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24.1.2005
Nobler Kriegsminister mit Ecken und Kanten
Neue Churchill-Biografie zum 40. Todestag erschienen
Von Hans-Jörg Modlmayr

Sir Winston Churchill (Bild: AP)
Sir Winston Churchill (Bild: AP)
Pünktlich zum 40. Todestag von Winston Churchill (24. Januar 2005) erscheint in Großbritannien eine neue Churchill-Biografie. Der Edinburgher Militärhistoriker Paul Addison zeigt darin Churchill in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten. Einblicke in das Leben eines der umstrittensten Politiker der Insel, der übrigens 1953 den Nobelpreis für Literatur erhielt - für seine Aufzeichnungen über den II. Weltkrieg.

Churchill-Memorandum, 1. Fassung, vom 28. März 1945:

Die Zerstörung von Dresden bleibt eine ernst zu nehmende Infragestellung des Alliierten Bombenkriegs.

So, am 28. März 1945, Winston Churchill in einem lange geheim gebliebenen Memorandum, in dem sich seine Betroffenheit über den Horror der Zerstörung Dresdens niederschlägt.

Es scheint mir,

so Churchill in dem gleichen Memorandum,

dass wir jetzt die Frage der Bombardierung deutscher Städte, allein um den Terror zu verstärken - wenn auch unter anderen Vorwänden - revidieren sollten.

Zwar hatte Churchill nach Hitlers höhnisch applaudierter "Coventrierung" englischer Städte die Vergeltungs-Luftangriffe auf deutsche Städte angeordnet, aber - wie so oft in seinem Leben - war er jetzt wieder angeekelt von dem sinnlosen Horror des Krieges, entsetzten ihn die apokalyptischen Bilder aus Dresden. Tragischerweise konnte er sich aber im Kriegskabinett nicht durchsetzen gegen den direkt für den Bombenkrieg verantwortlichen "Bomber-Harris", der gnadenlos auf der weiteren Bombardierung deutscher Städte bestand.

Wie dünnhäutig und schuldbewusst der sonst so bullig auftretende Churchill schon im 1.Weltkrieg war, belegt ein Zitat von 1915. Er hatte eben das Kabinett verlassen müssen und verbrachte seine Zeit mit dem Malen von Porträts. Zu einem Freund, der ihn im Atelier besuchte, sagte er zur Begrüßung:

An meinen Händen ist mehr Blut als Farbe. Alle diese Tausenden von Männern, die getötet wurden...

Er dachte an die Schlacht von Gallipoli am Bosperus, für deren Desaster er sich mitverantwortlich fühlte.

Als Winston Churchill heute vor 40 Jahren im 81. Lebensjahr starb - das konnte ich als Zeitzeuge in London hautnah spüren - hielt sein Land den Atem an. Eine bewegte Epoche englischer Geschichte wurde mit diesem umstrittensten und zwiespältigsten englischen Politiker der letzten 200 Jahre zu Grabe getragen.

Churchill war der untypischste englische Politiker, den man sich denken kann. Tugenden wie Teamgeist waren ihm zuwider. Sein Ehrgeiz schien maßlos. Mehrmals wechselte er im Laufe seiner politischen Karriere die Partei und galt schon vor dem 1. Weltkrieg als gefährlicher Kriegstreiber, an dessen Geisteszustand viele seiner Mitstreiter und Gegner zweifelten.

Sein Vater hielt ihn nicht für intelligent genug, eine Universität zu besuchen und schickte ihn deshalb auf die Militärakademie Sandhurst, deren Aufnahmeprüfung er erst im dritten Anlauf mit Ach und Krach bestand.

In Sandhurst lebte er auf, da ihm strategische Sandkastenspiele enormen Spaß machten. Schon als Kind hatte er mit Leidenschaft mit seinen Zinnsoldaten gespielt, offensichtlich angespornt durch seinen großen Ahnen, den Herzog von Malborough, der 1704 den Sonnenkönig in der Schlacht von Blenheim geschlagen hatte.

In seinem Churchill-Porträt gelingt es dem Edinburgher Militärhistoriker Paul Addison, den sowohl von links als auch rechts mit großer Skepsis gesehenen Politiker aus den Quellen so darzustellen, dass die spezielle Chemie dieses homo politicus - und seiner Epoche - verstehbar wird.

Der sowjetische Diktator Stalin, US-Präsident Roosevelt und der britische Premierminister Churchill auf der Konferenz von Teheran 1943. (Bild: AP)
Der sowjetische Diktator Stalin, US-Präsident Roosevelt und der britische Premierminister Churchill auf der Konferenz von Teheran 1943. (Bild: AP)
Auf der einen Seite stürzte er sich wie ein ungezähmter Jugendlicher ins Schlachtengetümmel und achtete auf keine Verhaltenscodes des politischen Establishments. Andererseits hatte er Mitgefühl und Verständnis und Achtung für den Gegner, wie zum Beispiel die Buren. Manche seiner Visionen schienen Hirngespinste, waren es aber dann doch nicht.

Als Innenminister vor dem 1. Weltkrieg machte er sich wie keiner stark für einen milderen Strafvollzug und kürzte rigoros die damals üblichen langen Gefängnisstrafen für Kleinkriminelle zusammen - ohne die Gerichte zu konsultieren. Sowohl mit der herrschenden Machtelite legte er sich an, als auch mit den Gewerkschaften.

Paul Addison zeigt den Menschen Churchill mit allen seinen Ecken und Kanten, der in der Zeit der höchsten Not vom Establishment gerufen wurde, den Überlebenswillen seines Landes zu dynamisieren und zu orchestrieren.

In seiner berühmten Rede vom 18. Juni 1940, als Frankreich besiegt war und Englands Lage hoffnungslos schien, zeigt sich Churchill als derjenige, der ohne großes Pathos - man vergleiche den Inhalt und den Ton seiner Rede mit der Sprache von Hitler und Goebbels - seine Mitbürger zum Durchhalten motiviert.

Winston Churchill. 18. 06. 1940: "... The Battle of Britain is about to begin. Upon this battle depends the survival of Christian civilization. Upon it depends our own British life and the long continuity of our institutions and our Empire. The whole fury and might of the enemy must very soon be turned on us. Hitler knows that he will have to break us in this island - or lose the war. If we can stand up to him all Europe may be free. But if we fail, then the whole world, will sink into the abyss of a new Dark Age made more sinister by the lights of perverted science.

Let us therefore brace ourselves to our duty, so bear ourselves, that if the British Empire and the Commonwealth last for a thousand years, men will still say 'this was their finest hour'."


Übersetzung:
Die Schlacht um Britannien fängt jetzt an. Diese Schlacht entscheidet über den Fortbestand der christlichen Zivilisation. Sie entscheidet über unsere britische Lebensart und die lange Tradition unserer Institutionen und des Empires.

Sehr bald schon wird uns der Feind erbarmungslos und mit aller Macht angreifen. Hitler weiß genau, dass er uns auf dieser Insel brechen muss - sonst verliert er den Krieg.

Können wir ihm wiederstehen, so kann ganz Europa frei werden. Versagen wir aber, dann versinkt die ganze Welt im Abgrund eines neuen Dunklen Zeitalters, das noch unheimlicher würde durch den Einsatz einer pervertierten Wissenschaft.

Reißen wir uns deshalb zusammen und erfüllen unsere Pflicht so, dass auch noch nach eintausend Jahren...gesagt wird: "Dies war ihre größte Stunde."


Unmittelbar nach dem Ende des II. Weltkriegs ruft er von Zürich aus Frankreich und Deutschland auf, sich zu versöhnen. Leidenschaftlich wirbt er für seine alte Vision von einem friedlich vereinten Europa, dessen kulturelle und politische Unabhängigkeit er schon 1927 auch von den Vereinigten Staaten von Nordamerika bedroht sah:

Wir möchten uns nicht der Macht der Vereinigten Staaten ausliefern. Wir können ja nicht vorhersagen, was sie irgendwann in der Zukunft tun könnten, wenn es in ihrer Macht läge, uns unsere Politik zu diktieren.

Service:

Die Winston-Churchill-Biografie "CHURCHILL - The Unexpected Hero" von Paul Addison ist im Verlag Oxford University Press erschienen und kostet ₤ 12.99.
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