Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
18.1.2005
Biowaffe gegen Kunstzersetzer
Schlupfwespen sollen Cranach-Altar retten
Von Susanne Arlt

Blick auf den  Hohen Chor im Mariendom in Erfurt (Bild: AP Archiv)
Blick auf den Hohen Chor im Mariendom in Erfurt (Bild: AP Archiv)
Im Erfurter Dom wird ab kommender Woche eine neue revolutionäre "Biowaffe" gegen Kunsträuber der besonderen Art getestet. Im November vergangenen Jahres entdeckten Mitarbeiter des Bistums am barocken Cranach-Altar Spuren vom Gemeinen Nagekäfer. Die Larve des Holzschädlings ernährt sich von Holz und hat sich bereits durch den Giebel und die rechte Altarseite gründlich durchgefressen.

Die gefräßigen Larven sind auf dem besten Weg auch ein Bild von Lukas Cranach dem Älteren zu befallen. Denn das Gemälde, das die Verlobung der heiligen Katharina zeigt, ist auf Lindenholz gemalt und in der Mitte des Altars eingefasst. Damit das nicht passiert, hat sich das Bistum Erfurt jetzt für ein revolutionäres Verfahren entschieden. Statt die Tierchen mit Blausäure zu zersetzen, soll der natürliche Feind, die Lagererzwespe, den Larven des Gemeinen Nagekäfers den Garaus machen.


Gefräßig sind sie. 20 Jahre lang fressen sich die sechs Millimeter großen Larven des gemeinen Nagekäfers durchs Holz, ehe sie sich verpuppen. Besonders gern vertilgen sie Fichten- oder Lindenholz, denn das ist schön weich und saftig. Zentimeter lange Gänge legen die Schädlinge an. Man kann sie zwar bei ihrer Fressorgie nicht schmatzen hören, aber ein leises Knacken im Gebälk verrät die Tierchen. Und sie hinterlassen jede Menge verdaute Sägemehlhäufchen. Die haben sie letztendlich verraten, sagt Falko Bornschein, Kunstgutbeauftragter beim Bistum Erfurt.

Es gibt sehr viele Kunstwerke, immer mehr, die befallen sind von Holzschädlingen unterschiedlicher Art. Wenn man so was hat, ist immer die Frage, ist das Neu- oder Altbefall. Oft hat man in diesen Löchern noch altes Wurmmehl, das von der letzten Population übrig geblieben ist, die vielleicht schon vor 50 Jahren ausgeflogen ist. Man bewegt das Objekt, und schüttelt das dann runter und sieht: oh, das war 'ne statische Geschichte. Der stand immer hier, der ist nicht bewegt worden. Wir haben es dann saubergemacht dieses Mehl und wir haben dann geguckt und es hat sich dann alle drei vier Tage wieder gebildet.

Ein großer Schock sei das gewesen, meint der Kunstgutbeauftragte, denn inmitten des barocken Holzaltars ist ein Holzgemälde von Lukas Cranach dem Älteren eingefasst. Der berühmte Künstler aus dem 16. Jahrhundert hat auf Lindenholz die mystische Verlobung der heiligen Katharina von Alexandrien festgehalten. Das Holzbild zeigt vor einem von Putten aufgespannten grünen Tuch die Gottesmutter mit dem Jesuskind. An ihrer linken Seite kniet Katharina, die unter Kaiser Maxentius das Martyrium erlitt, daneben vermutlich die heilige Maria Magdalena. Der Barockaltar wurde einhundert Jahre später errichtet und erst 1948 das Cranachbild in das wertvolle religiöse Zeugnis eingefügt. Vielleicht ein Grund, warum die Larven bislang nur im Altar ihr Unwesen getrieben und das Holzbild bislang verschont haben.

Um den Altar vor weiterem Schädlingsbefall zu schützen, hat das Bistum Erhard Heinemann engagiert. Der Holzfachmann zog mit Hilfe einer Pinzette einige Larven aus den Löchern. Ein Anzeichen, so der Sachverständige für Holzschutz, dass sich sehr viele Larven in dem 300 Jahre alten Gebälk tummeln würden. Inwieweit das Holz des Altars bereits von innen zersetzt und somit porös sei, könne er aber nicht sagen. Dafür weiß er, wie man den Larven effizient zu Leibe rückt. Die Idee stammt aus der Natur und ist bereits 350 Millionen Jahre alt.

Heinemann: Wir haben es nie praktiziert, weil wir irgendwie immer mit Kanonen auf Spatzen schießen müssen. Wenn ich jetzt hier mit Gasen arbeite, müsste ich über fünf Wochen lang die Sache einhausen, ganz dicht machen, da darf nicht ein Gramm Gas raus. Das ist ein Riesenaufwand, den ich hier betreiben müsste, um den Nagekäfer zu bekämpfen.

Wesentlich einfacher geht es mit dem natürlich Feind des Nagekäfers, der Lagererzwespe. Die rund drei Millimeter großen Tiere nehmen es problemlos mit dem doppelt so großen Schädling auf.

Heinemann: Es werden nur Weibchen ausgesetzt, Männchen nützen mir nichts.

Denn die können keine Eier legen. Beim Anflug verlassen sich die weiblichen Schlupfwespen auf ihren Geruchssinn. Sie suchen die Fraßgänge der Larve auf und lähmen sie mit ihrem Gift. Anschließend legen sie eines ihrer Eier in die Made des Holzschädlings. Das Wespenei entwickelt sich darin in wenigen Tagen und ernährt sich in dieser Zeit von dem Parasit. Fachleute nennen so was Parasitierung. Eine biologisch einwandfreie Sache, meint Erhard Heinemann, der die Lagererzwespe deswegen favorisiert,

weil sie unheimlich klein ist im Verhältnis zu ihrem Wirt und unheimlich aktiv ist, in dem Ablegen von Eiern. ... Es gab schon in der Vergangenheit immer wieder Versuche, dass zu machen mit dem Hausbundkäfer als ähnliches Insekt, was auch parasitiert, den Nagekäfer angreift, aber diese Methode mit der Lagererzwespe hat sich aufgrund einiger anatomischer Besonderheiten der Wespe als wirtschaftlich umsetzbar erwiesen.

30 Wespen sollen in der kommenden Woche ausgesetzt werden. Ein weibliches Insekt hat einen Aktionsradius von etwa vier Metern und legt ca. 60 Eier ab. Doch bevor die im Labor gezüchteten Wespen losfliegen dürfen, muss das richtige Klima geschaffen werden. Damit die Parasitierung gelingt, muss der Raum 15 bis 25 Grad warm sein und eine durchschnittliche Luftfeuchtigkeit von 15 Prozent haben. Die Schlupfwespen sollen nicht merken, dass eigentlich keine Brutzeit ist, sondern Winter.

Darum errichten derzeit Mitarbeiter des Bistums ein klimatisiertes luftdichtes Zelt um den Cranach-Altar. Eine spezielle Pappe sorgt für das adäquate Klima. Die Methode ist neu, wurde bislang erst einmal durchgeführt: Bei einer ähnlichen Aktion in der Kulissenbibliothek der Franckeschen Stiftungen in Halle. Holzsachverständiger Erhard Heinemann ist überzeugt, dass Ende März der barocke Altar vom Holzschädling befreit ist. Er gibt aber zu Bedenken.

In dieser Größenordnung, wie wir das hier vorfinden, lässt sich natürlich so eine Sache auch einhausen. Das heißt ich kann ein ganz bestimmtes Klima schaffen, wo ich die Bekämpfung durchführen kann. Ich kann das nicht flächendeckend machen über den gesamten Dom, das wird nix.

Die Bundesanstalt für Materialforschung begleitet das Vorhaben und prüft, ob man in Zukunft auf diese Weise viele Kunst- und Kulturgüter vor den gefräßigen Holzwürmern retten kann. Das umweltfreundliche Verfahren ist zudem billig. 3000 Euro kostet die Biowaffe. Tragisch nur: auch die Wespen sterben nach ihrem Einsatz - mangels Nahrung.
-> Fazit
-> weitere Beiträge
->
-> Dom Erfurt