Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
24.1.2005
"25 Grad im Winter"
Belgische Tragikomödie von Stéphane Vuillet
Von Ruth Kinet

Szene aus "25 Grad im Winter" (Bild: Arsenal-Film)
Szene aus "25 Grad im Winter" (Bild: Arsenal-Film)
Den spanischen Immigranten Miguel plagt ein Haufen Probleme: Seine Frau ist abgehauen, er hat Mietschulden, drei Autounfälle an einem Tag, eine illegale Einwanderin in seinem Dienstwagen und verliert seinen Job. Und das alles an einem extrem warmen Wintertag. Die Tragikomödie von Stéphane Vuillet war ein Senkrechtstarter in Belgien und im Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2004.

Brüssel, Hauptstadt Belgiens, Hauptstadt Europas. Ein Ort der vielen Identitäten. Draußen ist Winter, drinnen 19. Jahrhundert. Stéphane Vuillet sitzt in der Lobby des "Métropole", dem ältesten Hotel der Stadt. In dem distinguierten Belle-Epoque-Ambiente mit dunkelroten Sofas, Marmorsäulen und Edelhölzern wirkt der Filmemacher als hätte er sich an den falschen Drehort verlaufen.

In seinem Spielfilm "25 Grad im Winter" zeigt Vuillet jedenfalls ein ganz anderes Brüssel: Eine multikulturelle Metropole des 21. Jahrhunderts, eine hektische und chaotische Großstadt, die Einwanderer aus der ganzen Welt anzieht.

Der Radio-Moderator kündigt eine außergewöhnliche Wetterlage an: Tropische Luftmassen drängen nach Belgien und bringen Sonne und bis zu 25 Grad. Und das mitten im Winter.

Ein Tag, an dem das Unglück nur so auf den allein erziehenden Vater Miguel einprasselt: Er verschläft einen wichtigen Termin, hat eine verwundete Tochter, eine ohnmächtige Mutter, eine illegale Einwanderin in seinem Dienstwagen, Mietschulden, drei Autounfälle, verliert seinen Job und das alles, nachdem ihn seine Frau verlassen hat. Miguel ist ein Getriebener.

Laura, die siebenjährige Tochter Miguels, wünscht sich nichts sehnlicher als die Rückkehr ihrer Mutter. Muriel ist nach New York gegangen, um als Sängerin Karriere zu machen. Sie ist die große Abwesende des Films. Nur ihre Stimme hinterlässt Spuren: auf einem Anrufbeantworter, einer Audiokassette und am anderen Ende einer Telefonleitung in die USA.

Muriels Abwesenheit schmerzt die kleine Laura auf schier unerträgliche Weise. Der Figur des siebenjährigen Mädchens, das im Trümmerfeld der Beziehungen der Erwachsenen - eigene Überlebenstechniken entwickelt, fühlt sich der Regisseur am nächsten:

Stéphane Vuillet: "Es wird die Geschichte einer spanischen Immigrantenfamilie in Brüssel erzählt, die einer illegalen Einwanderin aus der Ukraine hilft, ihren Mann zu finden. Und in dieser Geschichte gibt es dieses kleine Mädchen, das wie eine Art Detektivin versucht, Dinge über die Liebe herauszufinden, weil sie von ihrer Mutter verlassen worden ist. Ein Teil meiner Kindheit hat mit dem Verlassenwerden zu tun. Daher ist das kleine Mädchen so eine Art Stellvertreterin meiner selbst im Film."

Vuillets Film verwebt Bilder von illegalen Einwanderern in der Abschiebehaft auf eine solch schwerelose Weise mit dem nicht weniger bedrückenden Thema des Verlassenwerdens, dass daraus eine neue, eigene Kinosprache wird. Temporeich und mit großer Liebe für das Nebensächliche verbindet Stéphane Vuillet das Komische und das Tragische.

Stéphane Vuillet: "Ich denke, was uns zum Lachen bringt und lustig wirkt, das ist der Abstand, den wir zu einem Ereignis haben. Das heißt, wenn man im Kino jemanden in Nahaufnahme zeigt, der auf eine Bananenschale tritt und darauf ausrutscht, dann ist man ganz nah an der Person, dann tut das weh und ist nicht lustig. Wenn man ihn aus etwas größerer Entfernung filmt, kann man darüber lachen und man sieht das als Schauspiel und man fühlt nicht mit der Person mit, die jetzt Schmerzen empfindet.

Der Wechsel dieser beiden Perspektiven macht das Wesen meines Films aus: Es gibt Momente, in denen man ganz nah an den Figuren dran ist und bewegt ist von dem, was sie erleben, und andere, in denen aus etwas größerer Distanz erzählt wird, was ihnen zustößt, und dann bringen uns die gleichen Figuren zum Lachen."


Vuillets Sinn für visuellen Humor zeigt sich zum Beispiel, wenn Miguel auf seinem Sprint ums Überleben vor einem Werbeplakat stehen bleibt, das einen Mann zeigt, der rennt. Oder wenn Juan, Miguels viriler Chef, im Stierkämpfer-Kostüm mit einem leeren Benzin-Kanister von einer Herde flämischer Kühe umzingelt wird.

Der Zauber der so leicht und licht erzählten Geschichte vom Schmerz des Verlassenwerdens liegt im Rhythmus der Schnitte und Dialoge. Als Schlagzeuger einer französischen Jazz- und Rockband hat Stéphane Vuillet sein Gefühl für Taktwechsel entwickelt:

Stéphane Vuillet: "Es war die Musik, die mich zum Film gebracht hat. Ich habe dann die Musik aufgegeben, weil es einen Teil von mir gab, den die Musik nicht ausfüllen konnte: das war die narrative Seite meines Ichs. Im Film kann ich beides zusammenbringen: Meinen Sinn für Rhythmus und meine Lust, Geschichten zu erzählen. So bin ich zum Filmemachen gekommen."

Seit seinem zwölften Lebensjahr machte Vuillet Musik. Zusammen mit seinem Bruder gründete er mehrere Bands und verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt. Als Stéphane Vuillet seine Musikkarriere aufgab, wollte er auch geographisch Neuland erobern. Er entschied sich für die belgische Hauptstadt:

Stéphane Vuillet: "Brüssel ist eine kosmopolitische Stadt, eine Stadt die zwischen den Welten liegt. Zwischen der flämischen und der französisch-sprechenden Gemeinschaft. Wenn man hier eine Straße langgeht, kann man vier oder fünf verschiedene Sprachen hören, jeden Tag und überall, nicht nur in bestimmten Vierteln. Ich habe den Eindruck, dass Belgier zu sein bedeutet, zwischen den Welten zu sein und zugleich im Zentrum Europas und im Zentrum zweier Sprachgemeinschaften. Da dieses Land selbst schon aus zwei verschiedenen Gemeinschaften besteht, ist es so gastfreundlich und in der Lage, Immigranten relativ leicht zu integrieren."

Service:

Der Film "25 Grad im Winter" ist ab dem 27.1.2005 in den deutschen Kinos zu sehen.
-> Fazit
-> weitere Beiträge
->
-> 25 Grad im Winter - Website des deutschen Verleihs