Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
19.1.2005
Freigeist Einstein
Offizielle Eröffnung des Einsteinjahres in Berlin
Von Michael Schornstheimer

Schauspielerin Iris Berben, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Aude Einstein, Fernsehmoderatorin Anne Will und Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn bei der  Eröffnung des Einsteinjahres (Bild: AP)
Schauspielerin Iris Berben, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Aude Einstein, Fernsehmoderatorin Anne Will und Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn bei der Eröffnung des Einsteinjahres (Bild: AP)
Im Deutschen Historischen Museum Berlin sind am Mittwoch die Feierlichkeiten zum Einsteinjahr offiziell eröffnet worden. Fazit sprach aus diesem Anlass mit dem Festredner Yehuda Elkana, der Einstein vor allem als einen Befreier von Konventionen und Begrenzungen bezeichnet. Der Zürcher Professor ist gegenwärtig Rektor der Europäischen Universität in Budapest und polyglotter Wissenschaftshistoriker.

Das Einsteinjahr soll Lust auf diese Zukunft wecken. Es ist ein Jahr, das Neugierde wecken soll. Ein Jahr zum Vordenken und vor allem zum Mitmachen. Viele Veranstaltungen richten sich ganz besonders an junge Menschen, an die "Erben Einsteins". Gerade sie wollen wir für die Forschung und Wissenschaft begeistern.

Albert Einstein schreibt am 14. Januar 1931 eine Gleichung für die Dichte der Milchstraße an eine Tafel des Carnegie-Instituts in kalifornischen Pasadena (Bild: AP)
Albert Einstein schreibt am 14. Januar 1931 eine Gleichung für die Dichte der Milchstraße an eine Tafel des Carnegie-Instituts in kalifornischen Pasadena (Bild: AP)
Bundesbildungsministerin Bulmahn und Bundeskanzler Schröder rufen zur kulturellen Innovation auf. Angesichts von Hartz IV und PISA wirkt Einstein wie eine verheißungsvolle Lichtgestalt. Wie gut würde er uns heute tun. Seine Aufsätze von 1905 revolutionierten nicht nur die bis dahin gültigen Vorstellungen von Raum, Zeit, Materie und Energie. Sondern schufen auch die Grundlagen für immer neue, gewinnbringende Erfindungen. Bis in unsre Tage: Vom CD-Player bis zum Satellitengesteuerten Navigationssystem. Deshalb also das Einsteinjahr 2005. Die Kreativität soll gesteigert, das Erziehungssystem verbessert werden. Ja sogar ein neuer Gesellschaftsvertrag soll her, zwischen "Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften". Die Begleitmusik dazu lautet: "Wir steigern das Brutto-Sozialprodukt."

Doch Festredner Yehuda Elkana, Auschwitzüberlebender, polyglotter Wissenschaftshistoriker, Professor in Zürich und gegenwärtig Rektor der Europäischen Universität in Budapest, gießt Wasser in den Festtagswein. Der Ruf nach mehr Innovation erfordere grundlegende Weichenstellungen und langfristige Planung:

Diese Innovationskultur muss sich befreien von einer Trennung von Grundlagenforschung und applikativer Forschung. Es waren viele Jahre, wo die Industrien reich waren, viel reicher als jetzt, wo die größten Grundlagenforschungslabors in der Industrie waren. Das ist fast vorbei. Die Industrie denkt nicht, dass sie es sich leisten kann, die im Moment noch nicht klaren Zwecke von Grundlagenforschung zu sehen. Um eine richtige Innovationskultur zu entwickeln, ich werde das jetzt metaphorisch nennen, wäre wichtig, dass die Direktoren der Max-Planck-Gesellschaft und die Kapitäne der Industrie an derselben Kommandobrücke stehen und arbeiten.

Für Yehuda Elkana ist der Freigeist Einstein vor allem ein Befreier - von Konventionen, Zwängen und Begrenzungen. Keine Wahrheit war dem Genie heilig. Aber Einsteins Erbe wirklich ernst zu nehmen, das verlangt von uns heute, meint Elkana, über Einstein hinauszugehen. Das illustriert er mit einer Geschichte.

Der Kriegsgegner und Pazifist Einstein war angewidert vom Ersten Weltkrieg, den seine Kollegen begeistert begrüßten. Er kritisierte sogar öffentlich seinen Freund Fritz Haber für dessen Beitrag zum Gas-Krieg. Doch hinderte ihn das nicht daran, weiter mit Fritz Haber befreundet zu sein und ihn täglich zu treffen. Eine solche Weltfremdheit könnten wir uns heute nicht mehr leisten. Jeder forschende Wissenschaftler müsse heutzutage über die Folgen und Risiken der Forschung nachdenken. Dabei helfen Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie. Doch speziell diese Disziplinen seien in Deutschland schwach vertreten, kritisiert Yehuda Elkana:

Das ist kaputt gegangen mit den Nazis. Dieser reflektierende Zugang zum Wissen ist eigentlich aus Europa verschwunden. Amerika hat das eine Weile sehr schön weitergemacht, aber es scheint so, Amerika macht das auch weniger als früher. Wenn das Europa nicht wieder entwickelt, wenn das hier nicht kommt, das ist ein unglaublicher Verlust. Wissenschaftsgeschichte beispielsweise kam nach Deutschland erst vor zehn Jahren richtig in diesem Sinn mit der Begründung der Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Leider zur selben Zeit, ein Lehrstuhl nach dem anderen für Wissenschaftsgeschichte wird heute in Deutschland geschlossen.

Nicht mehr der "wertfreie", sondern der engagierte Wissenschaftler ist gefragt, meint Yehuda Elakana. Und echte Innovation wird nur möglich sein, wenn die Naturwissenschaften nicht länger gegen die Geistes- und Sozialwissenschaften ausgespielt werden.

Die Physik definiert uns nicht, welche sind die wichtigen physikalischen Probleme für die Zukunft. Es gibt eine Grenze, aber welche wir auswählen, dazu müssen wir einen sozialen Dialog haben. Und das Publikum hat Recht, teilzunehmen.

Die "einzig wahre" wissenschaftliche Methode kann und wird es nicht geben. Auch das sollten wir von Einstein lernen. Das bedeutet, die Suche nach universell gültigen Theorien aufzugeben. Egal, ob es dabei um die Physik, das Leben, das Individuum oder die Gesellschaft geht. Die Antwort auf die vielfältigen Probleme unserer Welt heißt für Yehuda Elkana "dialektischer Pragmatismus". Dazu bekennt er sich auch persönlich:

Ich finde es absolut konsequent und ich seh da kein Problem, dass ich, als jemand der den Holocaust überlebt hat, hier stehe und genieße die freie Atmosphäre von der deutschen Demokratie. Genau wie ich keine Inkonsequenz dabei sehe, dass ich Israel liebe, und ich will, dass es immer da ist, und ich arbeite viel für Israel, und dabei ununterbrochen warne vor genau denselben rassistischen, nationalistischen Neigungen, die heute da sind.


-> Fazit
-> weitere Beiträge
-> Weitere Sendungen (DeutschlandRadio Berlin • Einsteinjahr)