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22.1.2005
Europas Krimielite auf der Suche nach Gemeinsamkeiten
Treffen von Krimi-Autoren in Barcelona
Von Julia Macher

Revolver (Bild: AP)
Revolver (Bild: AP)
Barcelona hat sich dieser Tage zur Hauptstadt des europäischen Krimis ausgerufen. 19 Autoren aus ganz Europa wollen bei diesem internationalen Treffen gemeinsam ergründen, was ihre Ermittler und Detektive europaweit eint. Die einmalige Veranstaltung ist eine Hommage an den verstorbenen Schriftsteller Manuel Vázquez Montalban, den Erfinder des kauzigen Privatdetektivs Pepe Carvalho.

Es ist wie in einem Krimi. Die Elite des europäischen Kriminalromans setzt ihr gesamtes detektivisches Gespür ein, um diese eine Frage zu beantworten: Was haben sie bloß alle gemeinsam? Was teilen Autoren aus Skandinavien, Deutschland, Frankreich und Italien? Ein erster Hinweis, ein erstes Indiz: Die Bewunderung für Manuel Vázquez Montalban, den 2003 verstorbenen spanischen Schriftsteller und Journalisten. Das meinen der Norweger K. O. Dahl und die Wahl-Venezianerin Donna Leon.

Donna Leon: Er war ein politisch sehr engagierter Mensch, sowohl als Schriftsteller, wie auch als Journalist und Essayist. Und genau deswegen ist er einer der wichtigsten Autoren.

K. O. Dahl: Vazquez Montalban zynische Sicht auf die Welt hat mich schon sehr beeinflusst. Pepe Carvalho verbrennt Bücher, er hat eine Affäre mit einer Hure, er ist ein Zyniker, den ich sehr mag. Für mich sind seine Bücher sehr inspirierend.

Eine Konferenz zu Ehren des großen Vazquez Montalbans muss natürlich in dessen Heimat stattfinden. Wenn sie gleichzeitig den Auftakt zum Jahr des Buches in Barcelona bildet und nebenbei noch die drängende Frage nach der europäischen Identität klären hilft, umso besser.

Auf Einladung der Mittelmeermetropole geben die 19 Schriftsteller in stets überfüllten Sälen Lesungen, diskutieren über psychologische und politische Aspekte ihrer Werke und flanieren durch die Altstadtgassen - auf den Spuren Pepe Carvalhos. Donna Leon ist entzückt: In Barcelonas Tapas Bars würde sich auch Commissario Brunetti wie zu Hause fühlen.

/Essen, Essen, Essen. Die einzige Religion in Italien ist Essen. Das ist das einzige, das alle Italiener respektieren, das alle ernst nehmen. Das gilt nicht für Religion, das gilt nicht für Politik, nicht für die Regierung, nicht für die Liebe. Das gilt nur fürs Essen.

Die Liebe zum guten Essen teilt Commissario Brunetti nicht nur mit Pepe Carvalho, sondern auch mit Andrea Camilleris Kommissar Montalbano und dem griechischen Inspektor Charitos. Doch die Kollegen vom Mittelmeer haben noch mehr gemeinsam als die Begeisterung für gefüllte Tomaten, frischen Fisch und guten Wein: eine tiefe Verehrung für ihre Mütter, eine Hassliebe zu ihren Metropolen, die so viel Schönheit und Verbrechen beherbergen - und ein politisches Anliegen.

Petros Márkaris hat seinen exzentrisch-verbrummelten Inspektor Kostas Charitos Diktatur und Demokratie in Griechenland erleben lassen.

Fast alle Romane aus dem Mittelmeerraum behandeln die Vergangenheit, mit der Vergangenheit von Portugal, von Griechenland, von Spanien - Franco, Salazar und die griechische Militärjunta. Sie behandeln den Übergang von der Diktatur zur Demokratie und die Wunden, die noch nicht verheilt sind. Es gibt noch eine andere Gemeinsamkeit: Die Politik. In diesen Ländern wird - ganz egal was man tut - am Ende immer über Politik gesprochen. In Dänemark, Norwegen oder Schweden ist das nicht so, aber in Portugal, Spanien, Griechenland wird immer über Politik geredet.

Der Kriminalroman als mediterrane Form der Vergangenheitsbewältigung, als Sozialgeschichte von Gesellschaften im Wandel. Die südeuropäischen Schriftsteller ordnen sich in die Tradition des französischen Autors Jean Patrick Manchette ein, der ebenso wie Manuel Vázquez Montalban in den siebziger Jahren antrat, um den Krimi mit politischen und sozialen Inhalten zu füllen: Aus einer linken, politisch engagierten Haltung heraus.

Bis heute hat sich daran nichts geändert: Antonio Lozano, Spaniens neues Krimi-Talent, kämpft in seinen Romanen für eine humane Einwanderungspolitik und hat sich ganz der Sache der illegalen Immigration verschrieben.

Der Kriminalroman, immerhin ein Unterhaltungsgenre, als engagierte Literatur: Mit einer solchen wie auch immer gearteten politischen Mission haben die Schriftsteller aus Mittel- und Nordeuropa nichts zu schaffen. Jakob Arjouni will die - von Vázquez Montalban übrigens hochgelobten - Geschichten seines Party- und trinkfreudigen Privatdetektivs Kayankayan keinesfalls als Sozialreportage oder Gesellschaftskritik verstanden wissen.

Kriminalroman steht inzwischen für Weltverbesserungsjournalismus. Und das glaube ich nicht. Kriminalroman ist erst einmal nur ein weiteres Literaturgefäß, mit dem man Geschichten erzählen kann. Ich glaube, jede Literatur ist auch politisch. Das heißt aber nicht, mit irgendeinem pädagogischen Ziel oder so. Politik gehört zu unserem Leben dazu. Und je mehr von unserem Leben in einem Roman abgebildet ist, desto besser, glaube ich, ist er.

Die Grenze in Europa verläuft zwischen Norden und Süden - zumindest was den Kriminalroman betrifft. Die Ermittler aus dem Europa diesseits der Alpen lesen Schopenhauer und kämpfen mit depressiven Verstimmungen, was nicht nur am Wetter liegt, sondern auch an den grausigen Verbrechen, die sie aufzuklären verpflichtet sind. Wird in Spanien, Griechenland und Portugal im Affekt erschlagen, so lassen skandinavische Autoren gerne stundenlang foltern, bevor das Opfer seinen letzten Atem aushaucht. Ein religionssoziologischer Erklärungsversuch von K. O. Dahl.

Der nordeuropäische Kriminalroman ist sehr blutig. Vielleicht liegt das einfach daran, dass wir keine Katholiken sind, wir sind nicht so nett. Wir haben auch nicht die Möglichkeit, uns unsere Sünden einfach so vergeben zu lassen. Deswegen sind wir so hart, so grausam, wenn dann etwas passiert.

Eine Theorie von vielen. Nach zwei Tagen intensiver Spurensuche nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten sind sich die europäischen Schriftsteller zumindest in einem einig: Der Kriminalroman des alten Kontinents spiegelt sehr viel genauer politischen und sozialen Wandel wider als der US-amerikanische. Er ist - ob nun politisch engagiert oder nicht - ein Seismograph für gesellschaftliche Befindlichkeiten. Das ist gesamteuropäischer Konsens.
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