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22.1.2005
Mehr als ein Kriegsreporter
Robert Capa-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau Berlin
Von Michaela Gericke

Ein Porträt des Fotografen Robert Capa hängt am Eingang der Retrospektive des Fotografen im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Bild: AP)
Ein Porträt des Fotografen Robert Capa hängt am Eingang der Retrospektive des Fotografen im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Bild: AP)
Berühmt geworden ist Robert Capa als Kriegsfotograf: sein Bild vom sterbenden Loyalisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Bei einem Einsatz in Indochina kam Capa, der auch Mitbegründer der Fotoagentur Magnum war, 1954 durch eine Mine ums Leben. Im Martin-Gropius-Bau Berlin zeigt nun eine große Retrospektive das Werk des Fotografen.

Die Fotos im ersten Raum der Ausstellung zeigen den privaten Capa: dandyhaft, edel gekleidet mit Schlips, ein Charmeur. Ins Objektiv des Fotopoeten Willy Ronis lächelt er freundlich: Falten auf der Stirn, dichte schwarzen Brauen und große Augen. Hier ist er der Weltenbummler mit Rucksack, nirgends wirklich zu Haus, immer auf gepackten Koffern.

Geboren 1913 in Budapest als Endre Ernö Friedmann, muss er mit 18 Jahren Ungarn verlassen. Er hatte an einer linken Demonstration gegen die konservative Regierung teilgenommen und war verhaftet worden. Er kommt nach langer Reise in Berlin an, wo er Politik studiert, um Journalist zu werden. Als Assistent der Agentur Dephot - Deutscher Photodienst - reist er 1932 nach Kopenhagen: Das erste veröffentlichte Foto Capas zeigt Leo Trotzki, am 27. November am Rednerpult, mit erhobenem Zeigefinger.

Capa hat ihn ganz aus der Nähe fotografiert, was für ihn zum Prinzip wird: Ist das Foto nicht gut, warst du nicht nah genug dran, so sein Motto. 1933 flieht er als Jude und Linker nach Paris. Hier lernt er seine große Liebe kennen, Gerda Pohorylle. Laure Beaumont-Maillet, Direktorin der Abteilung Fotografie in der Bibliotheque Nationale und Kuratorin der Ausstellung:

Er nennt sich zunächst in Paris André, das belegen manche Rückseiten seiner Fotos - wir zeigen das hier. Auch Gerda kommt aus einer jüdischen Familie, geflohen aus Deutschland, und ebenfalls Journalistin. Beide entscheiden sich, zusammen zu arbeiten und sich andere Namen zu geben: Gerda Taro und Robert Capa.

Und beide ziehen in den Spanischen Bürgerkrieg, um darüber zu berichten. Das Foto vom fallenden spanischen Loyalisten am 5. September 1936 macht Capa sofort berühmt. Ein Foto, das Symbolcharakter hat, bis heute, doch Jahrzehnte später plötzlich umstritten war. Capa geriet in den Verdacht, es inszeniert zu haben.

Robert Capa: Tod des Milizionär Federico Borrel Garcia, bei Cerro Muriano,  in der Nähe von Cordoba, 5. September 1936 (Bild: Robert Capa, 2001 Cornell Capa / Magnum Photos)
Robert Capa: Tod des Milizionär Federico Borrel Garcia, bei Cerro Muriano, in der Nähe von Cordoba, 5. September 1936 (Bild: Robert Capa, 2001 Cornell Capa / Magnum Photos)
Diese Vermutung weist der Biograph Richard Whelan nach langen Jahren der Recherche und mit historischen Belegen in einem umfangreichen Kapitel des Katalogs, entschieden zurück. Capa inszenierte nicht, schon gar nicht im Krieg. Wenngleich er nichts dagegen hatte, dass seine Fotos durch Zeitungsredakteure beschnitten und oder nur Ausschnitte vergrößert wurden. Und das, obwohl er zur berühmten Fotoagentur Magnum gehörte und ein enger Freund Henri Cartier Bressons war. Er gilt als vehementer Gegner von Bildausschnitten:

Richard Whelan: Das ist wirklich erstaunlich: Robert Capa und Henri Cartier Bresson waren zwar eng miteinander befreundet, aber absolut gegensätzlich. Schon im Auftreten: Bresson wollte immer der unsichtbare Beobachter sein, an der Peripherie der Ereignisse, er wollte nicht bemerkt werden. Capa hingegen ging mitten hinein in die Aktionen, er sprach mit den Leuten, die er fotografierte, manchmal hörte er sich erstmal ihre Geschichte an.

Auch was die weiteren Arbeitsgänge betrifft, war Capa genau das Gegenteil: Er hasste es, in der Dunkelkammer zu stehen und gab die Negative weg, in die Redaktionen. Er sah sich schlicht als Fotojournalist und hoffte darauf, dass der Fotoredakteur das Beste aus seinen Fotos herausholte. Aber das war auch der Grund, weshalb er nur mit Leuten arbeitete, denen er vertrauen konnte.


Einige der Fotos in der Ausstellung wurden erst Jahrzehnte nach Capas Tod bei Privatsammlern entdeckt. Capa scheute keine Reise in Kriegs- und Krisengebiete. Er wollte an die Front, um dort mit seiner Waffe zu arbeiten: der Kamera.

Richard Whelan: Capas Fotos sind einfach weniger brutal als das, was wir heute sehen. Obwohl er die schlimmsten Situationen auf den Schlachtfeldern sah, und in den Städten, die gerade bombardiert wurden, gibt es nur relativ wenige Bilder, die man nicht anschauen mag. Weil für Capa vor allem das Leben im Mittelpunkt stand. Er dokumentierte ja auch, wie die Menschen weiterleben und sogar noch glückliche Momente finden in ihrem Elend, nach dem Verlust von Familienangehörigen.

Dass Capa mehr als der Kriegsreporter war, zeigen auch seine Fotos entlang einer Tour de France. Und nicht nur die Helden hat er aufgenommen, sondern auch das begeisterte, anfeuernde Volk am Straßenrand; einen Rennfahrer, den das Volk besonders liebte: René Vietto, ganz privat im Krankenbett.

Laure Beaumont -Maillet: René Vietto war Liebling der Bevölkerung. Er hat zwar nie gewonnen, aber er war ihr Idol. Ein gut aussehender Mann. Hier auf dem Bild hat er ein Pflaster auf der Brust, trinkt Tee. Würde man so heute Idole in Zeitungen präsentieren? Es ist einfach eine andere Zeit gewesen. Und diese Ausstellung zeigt eben auch diese Seite von Capa.

Robert Capa erhält 1947 von General Dwight D. Eisenhower die "Freiheitsmedaille" (Bild: AP Archiv)
Robert Capa erhält 1947 von General Dwight D. Eisenhower die "Freiheitsmedaille" (Bild: AP Archiv)
Seine Liebe zu Kindern beispielsweise. Aber warum ging er dann immer wieder in den Krieg? War es, wie eine Legende erzählt, die unüberwundene Trauer über den Tod seiner großen Liebe Gerda Taro, die im Spanischen Bürgerkrieg durch einen Unfall ums Leben kam? Nein, sagt der Biograph. Sicher waren viele seiner Bilder ihr gewidmet. Aber er wollte den Menschen in der Welt mit seinen Bildern zeigen, wie sich der Krieg anfühlt.

Richard Whelan: Seine letzten Fotos machte er am 25. Mai 1954 in Indochina. Er war mit einem Konvoi französischer Soldaten unterwegs. Er wollte nicht hinter den Soldaten mit den Minensuchgeräten herlaufen, denn er hatte keine Lust, sie nur von hinten zu fotografieren. Das war nicht sein Stil. Er wollte ihre Gesichter fotografieren. Also musste er nach vorn - ein tragischer Fehler. Er trat auf eine Mine und wurde getötet.

Service:

Die Robert Capa-Retrospektive ist bis zum 18. April 2005 im Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen.
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