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18.1.2005
"Supersize me"
Zur Mythologie des Airbus 380
Von Burkhard Müller-Ullrich

Der Airbus A 380 (Bild: EADS)
Der Airbus A 380 (Bild: EADS)
Fliegen ist immer faszinierend. Beim A 380 kommt die Faszination der Größe in Form eines Superlativs hinzu, der die Grenzen des bisher für möglich Gehaltenen verschiebt. Mythische Denkfiguren und avancierteste Technologien prallen bei dieser Flugzeugpremiere zusammen wie selten in unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation.

Fliegen ist ein für Menschen unnatürliches Verhalten. Wer dennoch fliegt, muss ein gewisses Maß an seelischer Energie aufwenden, um diese Einsicht abzuweisen. Geselligkeit kann dabei helfen, allerdings nur solange die Gesellschaft nicht so groß ist, dass sich der Gedanke an ihr Gewicht wieder gewaltsam aufdrängt. Die Vorstellung von 560 Tonnen Startgewicht hat beispielsweise etwas bedrohlich Niederziehendes, und sie wird unweigerlich auf den Gemütern vieler Airbus-Passagiere lasten, wenn sich der A 380 zum Abheben anschickt.

Ja, Fliegen ist immer faszinierend; hier aber kommt noch die Faszination der Größe hinzu, und zwar in Form eines Superlativs, der die Grenzen des bisher für möglich Gehaltenen verschiebt und damit auch nach Hybris, nach Herausforderung des Schicksals schmeckt. So prallen mythische Denkfiguren und avancierteste Technologien bei dieser Flugzeugpremiere zusammen wie selten in unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation. Denn nicht anders als die Schifffahrt ist die Luftschifffahrt dem Transzendentalen verbunden, letztere verkehrt sogar im klassischen Bildraum des Heiligen, dem so genannten Himmel. Deshalb sind sämtliche Beschreibungen des neuen Großflugzeugs von einer numinosen Aufladung geprägt: ein leicht ekstatischer Huldigungston durchzieht selbst die Geschäftsberichte und Regierungsbulletins in Sachen A380, ganz abgesehen von der geschichtstheologischen Segnung, welche in der europäischen Dimension des Unternehmens liegt.

Es ist in der Tat bemerkenswert und von geradezu feierlicher Paradoxie, dass die Vereinigten Staaten von Europa den Düsenjetrekord der Schnelligkeit mit dem der Größe ergänzen. Nach der Überschall-Concorde kommt nun der Jumbo-Airbus und schlägt die Amerikaner auf ihrem ureigensten Terrain des "Supersize me". Schließlich ist es diese Nation der Übergewichtigen, die von den fünf Zentimeter Zugewinn bei der Sitzbreite am meisten profitieren wird. Hingegen werden selbstverständlich die Asiaten mit dem heikelsten Aspekt des neuen Fluggeräts am ehesten zurechtkommen, nämlich der Konstitution von Reisenden als Menschenmasse.

Jeder Bühnenkünstler weiß, dass es eine kritische Größe gibt, die bei etwa 500 Zuschauern liegt. Jenseits dieser Menge nimmt das Publikum ein anderes Verhalten als Masse an. Ähnliches gilt auch für Flugpassagiere. Wie wird sich der hysterische, neurotische oder aggressive Grundzug menschlicher Psychen äußern und entladen, wenn in einer Atmosphäre von Enge, Nähe und Ausnahmezustand irgend ein kleiner Zwischenfall zum Kristallisationskern eines großen Wahns wird? Braucht man nicht angesichts von bis zu 850 Personen pro Airbus künftig statt Piloten viel mehr Seelsorger und Ärzte an Bord? Die Maschinen fliegen doch ohnehin fast von alleine.

Wobei Fliegen freilich noch mit einem Fragezeichen zu versehen wäre - nicht weil es ernsthafte Zweifel daran gibt, dass sich der A380 nach zwölfjähriger Entwicklungszeit, die elf Milliarden Euro kostete, bald in die Lüfte wird erheben können, sondern weil alles an und in ihm darauf angelegt ist, die Empfindung des Fliegens zu minimieren. Das Flugzeug wird mit Stehbar, Bordboutique und eventuell sogar Massagestudio als eine Art Erlebnisraum ausgestattet und gestaltet, damit man das Fliegen bloß als eine leicht veränderte Form des Befindlichkeit am Boden wahrnimmt. Da reichen sich Raumfahrt und Traumfahrt die Science-Fiction-Hände, wenn das Unterwegssein mit komfortablen Flugkörpern zum existenziellen Dauerzustand wird.

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