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Fazit • Kultur vom Tage
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18.1.2005
Von Biestern und anderen Dämonen
Ausstellung im Sprengel Museum Hannover
Von Carsten Probst

Edvard Munchs Gemälde "Weiblicher Halbakt - Das Biest" aus dem Jahr 1902 ist Ausgangspunkt für die Ausstellung "Das Biest" im Sprengel Museum Hannover. Als roter Faden zieht sich die Darstellung von Dämonen, Halbweltwesen, Mutanten oder Maschinenmenschen in der Kunstgeschichte durch die Ausstellung. Als Bindeglied zwischen Munch und der bundesdeutschen Nachkriegskunst funktioniert hier Max Ernst, bei dem auch Figuren auftauchen, die halb Mensch und halb Maschine sind.

Obgleich sich Edvard Munch erkennbar bemüht, einen verführerisch sinnlichen Frauenkörper darzustellen, sind es doch keineswegs die fleischlichen Reize, die den Blick als erstes anziehen, sondern die dunklen Augen, die dem Betrachter einen kalten und geradezu haßerfüllten Blick zuwerfen. Unterstützt wird dessen Wirkung durch das lange, dunkle Haar, das den Frauenakt schlangengleich umfließt und die Nacktheit mit dem in kältesten Grün- und Brauntönen gehaltenen Hintergrund verschmelzen lässt. Dieses Medusenhaupt und seine Augen, die in dem wie von ewigem Rachedurst geröteten Gesicht glühen, sind es, die dem Bild seinen Namen geben.

In anderen Gemälden und Studien, wie etwa der "Sünde", hat Munch den Aspekt der Schönheit und Verführung des weiblichen Körpers durchaus von den lebensgefährlichen Blicken einer Medusa zu trennen gewusst. Frauen sind also nicht durchweg zwanghaft Böse für den Frauenfürchter Munch, sondern wie paralysiert und fasziniert steht er vor ihrer Erscheinung, wie im Anblick von Dämonen, mal locken und mal verderben sie, und niemals errät man ihren Sinn.

Ein solches Frauenbild erinnert mehr an Wedekinds "Lulu" oder an die vormodernen Geisterbilder des Symbolismus. Doch in den sich auflösenden Formen und Farben zählt Munchs Gemälde zweifellos zu jenen Werken, die die Verbreitung psychoanalytischer Erkenntnisse so seltsam bekenntnishaft vorwegnehmen. Und das war der Grund für Norbert Noris, das Biest zum Ausgangspunkt für ein assoziatives Ausstellungsprojekt zu wählen, wie er es nennt.

Das ist der Ausgangspunkt für mich für eine ganz bestimmte Darstellung, nämlich dass im 19. Jahrhundert diese "Biester", also die Dämonen, die uns verfolgen, dass die ja noch aus einer sehr romantischen Vorstellung kommen... Im 20. Jahrhundert werden ja diese Dämonen nun sehr viel konkreter. Und das hängt natürlich mit den Kriegen zusammen, ganz klar, aber beispielsweise - und jetzt kommen wir zu Bernhard Schulze, eine Figur, die so in Auflösung sich befindet - all dies sind klare Reaktionen auf die Gefahren der sechziger Jahre des Atomkriegs.

Von der verführerischen Medusa zum Atomkrieg mag es, was die dazwischenliegenden Jahrzehnte angeht, ein weiter Weg sein, in der Kunst scheinen sich dagegen die Bezüge auf eigene Weise herzustellen. Die Versehrten des heißen oder Kalten Krieges oder die möglichen Opfer von Atomschlägen sind mehr Mutanten, Widergänger, die aus der technischen Apokalypse des 20. Jahrhunderts hervorgehen. Doch es mag sein, dass ihnen derselbe Abwehrzauber innewohnt, wie Munchs Frauenakten.

Nicht zuletzt kleidet auch Bernhard Schulze 1971 seine Zukunftsvision der verstrahlten Erde in eine nackte Frauengestalt, die vielleicht einmal eine "Flora" aus Botticellis "Drei Grazien" hätte sein können, nun aber an allen Teilen ihres Körpers dramatische Brandlöcher aufweist. Eigentlich besteht sie ohnehin nur noch aus einer papierenen Hülle.

Wolfgang Petrick assistiert dieser Vorstellung mit seinem Gemälde "Innenraum" von 1975, das das Chaos der seelischen Auszehrung in der technischen Welt beschwört. Immer ist es die bedrohte Körperlichkeit, die die Dämonen gebiert. Als Mittler zwischen den Anschauungswelten Munchs und der bundesdeutschen Nachkriegsmoderne hat der Kurator Norbert Nobis Max Ernst ausgemacht.

Dann gibt es aber auch andere Figuren, andere Dämonen, wie beispielsweise Cyborgs, also Wesen zwischen Mensch und Maschine, die schon von Max Ernst thematisiert werden "Fiat modes pereat ars". Auf einmal tauchen Menschen auf, die halb Maschinen sind, auch das ist ein bildlicher Rückgriff auf den ersten Weltkrieg, wo so viele Menschen aus dem Krieg rausgekommen sind und Prothesen brauchten. Auch Otto Dix beispielsweise oder Grosz haben das thematisiert, also Menschen, die totalamputiert waren. Auch das ist also eine Realität, die in der Bilderwelt aber auf einmal dämonisch wird, das heißt, die uns verfolgt. Diese Bilder verfolgen uns im Traum, wie die Frauen den Künstler Edvard Munch verfolgt haben.

Dass die Medienwelt die Medusen von heute erzeugt, das scheint sich mit den Installationen des australischen Medienkünstlers Dennis del Favero zu bewahrheiten. Del Favero schafft Filme und Fotografien, die traumatische Erfahrungen von Krieg, sexuellem Missbrauch und sozialer Ausgrenzung quasi aus der Innenperspektive der Opfer zu schildern versuchen.

Seine Videos, vor allen Dingen die interaktiven Videos, wo wir uns, sagen wir mal, den Inhalt, die Wahrheit, die erzählten Geschichten selber zusammenstellen, ist genau so ein assoziativer Griff wie das Betrachten der Ausstellung "Das Biest und andere Dämonen": Nach dem Fall der Berliner Mauer, nach Perestroika und Ende des Kommunismus haben wir auf einmal diese große Bedrohung nicht mehr. Und jetzt auf einmal sind die Bedrohungen ganz anderer Natur, sie sind viel mehr in dem Menschen selbst, in seine Handlungen verlegt worden, und das sind natürlich die sexuellen Übergriffe, die Morde, aber auch natürlich die kleinen Kriege, wie wir sie in Jugoslawien erlebt haben, die ein so unendliches Leid hervorrufen und trotzdem von uns nur irgendwo so am Rande wahrgenommen werden, wo ich denke, das sind auch Dämonen, die uns verfolgen werden.

Faveros Ansatz läßt den Betrachter per Mausklick Szenen auswählen, die dann auf Bildschirmen erscheinen, Szenen meist in das Sonnenfinsternis-Grau der geistigen Umnachtung gehüllt, denen man per Kopfhörer monotone Erzählungen hinzuschalten kann, die das Geschehen jedoch nicht linear verfolgen. Die ineinander verschmolzenen Körperdetails erinnern an Francis Bacons ebenfalls nicht wenig traumatische Gestalten, hier jedoch sind es die nun die kalten multiplen Wahrheiten der Medienwelt, die Dämonen der Individualisierung, die das Schöne bevorzugt im Schmerz erleben lassen, Skizzen eines qualvollen Selbstverlustes, der, wie schon bei Edvard Munch nie auflösbar erscheint.
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