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17.1.2005
Der Typ fürs Obsessive
Leonardo DiCaprio erhält Golden Globe für seine Rolle in "Aviator"
Von Bernd Sobolla

Golden Globe Awards 2005:  Leonardo DiCaprio ist bester männlicher Hauptdarsteller für seine Rolle in "Aviator". (Bild: AP)
Golden Globe Awards 2005: Leonardo DiCaprio ist bester männlicher Hauptdarsteller für seine Rolle in "Aviator". (Bild: AP)
Bei den Golden Globes räumte der Film "Aviator" mächtig ab: Drei Trophäen konnte er einheimsen, allerdings ging Regisseur Martin Scorsese selbst leer aus. Dafür erhielt sein Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio den Preis als bester Schauspieler für die Verkörperung des Millionärs und Medienmoguls Howard Hughes. Vor dem Filmstart in Deutschland gab der Hollywood-Star in Berlin bereitwillig Auskunft über seine Rolle.

Filmausschnitt Aviator:
Das ist es, was die Leute sehen wollen! Stummfilme sind Schnee von gestern. Wir müssen "Hell´s Angels" mit Ton noch mal drehen.
Wie viel davon?
Alles natürlich. Bevor du gleich fragst: Das kostet 1,7 Millionen. Haben wir so viel?
Nein!
Egal. Dann besorg es! Lass dir was einfallen!


Howard Hughes war alles: Filmemacher, Flugzeugingenieur, Pilot und Großindustrieller. Einer, der im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft ging und abstürzte. Hughes war ein besessener Perfektionist, und er litt unter Zwangsneurosen.

Gerade deshalb interessierte sich Leonardo DiCaprio für diese Figur. Denn DiCaprio spielt fast immer schräge oder besessene Typen: In "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" spielt er den geistig behinderten Arnie, in "Marvins Töchter" ist er ein verhaltensgestörter Teenager, in "Die Affäre von Rimbaud und Verlaine" der transsexuelle Dichter. Dann in "Gangs of New York" ein auf Rache sinnender Ex-Häftling, und in Kürze werden wir ihn als "Alexander der Große" im Film von Buz Luhmann erleben.

Leonardo DiCaprio: Irgendwie wird man unbewusst von bestimmten Dingen angezogen, ohne zu wissen warum. Es hat wohl mit meiner Kindheit, meinem Leben oder dem Einfluss meiner Eltern zu tun. Keine Ahnung! Ich bin einfach von diesen Charakteren angezogen worden. Sie haben mich angeregt, mich herausgefordert. Und ich will ihnen weiter nachgehen.

Leonardo DiCaprio wird 1974 in Los Angeles geboren. Sein Mutter stammt aus Deutschland, sein Vater aus Italien: ein liberales Hippiepärchen, das sich kurz nach seiner Geburt trennt. Leonardo gilt als wilder Junge. Bei ihm Zuhause verkehren Künstler wie der Literat Charles Bukowski oder der Comic-Künstler Robert Crumb. Mit fünf Jahren steht er das erstmal fürs Fernsehen vor der Kamera, wird dann aber wegen schlechten Benehmens nicht wieder engagiert. In der Schule unterhält er mit Vorliebe seine Klassenkameraden und übt sich im Breakdance.

Mit 14 Jahren dreht Leonardo DiCaprio dann Werbespots und Erziehungsfilme. Einen ersten Achtungserfolg erntet er als Obdachloser in der Teeny Sitcom "Growing Pains". Dann folgt 1993 sein erster Leinwanderfolg, als er in "This boy's life" einen Jungen spielt, der von seinem Stiefvater misshandelt wird. Kurz darauf erhält DiCaprio für seine Rolle als geistig Behinderter in "Gilbert Grape" eine Oscarnominierung als Bester Nebendarsteller.

Mit seinen Rollen in "William Shakespears Romeo und Julia" und "Marvins Töchter" steigt der junge Künstler die Karriereleiter weiter auf und avanciert 1996 mit "Titanic" zum Superstar. Damit scheint er das ideale Image für weitere Mainstreamfilme zu haben.

Die Wahrheit ist, dass ich wirklich nicht über mein Image nachdenke oder was für ein Image ich möglicherweise mit einer Rolle ausstrahlen könnte, wie ich in der Vergangenheit war. Das ist doch Zeitverschwendung. Als Schauspieler muss du jeden Film individuell betrachten und fragen: "Will ich diese Erfahrung machen?" Nehmen wir z.B. "Titanic", ein Film, bei dem niemand voraussehen konnte, wie er ankommen würde. Das war ein Film, den ich machen wollte. Ich bin nie Teil eines solchen Projekts gewesen. Aber ich muss sagen, dass ich während meiner ganzen Karriere konsequent Rollen gewählt habe, von denen ich mich herausgefordert fühlte.

Obgleich "Titanic” mit elf Oscars überschüttet wird, geht Leonardo DiCaprio leer aus. Was vielleicht auch daran liegt, dass er keine Schauspielausbildung absolviert hat.

Meine Schauspielschule, das ist die Arbeit mit diesen großartigen Schauspielern gewesen, mit denen ich arbeiten durfte, wie Daniel Day Lewis, Robert de Niro oder Meryl Streep. Sie zu beobachten, das ist wirklich meine Ausbildung gewesen. Als junger Schauspieler denkst du, dass jeder die gleiche Herangehensweise hat, dass es eine allgemeine Wahrheit gebe, die alle verfolgten. Dabei nähern sie sich ihren Charakteren völlig unterschiedlich. Es ist unglaublich. Dieser Prozess ist so individuell. Und das habe ich mir so gut es geht abgeschaut.

Aber Leonardo DiCaprio lebt nicht nur für die Schauspielerei. Er engagiert sich für den Umweltschutz, ist Mitglied der Organisation "Earth Day", für die er u.a. Bill Clinton zum Ozonloch befragt. Und auf seiner Website führt DiCaprio die Umweltvergehen von George Bush auf.

Ich kümmere mich sehr um Umweltfragen. Und unser Präsident hat das mieseste Umweltregister, das je erzielt wurde und der andere Kandidat hatte eines der besten. Mir ist es wichtig, über einen Bereich zu sprechen, in dem ich mich auskenne. Aber ich versuche nicht Politiker zu sein. Es geht mir einfach darum, dass junge Menschen das verstehen.

So gefällt ihm auch die Rolle im Film "The Beach”. Als Abenteuerurlauber Richard begibt er sich in Thailand auf die Suche nach der ultimativen Trauminsel.

Auschnitt aus "The Beach":
Was musst du sonst über mich wissen? Irgendwas über meine Familie oder wo ich herkomme? Alles unwichtig, wenn du den Ozean überquerst, dich loslöst, nach Schönerem suchst, nach Spannenderem, nach mehr Gefahr.

Just diese Insel ist gerade durch das Seebeben völlig zerstört worden. DiCaprio hat sich mit einer Spende für den Wiederaufbau engagiert. Über die Höhe redet er jedoch nicht, denn er will mit niemanden in Konkurrenz treten.

Als Schauspieler hat sich Leonardo DiCaprio in den letzten Jahren vor allem auf Martin Scorsese als Regisseur eingelassen: Mit ihm drehte er "Gangs of New York", wird er als nächstes "The Departed" machen. Und dann ist da natürlich "Aviator".

Es ist einfach eine Ehre für mich, mit ihm zu arbeiten. Er ist wie ein Professor für Film. Alles in seinem Leben steht im Zusammenhang mit dem Filmemachen. Wenn er zwei Stunden frei hat, dann geht er nicht in den Park, sondern er sieht sich Filme an. Er lebt das Kino, er atmet es förmlich ein. Es ist unglaublich.

Filmausschnitt "Aviator":
Wir bauen ein Flugzeug, dass über dem Wetter fliegt. … Ein Flugzeug, das die Fähigkeit hat, bis an die Stratosphäre zu fliegen: von Küste zu Küste, um die Welt. Da liegt die Zukunft.
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