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24.1.2005
Museum als kreativer Motor der Erneuerung
Das MUSAC im kastilischen León
Von Klaus Englert

Das MUSAC im kastilischen León (Bild: musac.org.es)
Das MUSAC im kastilischen León (Bild: musac.org.es)
Seit wenigen Jahren durchzieht die historische Region Castilla-León, das Herrschaftszentrum des mittelalterlichen Spaniens, ein unübersehbarer Modernisierungsschub. Die ökonomisch rückständige Region möchte nicht länger nur auf Kirchen, Kathedralen und Adelspaläste setzen. Dieser Meinung ist auch der Madrider Architekt Luis Mansilla:

"Castilla-León ist die Region mit der geringsten Bevölkerungsdichte in ganz Europa. In dieser sehr stark landwirtschaftlich geprägten Gegend kommen auf 1.200 Quadratkilometer nur zwei Millionen Einwohner. Diese Region muss ihre Zukunft suchen, sie braucht eine kollektive Identität und einen gewissen Optimismus. Deswegen gibt es das Museum."

Mansilla denkt an das Museo de Arte Contempóraneo de Castilla y León, kurz: MUSAC. Luis Mansilla und Emilio Tuñon errichteten nicht nur das MUSAC, sie brachten die moderne Architektur nach Léon. 2001 bauten sie am Rande der Altstadt einen modernen, weithin beachteten Konzertsaal.

Die Internetseite des neuen Museums für zeitgenössische Kunst in León (Bild: musac.org)
Die Internetseite des neuen Museums für zeitgenössische Kunst in León (Bild: musac.org)
Momentan sitzen Mansilla und Tuñon in der Wettbewerbsjury für das Kongresszentrum León. Zu dem begrenzten Wettbewerb wurden die Idole der internationalen Architektenszene geladen, Stars, die in Spanien mittlerweile die lukrativsten Aufträge unter sich aufteilen. Agustín Pérez Rubio, Chefkonservator am MUSAC, meint, die Modernisierung Leóns sei unbedingt notwendig:

"In León war man nicht an der Gegenwart interessiert. Die Menschen waren gewohnt, die Kirchen, die Altäre und die Gemälde anzuschauen, aber es gab keine Videos, keine Installationen und keine Performances. Aber auch dies gehört zur kulturellen Entwicklung."

Die Madrider Architekten dachten lange nach, wie sich eine Verbindung zum mittelalterlichen Stadtbild herstellen lässt. Wie sich Moderne und Tradition miteinander versöhnen können. Luis Mansilla:

"Die Kathedrale gehört zu den bedeutendsten Orten der Stadt. Deswegen haben wir die Farben der Kathedralenfenster digitalisiert. Wir schufen damit eine farbige Museumsfassade, die wie ein öffentlicher Platz wirkt. Natürlich meinen wir dies symbolisch: Die Fassade zeigt die Verbindung zur früheren Welt, geschaffen mit Hilfe des Computerzeitalters."

Mansilla und Tuñon analysierten die insgesamt 3.351 Glasmosaike aus den Hochschifffenstern der Kathedrale mit dem Computer und übertrugen die gewonnenen Farbwerte auf die vordere Glasfassade des MUSAC. Die Besucher stehen nun auf dem Museumsvorplatz vor einem überwältigenden Farbenmeer. Dieser Farbtupfer in der grauen Vorstadt kommt gut in der Bevölkerung an. Pérez Rubio:

"Für die Menschen in León ist das Museum zu einer Ikone geworden. Es ist vergleichbar mit der Kathedrale in der Stadt und dem Palast von Gaudí. Während der Eröffnung kamen 20.000 Personen."

Luis Mansilla war begeistert von dieser inoffiziellen Eröffnungsfeier des MUSAC. Die Kinder der Stadt kamen zuhauf, und machten sich ihr ganz eigenes Bild von dem Kunstzentrum. Das Ergebnis der großartigen Aktion - die unzähligen Bilder sind überall an den Wänden und auf dem Fußboden des Museums verteilt.

"In diesem Raum können die Menschen auf alltägliche Weise an die Kunst herangeführt werden. Ich denke, es ist sehr reizvoll, wenn eine künstlerische Aktion in kollektiver Form durch 7.000 Kinder entsteht. Für mich hat das MUSAC damit sein Ziel bereits erreicht."

Begeistert ist Luis Mansilla auch von der Architektur des MUSAC. Von außen erscheint die riesige Museumslandschaft wie ein wogendes Meer. Der Eindruck rührt von den turmhohen Lichtschächten her. Die Folge ist ein ständiges Auf und Ab der Dachkonstruktion. Selbst im Grundriss erkennt man das Wogen des Wassers wieder.

Der mäandernde Río Duero brachte Mansilla auf die Idee, die Raumsequenzen als Zickzacklinien zu gestalten. So fließen die Räume ineinander, wobei sich jede Raumeinheit in Quader und Rhombus teilt und jedes Raumsegment verschiedene Blickrichtungen erlaubt - auf andere Räume, auf Patios, auf Lichtschächte, auf den Vorhof. Zwar erscheint die Konstruktion spielerisch, aber tatsächlich gehorcht sie einem strengen System:

"Wir könnten das Museum zwölf Personen auf zwölf verschiedene Weisen erklären. Es verhält sich wie im Schach: Die Regeln sind streng, aber es gibt unendliche Spielmöglichkeiten. Hieraus entsteht die Kreativität."

Auch Agustín Pérez Rubio setzt auf Kreativität und das moderne Erscheinungsbild des Kunstzentrums. Am liebsten spricht er von einem "Museum des 21. Jahrhunderts". Finanziert werden Bauwerk und die umfangreiche Sammlung ausschließlich aus dem Budget der Regierung Castilla y León. Bis zur offiziellen Eröffnung im April möchte man dem Publikum 700 Werke der internationalen Avantgarde präsentieren.

Ob das Konzept tatsächlich funktioniert, ob sich ein Museum mit 21.000m² Grundfläche und immerhin 3.400m² Ausstellungsfläche für León lohnt, ob die Touristen neben Kathedrale, Pantheon und Basilika bald auch in avantgardistische Kunstausstellungen strömen, bleibt allerdings fraglich. Vielleicht setzt man zu sehr auf Quantität, nicht auf Qualität. Pérez Rubio bleibt aber zuversichtlich:

"Das Museum hat ein hohes Renommé, auch wegen der architektonischen Qualität. Wir arbeiten an der Schnittstelle der Gegenwart. Die Sammlung umfasst Werke von den neunziger Jahren bis zur unmittelbaren Gegenwart. Eine vergleichbare Sammlung gibt es in ganz Spanien nicht."
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