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15.1.2005
Mit Design erfolgreich am Weltmarkt
Ausstellung über skandinavisches Industrie-Design
Von Mirko Schwanitz

Beispiel für erfolgreiches Design: Spiele-Handy der Firma Nokia (Bild: AP Archiv)
Beispiel für erfolgreiches Design: Spiele-Handy der Firma Nokia (Bild: AP Archiv)
Kaum eine andere Stilsprache hat den deutschen Massengeschmack so beeinflusst wie skandinavisches Design. Warum Marken wie IKEA, Bang & Olufsen, Stelton oder Bodum so bekannt geworden sind und worin das Geheimnis ihres Erfolges liegt, versucht die Ausstellung "Industrial Design" im Berliner Finnland-Institut zu klären.

"Im Jahre 1944 gründeten schwedische Hausfrauen zusammen mit den schwedischen Hauswirtschaftslehrerinnen das Wirtschaftsforschungsinstitut HFI. Hier arbeiten Wissenschaftler an der Optimierung von Kücheneinrichtungen und Kochmethoden. Im Labor der HFI werden Haushaltsgeräte auf ihre Tauglichkeit getestet. Die Zielsetzung ist, fortschrittliche Produkte zu entwickeln, um so bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Das nächste Projekt der HFI ist eine Feldstudie über die Kochgewohnheiten alleinstehender Männer in Norwegen....."

Auf skurrilste Weise erzählt der norwegische Film "kitchen stories" etwas über das Geheimnis des skandinavischen Designs. Das hatte, wie der Zuschauer bald ahnt, nicht immer den Ruf jener Klarheit und Funktionalität, den es heute genießt. In den 50er Jahren zum Beispiel mussten die Mia Lundquists und Anne Ekströms in ihren Küchen jährlich Strecken in einer Länge von Schweden bis zum Kongo zurücklegen, um ihre Familien mit Essen zu versorgen. Dass das bald anders werden sollte, hatte damit zu tun, dass die skandinavischen Designer nicht nur den Mias und Annes, sondern auch den Isaaks und Pelles auf die Pelle rückten, wochenlang beobachteten, jeden Schritt, jeden Handgriff protokollierten, um dann die ideale Küche zu konstruieren.

Pekka Toivola: "Rationalität ist ein Grundgedanke unserer Gestaltungsphilosophie. Ich will nicht sagen, dass in Mitteleuropa nur unpraktische Dinge entworfen werden. Ich kann nicht sagen, was bei uns anders ist. Vielleicht die Art, wie wir an die Lösung von Problemen herangehen."

Pekka Toivola aus Finnland ist einer der erfolgreichsten Designer Skandinaviens. Seine Möbel haben zahlreiche Preise gewonnen, darunter mehrfach den renommierten "red dot award" des Design-Zentrums Nordrhein-Westfalen. Auch Toivola betrieb für seine Entwürfe Feldstudien. Doch waren die ganz anderer Natur als die in dem Film "kitchen stories".

"Vor zehn Jahren habe ich einen Computerarbeitsplatz gemacht und dann haben die Augenspezialisten gesagt, der Monitor muss in der Nähe von der Tischebene sein, so dass auch ältere Leute den Text lesen können. Weil normalerweise, die haben Brille, womit sie von oben hinter drei Meter gucken und unten zwischen 50 und 70 Zentimeter. Ich habe das nicht verstanden und musste zum Augenarzt gehen und die haben mir Tropfen in meine Augen gemacht, so dass meine Pupillen größer waren und dann haben die mir auch eine spezielle Brille gemacht und ich konnte ausprobieren, wie das ist. Und danach habe ich etwas verstanden. Und jetzt haben wir Tische, wo es möglich ist, die Monitore in die richtige Höhe zu setzen."

Ein Minimum an Material, ein Maximum an Ideen - das ist es, was die Funktionalität skandinavischer Designprodukte auszeichnet. Dass dies jedoch eine skandinavische Erfindung sei, bestreitet Heikki Metsä-Ketelä, Mitbegründer des Industriedesigns in Finnland. Auch seine Arbeiten sind in der Ausstellung zu sehen.

"Ja, das ist ein Mythos. Also das kam eigentlich von Bauhaus. Das ist nicht eine schwedische Entdeckung. Das kam dann nach Schweden und die haben gesagt: 'Va krare var dak tvaro' (lacht)..."

Was soviel heißt wie: "Was für eine gute und qualitätsvolle Alltagsware!". Wie man die macht, das lernte auch Metsä-Ketelä in Deutschland. In den 60er Jahren studierte er am Zentrum für Designentwicklung in Ulm, bevor er nach Finnland zurückkehrte.

Tatsächlich sind helle Hölzer oder Glaskunst nur ein kleiner Teil dessen, wofür skandinavisches Design weltweit bekannt ist. Hi-Fi Anlagen von Bang & Olufsen aus Dänemark oder Telefone des finnischen Unternehmens Nokia zeigen, das zwischen Fjorden und Wäldern auch erfolgreiche technische Produkte entworfen werden. Design ist für Metsä-Ketelä keine Kunst, sondern die einzige Chance für Hochlohnländer, auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Es sei dieses Know-how, das sie von den Billiglohnländern unterscheide.

"Mit den Preisen können wir nicht wettbewerbsfähig sein. Das ist unmöglich. Wir müssen gute Produkte machen. Und Design gehört dazu. Ich habe 40 Jahre versucht, dieses Bewusstsein irgendwie ... Ich werte nicht. Ich werde nur erzählen, was ist diese Situation. Dieser Umsatz, was man mit Design in Finnland macht, ist wesentlich weniger als mit diesen Sex-Telefonlinien. Ich könnte erzählen, ich bin ein Chef von einer Firma und dann denke ich, mit Sachen, ich mach nur Geld. Und am Abend geh ich mit meiner Frau in die Oper und das ist Kultur. Die kapieren überhaupt nicht, worüber es geht. Also, wir denken völlig anders."

Metsä-Ketelä ist froh, dass wenigstens die Politik den Designern zu Hilfe kommt: Schweden und Finnland haben unlängst ein designpolitisches Programm beschlossen. Helsinki hat dafür allein sechs Millionen Euro in den Haushalt gestellt. Mit ihnen soll bereits in Finnlands Grundschulen demnächst das Bewusstsein für die Notwendigkeit guten und vor allem funktionalen Designs geschärft werden. Dafür, wie man uns, den Nutzern, angesichts immer komplizierter werdender Technologien das Leben erleichtern kann. Ein Designer muss dazu nicht nur die Technologie, sondern auch den Verbraucher, jenes geheimnisvolle Wesen, genau kennen.

Die Wege dahin sind nicht immer einfach, manchmal aber vielleicht tatsächlich so skurril, wie es Regisseur Bent Harmsen in seinem Film "kitchen stories" erzählt.

"Er kocht niemals in der Küche?"
"Nein. Gelegentlich isst er Grütze oder ein Stück Brot dort. Ich glaube, er kocht seine Mahlzeiten im Schlafzimmer."
"Im Schlafzimmer?"
"Hm, es kommen jedenfalls Speisegerüche von da oben. Wie kann man denn glauben, je das Geringste von den Handlungen der Menschen zu verstehen, wenn man sie immer nur stur beobachtet?"
"Ja, aber das ist die Aufgabe..."
"Dabei müssten wir viel öfter miteinander sprechen."...


Service:

Die Ausstellung "Industrial Design" ist noch bis zum 25. Februar im Finnland-Institut Berlin zu sehen. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten: Mo 10-17, Di-Do 11-19, Fr 9-15 Uhr.
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