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Fazit • Kultur vom Tage
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20.1.2005
Entzauberte Göttinnen der Lust
"Bordell und Boudoir" in der Tübinger Kunsthalle
Von Johannes Halder

Cézanne malte einen Frauenakt in obszöner Pose auf dem Diwan. Toulouse-Lautrecs Blick hinter die Kulissen zeigt entzauberte Göttinnen der Lust. Wer bei dem Ausstellungstitel "Bordell und Boudoir" Schlüpfriges erwartet, den verblüfft bei aller Sinnlichkeit die Nüchternheit, mit der die Tübinger Kunsthalle die Bilder präsentiert.

Ganz schön frech, was der junge Paul Cézanne da 1870 mit flotten Strichen auf die Leinwand pinselte: Mit prallen Schenkeln räkelt sich eine nackte Dame in obszöner Pose auf dem Diwan, und das plüschige Boudoir macht klar, welchem Gewerbe das laszive Frauenzimmer nachgeht. Schlimmer noch: Im Vordergrund hat sich der Künstler selbst als Kunden dargestellt, und das Pariser Publikum war prompt geschockt.

Cézanne, der Bursche vom Lande, hatte den Skandal geradezu gesucht, nachdem sein Kollege Manet sieben Jahre zuvor mit seiner "Olympia", einer nackten Kurtisane, gewaltiges Aufsehen erregt hatte. Das wollte der Maler übertreffen: noch anzüglicher, noch dreister, noch vulgärer - und der Tabubruch war geschafft, das Thema, obwohl in der Literatur bereits geläufig, war auch für die Kunst geboren, sagt Kunsthallenchef Götz Adriani:

Es hängt mit der Veränderung Paris' zur Großstadt, zur Metropole zusammen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Paris ja die erste Großstadt im modernen Sinne. Es hängt schon zusammen mit der Großstadt, dass gerade dort, wo natürlich die Prostitution eine sehr große Rolle gespielt hat, sich das Thema entwickelt hat.

Ob Cézanne jemals die Dienste einschlägiger Damen in Anspruch genommen hat, wissen wir nicht. Tatsache ist jedoch, dass er sich nach seinen frühen Provokationen, die eher Visionen und Wunschvorstellungen waren, rasch zum zahmen Farb- und Formphilosophen entwickelte und das Feld der Freudenhäuser anderen überließ. Dem jüngeren Henri de Toulouse-Lautrec zum Beispiel, dem kleinwüchsigen Adeligen, dem die Bordelle der Hauptstadt quasi zur zweiten Heimat wurden. Der körperlich zu kurz Gekommene mischte sich ins Milieu, er lebte den Skandal. In seinen Zeichnungen und Lithografien schildert er die Schönen der Nacht, die ihrer Masken müde sind: erschöpfte Tänzerinnen mit ihren verblichenen Träumen, entzauberte Göttinnen der Lust. Er blickt hinter die Kulissen, wo die Frauen auch ihre seelischen Hüllen fallen lassen, auf abgezehrte Körper und illusionslose Gesichter. Doch egal, ob er mondäne Lebedamen oder schäbige Huren darstellt, intime Bettszenen oder die Visite des Arztes - nie raubt sein gieriger Stift den Frauen ihre Anmut oder Würde.

Dass auch Edgar Degas, den wir als Schöpfer anmutiger Ballettmädchen und rasanter Szenen von der Rennbahn kennen, ein häufiger Gast war in den Etablissements, ist in der Schau zu entdecken. Drastisch in der Darstellung, war er mit ganzen Serien kleinformatiger Monotypien ein schamloser Chronist des Alltags in den Pariser Bordellen. Schenkel an Schenkel, wie die Hühner auf der Stange, sitzen die Nackten auf dem Sofa und lauern auf die Freier. Auf einem anderen Blatt fällt gleich ein halbes Dutzend hüllenloser Huren über einen Kunden her. Dennoch, sagt Götz Adriani:

Man weiß von Degas überhaupt nichts von seinem Verhältnis zu Frauen. Man weiß auch nicht, ob er Bordelle besucht hat. Ich nehme es stark an, zumindest als Voyeur, nicht als aktiver Kunde, sondern als Voyeur, der eben seine Szenen, die relativ anzüglich sind oder schockierend sind für damalige Begriffe, die er dort beobachtet hat und die nach seinem Tode erst bekannt wurden. Also er hat sich nie zu diesen Szenen zu Lebzeiten bekannt, sondern erst nachher wurden sie von seiner Familie entdeckt und zum Teil vernichtet, weil sie zu anzüglich waren.

Besonders ein Kollege wusste die Blätter zu schätzen.

Einer der bedeutendsten Sammler war Picasso, der sich in den 50er Jahren eine ganze Reihe von Degas' Monotypien zugelegt hat und kurz vor seinem Tode dann 1971 eine Folge schuf von Radierungen, eine grandiose Folge. Also der fast 90-jährige Picasso hat dann die von Degas entstandenen Bordell-Monotypien paraphrasiert in Radierungen.

Der alte Picasso zwischen Exitus und Koitus, ein Künstler, der seine Todesangst zeitlebens durch das Sexuelle sublimierte. Von Picasso, dem Potenzprotz, der schon in der Pubertät einschlägige Erfahrungen gemacht haben soll, stammt auch das berühmteste Bordellbild der Kunstgeschichte: "Les Demoiselles d' Avignon", das 1907 den Kubismus einleitete. Natürlich ist die New Yorker Großleinwand in Tübingen nicht zu sehen, doch etliche der fast 500 Vorstudien, mit denen der Spanier sie vorbereitet hat. Der weibliche Akt, fragmentiert, zerhackt und deformiert, das Bild der Frau desillusioniert.

Wer in Tübingen Schlüpfriges erwartet, den verblüfft bei aller Sinnlichkeit dann doch die Nüchternheit, mit der die Schau die Bilder präsentiert.

Der Lustfaktor in dieser Ausstellung ist natürlich eher der des Kunsthistorikers, der die Zäsuren sieht, die mit diesem Thema verbunden waren und die diese vier Künstler veranlasst haben durch die Darstellung von Prostituierten. Für unseren heutigen Blick ist es natürlich keinerlei Pornografie und keinerlei sexuelle Herausforderung mehr, das ist ganz klar. Aber man muss diese Bilder in ihrer Zeit sehen, und in den 60er, 70er, 80er Jahren des 19. Jahrhunderts waren sie natürlich ungeheuer erotisch und sexuell aufgeladen.

Vor fast 30 Jahren allerdings, als die Tübinger Kunsthalle ihre erste Toulouse-Lautrec-Ausstellung zeigte, erregte sich ein Besucher so, dass er den Staatsanwalt rief. Der kam, besah sich die Skizze, die den Künstler in intimer Haltung mit einer Prostituierten zeigt, und schlug das Verfahren nieder. Das angeblich pornografische Blatt hängt auch in dieser Schau und ist aus heutiger Sicht garantiert jugendfrei, glaubt der Kunsthallenchef:

Aber der Skandal käme mir gerade recht. Ausstellungen, die Skandale erregen sind natürlich immer publikumswirksam. Aber ich glaube nicht, dass heute noch solch eine Ausstellung Skandal erregt.

Service:

Die Ausstellung "Bordell und Boudoir - Schauplätze der Moderne" ist vom 22. Januar bis 22. Mai 2005 in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.

Link:

Kunsthalle Tübingen: "Bordell und Boudoir"
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