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Fazit • Kultur vom Tage
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20.1.2005
Theater in Afghanistan und Tschetschenien
Forum in der Berliner Akademie der Künste
Von Aishe Malekshahi

Szene in afghanischem Café (Bild: AP)
Szene in afghanischem Café (Bild: AP)
Die Berliner Akademie der Künste startet unter dem Titel "Hoffnung Theater" eine neue Reihe zur Situation des Theaters in Krisengebieten. Den Auftakt bildeten am Donnerstagabend Afghanistan und Tschetschenien. Da viele Afghanen Analphabeten seien, sei das Theater ein attraktives Medium, berichtete die deutsch-afghanische Regisseurin Julia Afifi vom Aufbau eines Dramatic Centers in Kabul.

Die Bilder aus Afghanistan und Tschetschenien gleichen sich: Zerstörte Häuser, karge, verlassene Straßen, ausgebrannte Panzer - eine Atmosphäre, die alles andere als hoffnungsfroh erscheint. Der tschetschenische Schauspieler Achjad Gajtukajev, der seit kurzem in Deutschland lebt, antwortet auf die Frage, ob er Hoffnung habe, mit einem klaren Ja! Und er erzählt eine Legende aus der Zeit Dschingis Khans, der einst versuchte, Tschetschenien zu erobern. Es gelang ihm nicht, da er das traditionelle Musikinstrument - eine Art Laute - nicht erbeuten konnte und dann begann er sein Lied.

Die Tradition, die Kultur seines Landes lässt sich nicht zerstören - so könnte die Botschaft des Schauspielers lauten, wenn da nur nicht diese Bilder wären. Jörg Hafkemeyer, der den Abend moderierte, zeigte seine letzte Fernsehreportage aus Grosny. Eine Stadt, die die Russen völlig zerstört haben. Hafkemeyer erzählt, wie er sich fragte, was man hier noch zerstören kann, und wurde dann selber mit der rohen Gewalt konfrontiert, als russische Hubschrauber Flüchtlinge angriffen: Tote, Verletzte und ein Überlebender sagt:

Die Russen wollen uns vernichten.

Die Russen nehmen die Tschetschenen nur als Terroristen wahr, bestätigt Achjad Gajtukajev. Nach dem Attentat auf eine Schule in Beslan, im vergangenen Herbst, interessierte die tschetschenische Tragödie im Westen kaum jemanden. Seit Ende der neunziger Jahre verfolgt der Regisseur und Filmemacher Peter Krüger die politischen Entwicklungen in der Region und sein erstes Bekenntnis:

Theater hat uns erst überhaupt nicht interessiert.

Mit Freunden sammelte Peter Krüger an Berliner Theatern Geld für die Hilfsaktionen von Cap Anamur in Grosny. Im Juni 1997 reiste er in das Land und besuchte auch das zerstörte Nationaltheater.

Das Rätselhafte war, dass der Kulturminister eine kleine Bühne aufgebaut hatte, wo das Epos "Erde der Väter" gespielt wurde. Und zu meinem großen Erstaunen das Theater in Tschetschenien und Unguschetien eine unglaublich wichtige Rolle spielt, vielleicht auch aus Sowjetzeiten - wo Schauspieler halbe Götter waren und dort auch.

Befremdlich war für Krüger jedoch, dass man ihn dort mit dem Hitler-Gruß grüßte. Nach dem ersten Schrecken folgte die Aufklärung: Hitler war beliebt, da dieser Krieg gegen Stalin führte. Doch diese schlichte, historische Antwort genügte dem Regisseur nicht. Es folgte ein Theateraustausch. Peter Krüger zeigte das Theaterstück "Das Mädchen von Auschwitz" und Kafkas "Ansprache an die Akademie" - und endlose historische Debatte folgten und "handfest gesoffen" wurde auch, so der Regisseur.

Im vergangenen Jahr inszenierte Peter Krüger mit tschetschenischen und inguschetischen Schauspielern "Mutter Courage und ihre Kinder". Begleitet von Drohungen; Unterbrechungen, wenn Bomben explodierten, und eine Zensur, die in Form einer sogenannten Ethikkommission auftrat. Krüger sagt sinngemäß:

Bei uns spielte ein Hure mit, da kam die Ethikkommission mit 25 Mann (...) Ich kriegte einen Anfall, wie in der DDR, drohte mit der Abreise, die Schauspieler haben sich gewehrt und man hat sie nie wieder gesehen.

Das schuf einen Zusammenhalt mit dem Ensemble, so dass bald die Idee für die nächste Inszenierung entstand: "Prometheus".

Auch die deutsch-afghanische Regisseurin Julia Afifi und der Hamburger Theaterintendant Tom Stromberg erzählten von ähnlichen Erlebnissen. Doch während Stromberg von seinem afghanischen Abenteuer so daherplauderte und seinen Dramaturgen beim Versuch, Alkohol in Kabul zu kaufen, fotografierte und sich ernsthaft wunderte ... wohl vergessend, dass es sich um ein islamisches Land handelt - nun gut. Wenigstens kam Julia Afifi zur Sache und sagte sinngemäß:

Theatermachen in so einem Land ist sehr schwer. Die Lebenssituation ist sehr schwer, die Lebenserwartung ist gering. Es gibt eine hohe Luftverschmutzung, das Wasser ist knapp. Es gibt keine Schulpflicht.

Theatermachen heißt, so die 35-jährige Regisseurin, Geduld haben und Verständnis zu zeigen für die Menschen in Afghanistan. Julia Afifi baute in Kabul das Dramatic Arts Center auf und organisierte im vergangenen Jahr mit Hilfe des Goethe-Instituts ein Theaterfestival. Afghanische Theaterensembles aus den Provinzen thematisierten direkt und humorvoll die Alltagsnöte: Schmuggel, Drogen und Korruption. Wenn Julia Afifi von ihren Erfahrungen spricht, dann spürt man doch einen vorsichtigen Optimismus. Sie sagte sinngemäß:

Also, ich finde, dass das Theater für den Aufbau der Zivilgesellschaft enorm wichtig ist. Die Leute sind noch Analphabeten. Wer kann sich einen Fernseher leisten? Kaum jemand, das ist ein Medium in den Dörfern. Es ist ein eingreifendes Medium, ein attraktives Medium.

Service:

Das Forum "HOFFNUNG THEATER: Afghanistan und Tschetschenien" fand am 20. Januar 2005 an der Berliner Akademie der Künste statt.

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