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19.1.2005
Stanley Kubricks Universum
Ausstellung in Berlin ehrt den amerikanischen Filmemacher
Von Michael Meyer

Christiane Kubrick, Witwe von Stanley Kubrick, eröffnete die Ausstellung  (Bild: AP)
Christiane Kubrick, Witwe von Stanley Kubrick, eröffnete die Ausstellung (Bild: AP)
Die große Schau im Martin-Gropius-Bau, die den 1999 verstorbenen Filmemacher Stanley Kubrick ehrt, gibt Einblicke in seine Werkstatt. Aus seinen Meisterwerken wie "A Clockwork Orange", "2001: Odyssee im Weltraum" oder "Eyes Wide Shut" sind aus dem Nachlass Requisiten, Probenfotos und Produktionsnotizen zu sehen, die das System Kubrick verdeutlichen.

Kaum ein Filmemacher hat je so akribisch, fast schon manisch jahrelang an seinen Projekten gearbeitet. Das System Kubrick beinhaltete nicht nur das Filmemachen. Es ging um deutlich mehr: um die Erschaffung einer eigenen Welt wie etwa in dem metaphysischen Klassiker "2001-Odyssee im Weltraum".

Bilder aus "2001 - Odysse im Weltall" (Bild: AP)
Bilder aus "2001 - Odysse im Weltall" (Bild: AP)
Die bis in jedes Detail genaue Recherche im Vorfeld eines neuen Filmprojektes ist für die Ausstellungsmacher des Frankfurter Filmmuseums natürlich von großem Vorteil gewesen - ganze Container zu verschiedenen Projekten fanden sich auf dem Anwesen der Kubricks Childwickbury Manor in der Nähe von London. "Wir hatten nicht das Problem der Nadel im Heuhaufen, wir hatten zu viele Heuhaufen", sagt die Witwe Christiane Kubrick über die Sammelleidenschaft ihres Mannes. Das hatte auch zur Folge, dass Kubrick nur rund ein Dutzend Filme in seinem Leben realisierte - eine durchaus beabsichtigte Arbeitsweise, wie Christiane Kubrick betont:

Er hat weniger Filme gemacht, weil er geduldig darauf wartete, eine wirklich gute Geschichte zu finden, er wollte sich Unabhängigkeit von den Warner Brothers und so auch verdienen und keinen Unsinn filmen, bloß, weil es ihm vielleicht zu langweilig wäre. Er war sehr geduldig auf diesem Gebiet, es war also keine Faulheit in dem Sinne, sondern geduldiges Warten bis die richtige Geschichte an ihn herankommt, und er hat viel gelesen, um das zu erreichen, und hat da auch gerne sich mit beschäftigt.

Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius Bau folgt nicht chronologisch dem Filmschaffen Kubricks, sondern stellt die verschiedenen Projekte nebeneinander, unter anderem auch zu nicht realisierten Filmen, wie etwa "Napoleon". Neben den in solchen Ausstellungen üblichen Produktionsnotizen und -zeichnungen bekommen Besucher auch Einblick in die außergewöhnliche Kreativität Kubricks, wenn es um Produktionsdesign, Kulissen und Drehorte ging. Da Kubrick sich seine Ideen nicht einfach ausreden ließ, mussten seine Produktionsdesigner ebenfalls ungewöhnlich kreativ sein.

Das wohl bekannteste Beispiel für gelungenes Design eines Filmsets ist der sogenannte "War Room" aus dem Film "Dr. Seltsam - oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben", der in der Ausstellung als Miniaturmodell zu sehen ist. Der Film spielt fast ausschließlich in der Kommandozentrale der amerikanischen Streitkräfte und zeigt die Absurdität menschlicher Verhaltensweisen im Angesicht eines vernichtenden Krieges.

Der War Room war so täuschend gebaut, dass laut einer Legende Präsident Ronald Reagan beim Einzug ins Weiße Haus gefragt haben soll: "Wo ist der War Room?" Der Produktionsdesigner Kenneth Adam erinnert sich an die Zusammenarbeit mit Kubrick:

Auf "Strangelove" haben wir ja uns gegenseitig, wie sagt man das auf Deutsch: Inspired each other, und dadurch, dass außerdem dass B-52 das einzig Authentische war. Das Kriegszimmer war ja eine reine Erfindung, war das ja interessant. Ich kam auf eine Idee, er kam auf eine Idee, so hat sich dieser Film entwickelt, und nicht nur ich und er, auch die Schauspieler, Terry Southern, Peter Sellers, der improvisierte, bis man grün wurde, was sehr schwierig war für die anderen Schauspieler, weil sie kein ernstes Gesicht halten konnten. Das war wirklich aufregend und für mich eine erste Erfahrung damals.

Ein weiteres Meisterwerk, auch im produktionstechnischen Sinne, war der Film "Barry Lyndon", der im 18. Jahrhundert spielt. Kubrick ließ keine einzige Szene im Studio drehen, sondern drehte nur in Häusern aus jener Zeit, beleuchtet nur mit Kerzen. Dieser Hang zur unbedingten Authentizität zeichnete jedes seiner Projekte aus. Dabei ist ein kein Widerspruch, dass Kubricks Arbeitsweise, das sich völlige Zurückziehen von der Welt, im Grunde der Arbeitsweise eines Künstlers des 19. Jahrhunderts entspricht. Nicht der Künstler reagiert auf die Ereignisse der Welt, sondern: Er erschafft sich seine eigene Welt. Diesem Motiv begegnet man in der Ausstellung immer wieder, bestätigt der Leiter des Frankfurter Filmmuseums, Hans-Peter Reichmann:

Das ist ein sehr, sehr schöner Vergleich. Im Nachlass finden sich zu jedem Projekt abertausende von Fotos. Es gibt zu "Napoleon" diese 18.000 Fotos, die dokumentieren alles, was rund um Napoleon verfügbar war, oder bei "Aryan Papers", einem Projekt über den Holocaust. Er hat Studenten losgeschickt, die fotografierten alles, was über den Holocaust verfügbar war, aus der Zeit vor '45. Nicht um zu dokumentieren, es war ihm nicht wichtig, sondern er wollte sich die Fotos einsaugen, im wahrsten Sinne des Wortes, und aus diesen ein Filtrat bilden, (...) so sehen mit den Augen, als wäre er zwischen '33 und '45 in Polen oder in Warschau in einem Getto. Das setzt sich fort bis "Eyes Wide Shot", wo es Fotos gibt von fast allen Straßen Londons.

Kubricks Blick auf die Welt war stets düster und negativ - es ist eine Welt in permanentem Kriegszustand, auch in den privaten Beziehungen, auch wenn er privat umgänglich und heiter gewesen sein muss, wie seine Witwe betont. Der Privatmensch Kubrick wird in einem kleinen Raum in der Ausstellung gezeigt - seine Biografie ist jedoch nicht Thema der Ausstellung, sondern der faszinierende Blick auf ein Werk, das in der Filmgeschichte einmalig ist. Bis heute kann man in Kubrick Filmen noch immer neue Aspekte finden, meint Hans-Peter Reichmann:

Man entdeckt eventuell sogar eine Parallele zum eigenen Leben. Natürlich durch die Ausstellung hat man diesen Blick in die Werkstatt, das man weiß, aha, in diesem Kontext hat er recherchiert, diese Szene, ich erinnere mich dran. Man kriegt sozusagen diesen Blick hinter die Kulissen.

Service:

Die Ausstellung "Stanley Kubrick" ist vom 20. Januar bis 11. April 2005 im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Die Schau, die vorher im Filmmuseum Frankfurt/M. zu sehen war, das für die Ausstellung verantwortlich zeichnet, wird nach Berlin in Rom gezeigt.

Link:

Martin-Gropius-Bau: "Stanley Kubrick"

Filmmuseum Frankfurt/M.: Website zur Stanley-Kubrick-Ausstellung
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