.de)
Hörkopf (Bild: hoerkunst.de)
Unter dem Motto "Macht Hören Blind? Macht Sehen taub?" fand das 3. Erlanger Hörkunstfestival statt. Im Vordergrund standen diesmal Fragen der Aufführungspraxis akustischer Kunst. Dazu gab es Klanginstallationen, Mini-Hörspiele, Klanggedichte sowie ein Symposium zu Synästhesie und Filmmusik.

Etwas schlaff hängen sie schon herum, diese drei Kleidungsstücke im oberen Foyer des barocken Markgrafentheaters, wirken in der Umgebung irgendwie deplaziert: eine Strumpfhose, ein Bikini und das "kleine Schwarze". Doch diese Textilien haben es in sich. Vor allem, wenn man sie berührt.

"...lässt sich hängen" nennt Freya Hattenberger vielsagend ihre mit kleinen Lautsprechern ausstaffierte Erlanger Klanginstallation. Nur ein Beispiel für die Vielfalt der Hörkunst hierzulande. "Macht Hören blind? Macht Sehen taub?", fragen die Veranstalter, überwiegend Studenten der Medienwissenschaften, provozierend. Natürlich, sagt Julia Haman vom Organisationsteam, ist dieses Festivalmotto nur rhetorisch gemeint, will man das Verhältnis von akustischer und visueller Wahrnehmung einmal näher untersuchen: die Hörkunst unter dem Vergrößerungsglas.

"Das Ziel ist ja, dass Hörkunst, die ja 'ne Kunstform ist, die nicht so ein breites öffentliches Forum hat oder nicht so bekannt ist, ein bundesweites Forum zu bieten, so dass hier Aufführungen aus allen Sparten der Hörkunst zur Aufführung kommen und dem Publikum zugänglich gemacht werden. Der Begriff Hörkunst ist ja sehr schwer definierbar. Wir haben jetzt für uns einfach eine Definition gefunden. Hörkunst ist für uns eine intermediale Form, die verschiedene Formen des Theaters, der Literatur, des Tanzes, meinetwegen auch der Malerei, also ganz verschiedene Kunstformen verknüpft. Aufführungen, bei denen das Akustische im Vordergrund steht, die aber alle anderen Sinne mit ansprechen und wo eben auch andere Kunstformen mit hineinspielen".

Einen Zyklus von sieben Klanggedichten präsentierte die koreanische Opernsängerin Ge-Suk Yeo an einer Sampler-Maschine: in einer Live-Performance zu Projektionen von kalligraphischen Tuschebildern. Und in der Tat spielt der Live-Charakter, das gemeinsame Erleben von Akteuren und Publikum, bei vielen der klangkünstlerischen Beiträge, die oft komplizierte technische Aufbauten erfordern, in Erlangen eine wichtige Rolle.

"Das ist das Zentrale dieser Aufführung natürlich, dass wir die Künstler live vor Ort haben, dass es Live-Aufführungen sind und dass das Publikum selber live vor Ort ist. Weil das natürlich 'ne ganz andere Erfahrung ist, wenn ich in dem Zuschauerraum sitze, den Künstler sehe, die Aufführung selber miterlebe, dann vielleicht auch interagier mit dem Künstler, der auftritt, als wenn ich allein daheim vorm Radio sitze und eben Stereo irgendwas höre. Es ist ja auch so, dass hier viele Raumklangkompositionen gespielt werden, so dass ich praktisch Sachen über 5.1 höre oder über Lautsprecher, die um mich herum aufgebaut sind, so dass ich nicht diesen Stereoeffekt habe, sondern dass sich wirklich so ein Raumklang ergibt. Dann ist ja auch so, dass wir nicht nur Akustisches haben. Hörkunst - da steht natürlich das Akustische im Vordergrund. Aber es wird natürlich auch viel zu sehen geben. Das ist natürlich das Zentrale in den Aufführungen. Ich sehe Künstler, ich sehe den Aufbau. Es kommen natürlich auch visuelle Elemente mit hinein. Wir haben ja viele Projektionen. Also es ist wirklich dann ein Erlebnis der Aufführung, wo ich mit eigenen Sinnen diese Aufführung erleben kann".

"Lotte auf dem Anrufbeantworter" war in der Reihe "Radiokunst" zu hören: eine von mehreren akustischen Miniaturen mit einer maximalen Länge von 45 Sekunden, so genannte Wurfsendungen, die mit den formalen und inhaltlichen Möglichkeiten des Hörspiels experimentieren und in Zusammenarbeit mit DeutschlandRadio Berlin entstanden.

Während des gesamten Festivals kann der Besucher in einer "HörBar" sein eigener Soundpilot sein und mit Hilfe verschiedener Kopfhörer-Stationen einen kostenlosen Streifzug durch die Hörspielgeschichte unternehmen. Bemerkenswert: Eine Tanzperformance zu Klängen aus dem Gehirn. Denn was normalerweise Schwerstgelähmten bei der Kommunikation hilft, indem mittels Elektroden Hirnsignale gemessen und akustisch umgesetzt werden, ist auch für Künstler geeignet: Aufbruch in ein ästhetisches Neuland.

Natürlich versteht sich das Festival auch als eine große Kontaktbörse, bei der Erfahrungen ausgetauscht werden und manchmal Klangtüftler wie Heijko Bauer aus dem Nähkästchen plaudern: über ihre Arbeit mit Kollegen.

Wir haben ein eigenes Tonstudio, in dem wir im Dunkeln sitzen. Michael Amman hat eigene Instrumente entwickelt. Z.B. Lautsprecher werden zu Mikrophonen umgebaut. Die kann man dann in den Mund nehmen, mit denen kann man alles Mögliche machen. Man macht Klänge mit einer elektrischen Zahnbürste auf einer Membran, mit einer Kindertröte oder es werden Klänge aus dem Kühlschrank abgenommen. Also alles, was irgendwie Geräusch macht, wird benutzt. Diese Geräusche werden über den Computer verändert. Ich hab dann die Augen zu, lass mich auf diese Geräusche ein und schreibe dann, was ich vor mir sehe ..."

... innere Bilder, die in Texte und Klänge umgesetzt und anschließend wieder komprimiert werden. Auch die jetzt präsentierten "Clinic amorph fictions" sind auf diese Weise entstanden: kryptische Exkursionen in das Unbewusste eines Krankenhauses.

Ein Symposium sorgte für die nötige wissenschaftliche Verankerung des 3. Erlanger Hörkunstfestivals. Vorträge zum Phänomen der Synästhesie oder zur Wahrnehmung von Filmmusik a la "King Kong meets Richard Wagner" standen ebenso auf dem Programm wie Berichte von professionellen Klangbastlern, die beispielsweise für Autos das richtige Sounddesign entwickeln.

Am späten Sonntagnachmittag geht das dreitägige Hörmarathon in Erlangen schließlich zu Ende. Wie es sich gehört mit einem anständigen "Feuer-Werk" - aus der akustischen Retorte.
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