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Fazit • Kultur vom Tage
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16.1.2005
Klauen als Kunst
Kongress "Klartext" zum Verhältnis von Kunst und Politik
Von Gerd Brendel

Yes Men, Dow Chemical Identity Correction (Bild: BBC World Service, 2004)
Yes Men, Dow Chemical Identity Correction (Bild: BBC World Service, 2004)
Seit dem 11. September 2001 wird vielfach von einer "Re-Politisierung" der Kunst gesprochen. Die Tagung "Klartext" in Berlin ging der Frage nach, ob die Kunst tatsächlich sich wieder mit Politik auseinandersetzt und in welcher Form oder ob es sich nur um eine Ästhetisierung politischer Inhalte handelt. Welchen Sinn macht es überhaupt, Kunst für politische Anliegen zu nutzen?

Ende letzten Jahres, die Giftgaskatastrophe von Bhopal jährt sich zum 20. Mal, und die BBC interviewt einen gewissen Herrn Jud Terrafinis, Pressesprecher von Dow-Chemicals, zu dem auch Union Carbide gehört, die damals in Bhopal die gefährlichen Chemikalien produzierten. Der Firmenvertreter übernimmt ohne Wenn und Aber die Verantwortung und entschuldigt sich. Der Reporter kann, nach jahrelangen Gerichtsverfahren und lächerlich geringen Entschädigungszahlungen, nicht glauben, was sein Gesprächspartner sagt. Wirklich die volle Verantwortung? Ja.

Schon zwei Stunden später muss die BBC dementieren. Die Redaktion war einer Gruppe politischer Hochstapler aufgesessen, die in alle möglichen Rollen schlüpfen, um ihre Globalisierungskritik medienwirksam zu verbreiten. Sie war auf eine Website der "Yes-Men" hereingefallen. Immer wieder schlüpfen die beiden "Ja-Sager" in die Rollen ihrer politischen Gegner, um sie so zu demaskieren: "Identity correction" nennen sie das:

Indem wir Identitäten korrigieren, zeigen wir entweder das wahre Gesicht einer Organisation, wie mit der WTO oder wir nehmen die Identität eines Vertreters an und lassen ihn das machen, was wir für richtig halten.

Auch im Beispiel "WTO" stand am Anfang eine falsch-richtige Webpage der Yes-Men. Bald kamen die ersten Einladungen zu Manager-Tagungen und Konferenzen und die Yes-Men reisten als WTO-Experten um die halbe Welt: In Salzburg präsentierten sie ein Modell zum Kauf von Wählerstimmen, vor amerikanischen Studenten plädierten sie dafür, von Konsumenten in der ersten Welt verdaute Hamburger als Nahrung für die 3. Welt zu recyceln. Und auf der Jahrestagung des Weltverbandes der Textilhersteller präsentierten sie einen Angestellten -Arbeiter Überwachungsapparat in Form eines goldfarbenen Lycra-Ganzkörperanzug mit einer aufblasbaren Vorrichtung unterhalb des Bauchnabels.

Auf der Spitze dieses Ausfahrbaren Schwellkörpers ist ein Monitor installiert, über den Sie mit ihren Mitarbeitern egal ob in Indien oder China direkt verbunden sind, und mit Hilfe dieser Tastatur können Sie elektrische Impulse an sie weiterleiten, sollte Ihnen das Arbeitstempo vielleicht zu langsam erscheinen oder ähnliches. Sie fragen mich, ob das möglich ist? Und ich sage: Ja. Diese Gegenwart hat bereits begonnen.

Auf dem Kongress "Klartext - der Status des politischen in aktueller Kunst und Kultur" an diesem Wochenende gehören die Yes-Men zu den heimlichen Stars, denn ihre Kunst ist nicht nur subversiv, sondern auch unterhaltsam. Sie stehen für eine Generation politischer Künstler, die eindeutig Stellung beziehen.

Marina Sobrello: Ja, wie kann man heute überhaupt effektiv sein oder was ist die Bedeutung oder der Wirkungsraum der Künste?

Die Kunsthistorikerin und Kultur-Produzentin Marina Sobrello gehört zu den Organisatorinnen. Das Spektrum der geladenen Künstler reicht vom Installationskünstler, über Filmemacherinnen bis zum Zeitungskollektiv. Aber trotz aller Unterschiede existiert ein roter Faden:

Marina Sobrello: Der rote Faden könnte sein, dass sie einen Wirkungsraum der Künste suchen außerhalb der Grenzen der institutionellen Räume der Kunst.

Den Freiraum der Kunst reklamieren auch die Mitglieder des spanischen "Yomango" Projekts. "Yomango" bedeutet übersetzt " ich klaue", aber es erinnert auch an eine Modefirma mit ganz ähnlichem Namen. Die Ähnlichkeit ist gewollt, denn Yomango geht es darum, die Aura der Markengüter zu zerstören.

Irgendwann waren wir all diese Riesendemos gegen Globalisierung und Ausbeutung leid und wir haben unsere Strategie geändert: Warum uns nicht diejenigen zum Vorbild nehmen, die sowieso schon dem Kapitalismus schaden: die Ladendiebe? Also haben wir ihrer Arbeit einen politischen Sinn gegeben: alle großen Handelsketten profitieren von Arbeit ohne soziale Absicherung, ob Textilarbeiter in Indien, oder Niedriglohnarbeit bei uns. Wenn wir uns bei ihnen holen, was wir brauchen, demonstrieren wir unseren Widerspruch und werfen ihnen wenigstens kleine Stöcke in den Weg.

Eine Position, die in keinem volkswirtschaftlichen Seminar Bestand haben dürfte. Aber als Kunst deklariert, bieten sich Verständnismöglichkeiten jenseits von Realpolitik und ökonomischem Sachverstand.

Ob "Yomango" in Madrid oder die "Yes-Men" in den USA, was sie und andere verbindet, ist die Mischung aus realistischer Einschätzung der eigenen Grenzen und hartnäckiger Zuversicht, diese Grenzen irgendwann einmal zu überwinden.

Die "Yes-Men" verweisen auf die 68er Bewegung und Augosta Boals "Theater der Unterdrückten". Die Frage, in welche künstlerische Schublade ihre Projekte passen, ist dabei zweitrangig. Und vor die Wahl gestellt zwischen Karriere auf dem Kunstmarkt oder Politik, entscheiden sich die meisten so wie die "Yes-Men": für die unrealistischere, aber schönere Option.

Mein Traum ist eine moderne Vision von Charlie Chaplins "der große Diktator", wo ein kleiner jüdischer Schuster mit dem großen Tyrannen verwechselt wird. Mit einem Mal stehen wir im Oval Office im weißen Haus und halten die "Rede zur Lage der Nation". Das wäre großartig.
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