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23.1.2005
Laufsteg Berlin
Berlin mausert sich zur Mode-(Messe)-Stadt
Von Gerd Brendel

Models präsentieren am   21. Jan. 2005 auf der Modemesse Bread&Butter SELECTED in Berlin einen Teil der G-STAR Winter Collection (Bild: AP)
Models präsentieren am 21. Jan. 2005 auf der Modemesse Bread&Butter SELECTED in Berlin einen Teil der G-STAR Winter Collection (Bild: AP)
Am Wochenende stand Berlin im Zeichen der Mode, besser des Modegeschäfts: Ein halbes Dutzend Messen, und Veranstaltungen lockten vor allem Fachbesucher. Die beiden größten, "Bread and Butter" und "Premium", boten insgesamt über 1000 Ausstellern Raum. An die 50.000 Besucher waren gekommen. Und viel war die Rede vom besonderen "Berlin-Feeling".

Pünktlich zum Modewochenende eröffnet das kleine Berliner Herren-Label "Firma" seinen ersten Laden in Mitte. Die Anzüge und Hemden hängen an Baugerüsten. Ein karger Raum, alles dient dem Blick aufs Wesentliche: Der Mode und dem Kunden, der sie tragen soll.

Wir sitzen jetzt in 'ner tollen Kabine in unserem neuen Laden,

erklärt Teilhaber Dirk Jacobi,

die latent durchsichtig ist, weil wir gesagt haben, wir würden gern mitbekommen, wie sich Männer verhalten. Die Männer, die trendorientiert einkaufen, die muten sich das auch zu, in solchen Kabinen sich umzuziehen.

Zur Ladeneröffnung ist zwar die Musikanlage für den Laufsteg ausgefallen, aber dafür sind alle gekommen, die die Ware auch andernorts an den trendorientierten Mann bringen sollen: Zwischenhändler, Modeagenten und Norbert Tillmann, Mit-Organisator der "Premium", einer der beiden wichtigen Modemessen an diesem Wochenende in Berlin.

Norbert Tillmann: Wir haben es geschafft, hochwertige Designermode nach Berlin zu holen und jetzt fangen auch die Massenproduktionen an, hier nach Berlin zu kommen. 70 Prozent der Einkäufer kommen nicht aus Deutschland.

Kei Sato: Wir kommen hierher, weil wir hier Aussteller finden, die wir woanders nie sehen: Aussteller aus Deutschland, Belgien und Skandinavien.

Zum Beispiel Kei Sato Einkäufer für eine Tokioter Ladenkette.

Was mich hier vor allem interessiert, ist die Mischung aus sportlich-lässiger Kleidung und mehr förmlicher Mode.

Die "Street-Wear" Ausstellungshalle in einem halbfertigen U-Bahnhof unter dem Potsdamer Platz passt zum Image der rauen, wilden Stadt der Gegensätze: Fred Perry zeigt Polohemden, daneben hängen bunt bedruckte Jeans aus Italien, in der nächsten Koje zeigt eine Textil-Designerin mit Sitz in London Strickmützen mit Motiven aus dem Internet.

Große Trends gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Alles ist möglich. Was zählt sind Details: Ein Rock mit bewusst schiefen Abnähern, eine Jeans mit Nähten an ungewöhnlichen Stellen, ein besonders kräftiges Rosa, ein besonderes Anthrazit, ein Zitat aus den 60ern oder den 80ern.

Ein Stockwerk höher, in den Ausstellungs-Zelten für die bessere Mode auf dem Leipziger Platz, stellt auch Karl Tillessen mit seinem Label "Firma" aus.

Im Grunde basiert diese Kollektion auf drei Stereotypen von Berliner Männern: Einmal der Punk, dann gibt es, was ich auffällig finde, dass die reichen Leute sich nicht gediegen kleiden, sondern eher zwielichtig, dass die immer so was Gangsterhaftes haben - das wird thematisiert in diesem pelzgefütterten Mantel und mit diesem breiten Nadelstreifen-Anzug. Das dritte Thema sind die Berliner Intellektuellen, die so ein theatralisches Understatement haben und aussehen wie ein Bettlerchor aus der Oper. Hier sieht man zum Beispiel so 'n zerknautschten Trenchcoat, der aussieht als hätte man darin geschlafen.

Das Lokalkolorit kommt gut an bei den Kunden. Man ist zufrieden. Eine Auskunft, die man immer wieder hört, auch bei der Konkurrenz-Messe, der "Bread and Butter". Hier läuft das Geschäft so gut, dass man ab Sommer zusätzlich zu Berlin eine Filialmesse in Barcelona eröffnen wird. Am Erscheinungsbild der "Bread and Butter" wird das nicht viel ändern: Schon jetzt bestimmen die großen europäischen Jeans und Sportfirmen das Bild: Mustang, Pepe und Adidas, "global players", die es sich leisten können, auch eine Messe mehr zu beschicken, denn auf Berlin will keiner verzichten.

Die großen Marken profitieren vom Berlin-Image und die kleinen von den Händlern, die eigentlich wegen der Großen auf die "Bread and Butter" kommen und noch schnell auf der kleinen "Premium" vorbeischauen.

"Mode MADE in Berlin" präsentieren beide nicht, auch wenn die Entwürfe an Berliner Schreibtischen gezeichnet werden. Selbst Karl Tillessen lässt mittlerweile in Italien fertigen und die großen Jeansfirmen sind schon längst auf der Suche nach immer billigeren Produktionsplätzen im fernen Osten gelandet. Standortfragen dieser Art werden in den Messehallen nicht erörtert, mit einer Ausnahme.

Michael Kuhlmann: Ich persönlich glaube, dass das nicht gut ist, dass wir uns darauf runter reduzieren: Jeans für fünf Euro und T-Shirts für zwei Euro, weil das nur dazu führt, dass Leute ausgenutzt werden.

Und darum hat der ehemalige PR-Manager Michael Kuhlmann die Initiative "Hab und Gut" gestartet. Auf einem kleinen Stand präsentiert er sein erstes Produkt: T-Shirts mit bunten Thailand-Karten oder Coca-Cola Reklame auf siamesisch.

Diese T-Shirts sind gekauft worden von Händlern in Phuket, die im Augenblick nichts verkaufen, weil keine Touristen da sind. Hier werden sie für 40 Euro verkauft und dann gehen 30 Euro für den Aufbau des Erziehungswesens zurück.

Der Aufdruck eines Kinderkopfs auf rotem Grund adelt die Urlaubs-T-Shirts zu optischen Spendenquittungen mit Coolheits-Faktor. Ob Kuhlmann mit seinen Spenden-T-Shirts Erfolg hat, hängt von vielen Faktoren ab: dem Marketing, den Großhändlern, Verkäufern und den Kunden, denn egal wie teuer, gut, edel Mode ist, spätestens in der Umkleidekabine ist jeder allein mit der einzig wichtigen, alles entscheidenden Frage, ob in Berlin oder anderswo: Sitzt es? Passt es? Kurzum: Wie sehe ich darin aus auf meinem ganz persönlichen Alltagslaufsteg?
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