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18.1.2005
Französische Schüler für Deutsch begeistern
Aktionswoche in Paris
Von Siegfried Forster

Kampagne des Goethe-Instituts Paris für Deutschunterricht: die Deutsche Tanja und ihr französischer Freund Pierre (Bild: Goethe-Institut Paris)
Kampagne des Goethe-Instituts Paris für Deutschunterricht: die Deutsche Tanja und ihr französischer Freund Pierre (Bild: Goethe-Institut Paris)
Nur noch acht Prozent der französischen Schüler lernen Deutsch als erste Fremdsprache, halb so viel wie vor zehn Jahren. Eine deutsche Aktionswoche unter dem Slogan "Deutsch und Französisch: ein Schlüssel für Beruf und Karriere in Europa" soll den Trend zum immer sprachloser werdenden Miteinander der beiden Nachbarländer aufhalten. Höhepunkt ist am 22. Januar der offizielle "Deutsch-Französische Tag".

Lange Zeit dachten nicht wenige Franzosen beim Stichwort Deutschland vor allem an: "la guerre, la bière et Hitler": "Krieg, Bier und Hitler". Nicht gerade die beste Voraussetzung, um Deutsch zu lernen. Im Jahr 2003 ergab eine Umfrage an französischen Schulen, dass sich viele Klischees - etwa vom "kalten" Deutschland und "organisierten" Deutschen - hartnäckig halten und trotz aller Bemühungen, immer weniger Franzosen Deutsch lernen wollen. Barbara Malchow ist beim Pariser Goethe-Institut verantwortlich für die Spracharbeit in ganz Frankreich:

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Deutschlerner in Frankreich um ungefähr 50 Prozent vermindert. Vor 20 Jahren waren es noch 1,6 Millionen, die Deutsch gelernt haben. Im letzten Jahr waren es 900.000.

Die deutsche Sprache wird leicht als Lieblingsbeschäftigung überaus "ernster und langweiliger" Mitschüler abgetan. Die deutsch-französische Aktionswoche soll das Image aufpolieren und gegensteuern. Plakate in der Metro und Spots in Hörfunk und Fernsehen. Eine Kostprobe für die deutsche Sympathie-Werbung im französischen Fernsehsender France 3:

Werbespot: Die Kartoffel, die Hochtechnologie, der Hund, der Wagen, der Tisch, das Elektrizitätswerk, die Professorin …

Ob pfiffige Kampagnen mit Kartoffel und Tisch mit dem schlechten Deutsch-Image aufräumen, erscheint mehr als fraglich. Star-Cuisinier Michael Hoffmann dürfte für diese Gretchen-Frage ebenfalls kein Geheimrezept haben, auch wenn er diese Woche mit einem grenzüberschreitenden Menü per Videokonferenz den Franzosen exquisite Gaumenfreuden auf Deutsch beschert.

Grundschüler machen sich in Supermärkten mit der Lupe auf die Suche nach deutschen Produkten. Jugendliche werden sich auf der Europabrücke in Strassburg die Hände reichen. Symbolträchtige Aktionen, weil die vernünftigen Gründe, Deutsch zu lernen, offenbar nicht ausreichen im Kampf gegen den Abwärtstrend. Nur noch acht Prozent der französischen Schüler lernen heute noch Deutsch als erste Fremdsprache, halb so viel wie vor zehn Jahren. Als zweite Fremdsprache ist Deutsch sogar von 30 auf 12 Prozent eingebrochen. Jean-François Tournadre, Koautor einer Studie "Über den Deutsch-Unterricht in Frankreich":

Jetzt seit mehr als 20 Jahren gibt es immer weniger französische Schüler, die Deutsch studieren. Sei es als erste Sprache oder sei es als Zweitsprache. (…) Und das ist also wirklich eine sehr düstere Atmosphäre, wie sie gesehen haben.

Werbekampagne des Goethe-Instituts Paris für Deutschunterricht: hier mit Model Melanie (Bild: Goethe-Institut Paris)
Werbekampagne des Goethe-Instituts Paris für Deutschunterricht: hier mit Model Melanie (Bild: Goethe-Institut Paris)
Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass die jungen Franzosen in den letzten Jahren viele Vorbehalte und Komplexe gegenüber Deutschland und den Deutschen verloren haben: In Paris tragen Studenten ausrangierte Bundeswehrparkas und lassen die Deutschlandflagge am Ärmel, beim Theaterfestival in Avignon wurde 2004 zum ersten Mal im "Cour du Palais des Papes" auf der Bühne Deutsch gesprochen, "Good bye Lenin" entwickelte sich zum erfolgreichsten deutschen Film nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich, der Homosexuellen-Fernsehsender "Pink TV" benutzte für seinen Sendestart im Oktober frech das legendäre Bild von Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl Hand in Hand. Bild-Unterschrift: "Es gibt nicht nur Sex im Leben eines Paars". Noch einmal Barbara Malchow :

Man kann in Frankreich nicht davon sprechen, dass es negative Vorurteile gegenüber Deutschland oder deutscher Kultur gebe, ganz im Gegenteil. (…) Im Theater und jetzt ganz besonders im jungen deutschen Film ist das Interesse der Franzosen an deutscher Kultur nach wie vor sehr, sehr groß. Was nicht sehr groß war, war das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache. Und das soll jetzt eben wieder neu belebt werden.

Das französische Erziehungsministerium verteilt in dieser Woche eine Million Broschüren, damit kein Schüler später sagen kann, er hätte nicht gewusst, welche Vorteile das Deutschlernen für die spätere berufliche Karriere bietet. Deutschlands Kanzler und Frankreichs Präsident verkündeten das offizielle Ziel, die Zahl der Schüler, die die Sprache des Nachbarlandes lernen, in den nächsten zehn Jahren um 50 Prozent zu erhöhen. Ein kühnes Unterfangen. Doch den Worten folgten diesmal Taten. Deutsch wird seither gleichberechtigt mit dem Englischen in den Unterricht eingeführt. Seit diesem Schuljahr scheint der Abwärtstrend der deutschen Sprache in Frankreich zum ersten Mal gestoppt worden zu sein.

Wir haben ungefähr zwei bis drei Prozent mehr. Und das ist hauptsächlich zurückzuführen auf strukturelle Änderungen im französischen Bildungssystem, vor allem der Einrichtung der "classe bilangue", in denen zwei Fremdsprachen nebeneinander, parallel unterrichtet werden: Deutsch und Englisch. Hier hat das Deutsche als zweite Fremdsprache großen Zulauf. (…)
Man beginnt einfach im gleichen Schuljahr mit Deutsch und Englisch. Das passiert in der Sixième, das heißt die Kinder sind dort ungefähr 10 Jahre alt.


Das aggressive Aufbäumen gegen die Vormachtstellung des Englischen beurteilen viele Wissenschaftler hingegen inzwischen als überholte Strategie. Michael Werner, Leiter des Zentrums für Deutschland-Studien an der prestigeträchtigen Universität Ecole des Hautes Etudes Sociales in Paris, plädiert eher für einen lockereren Umgang mit der Vielsprachigkeit. Vorbild in der Europäischen Union der 25 seien dabei weder Deutschland noch Frankreich, sondern die kleinen Länder. Michael Werner :

Und man hat die Erfahrung gemacht, dass Mehrsprachigkeit gar nicht zu Lasten der eigenen Sprache geht. Man braucht die eigene Sprache überhaupt nicht verteidigen oder dagegenstellen, sondern, dass man im Grunde mit einem lockeren Umgang, was das Sprachenproblem betrifft, wahrscheinlich mehr erreicht als mit Verkrampfungen und mit absoluter Verteidigungsposition gegenüber dem großen Feind.




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