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26.1.2005
Wiedereröffnung der Villa Medici in Rom
Ausstellung zeigt Werke von Anselm Kiefer
Von Thomas Migge

Anselm Kiefer, Maler (Bild: AP Archiv)
Anselm Kiefer, Maler (Bild: AP Archiv)
Sie erhebt sich wie eine Burg hoch über der Stadt. Am schönsten ist sie über die Spanische Treppe zu erreichen: auf dem Pincio-Hügel angekommen führt die Strasse ebenerdig bis zur abweisend wirkenden Fassade der Villa Medici. Vom Platz vor dem Renaissancepalazzo aus geht der Blick auf das historische Stadtzentrum von Rom, mit den alten Kuppeln und Dächern. In dem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Baccio Bigio und Annibale Lippi errichteten Gebäude ist seit 1804 die 1666 von König Ludwig XIV. gegründete Accademia di Franca untergebracht - die älteste ausländische Kulturakademie in Rom. In den letzten Monaten sind die Säle und Gänge sowie die Fassaden - auch die zum Park hin mit ihren wunderbaren altrömischen Reliefs - gesäubert und restauriert worden. Die Villa Medici präsentiert sich nun wieder in alter Pracht. Richard Peduzzi ist neuer Hausherr der Kulturakademie. Kein Verwalter, wie so manche seiner Vorgänger, sondern ein Mann der künstlerischen Tat. Als Designer und Bühnenbildern genießt er einen internationalen Ruf. Erst vor kurzem sorgte seine Inszenierung des Oratoriums Hercules von Händel an der Pariser Oper für großen Applaus. Aus der Villa Medici will er eine internationale Kulturwerkstatt machen. Die Zeit, in der sich die Akademie nur um ihre französischen Stipendiaten kümmerte, ist für Peduzzi vorbei:

Wir leben in einer neuen Epoche des Nachdenkens und Denkens. Deshalb will ich, dass die Villa Medici ein Ort des Reflektierens über neue Ausdrucksformen wird, auch im Kino und im Video, bezüglich der Vergangenheit, der Antike und der Zukunft.

Ein anspruchsvolles Projekt, das, so Peduzzi, einen radikalen Umbau des historischen Bauwerks erforderte - typisch für französische Kulturpolitiker wird alles gründlich umgekrempelt, um ein individuelles Zeichen zu setzen.

Ich bin total dagegen alles nur so zu machen wie es ursprünglich einmal war, denn die früheren Zeiten sind vergangen, die Dinge ändern sich. Also muss man Rom im Wandel der Zeiten sehen.

Peduzzi warf die alten Möbel raus, übermalte stilistisch fragwürdige Fresken des 19. Jahrhunderts und schuf selbst die neue Einrichtung für die Räume: bunt und farbenfroh - und vielleicht ein wenig zu kokett für die eleganten Hallen eines Renaissancepalastes. Richard Peduzzis Ziel ist es, die Villa Medici nach Außen hin zu öffnen. So ist jetzt auch die hauseigene Cafeteria, die bisher nur den Stipendiaten zugänglich war, für alle Besucher der Villa offen. Sein Programm für dieses Jahr sieht sechs Kunstausstellungen vor. Thematisiert wird Kunst zwischen Barock und Gegenwart. Gezeigt werden Werke aus französischen Museen und Privatsammlungen. Es wird Konzerte und Ballette sowie Lesungen und Konferenzen geben. Im hauseigenen Kino "Michel Piccoli" werden Filmfestivals organisiert. Peduzzi will, dass seine Akademie enger als bisher im römischen Kulturleben verankert ist - womit er sich von anderen ausländischen Kunstakademien absetzen will. Er sagt es nicht deutlich, aber wenn er die Politik der anderen Akademien beschreibt, auch die der deutschen Villa Massimo, spricht er immer wieder von deren "exklusiver Abgeschlossenheit". Genau das will Peduzzi nicht. Und: im Unterschied zu seinen Vorgängern, zu denen auch der Maler Balthus gehörte, will Peduzzi seine Akademie zu einem internationalen Kulturzentrum machen. Er will, dass die typisch französische Fixierung auf "nur-französische" Thema ein Ende findet:

Die Zeiten ändern sich. Es ist extrem wichtig, französische Künstler in einen generellen Zusammenhang zu stellen, der internationale Künstler mit einschließt, denn Frankreich allein besagt nicht viel. Man muss sich an die Welt wenden. Alles ist so schnell: der Wechsel zwischen den Generationen und Ländern erlaubt es nicht mehr sich nur auf Italien und Frankreich zu konzentrieren. Das hat keinen Sinn mehr.

Und so eröffnet Richard Peduzzi die Ausstellungstätigkeit seiner Akademie nicht mit einem Franzosen, sondern mit einem Deutschen: mit Anselm Kiefer. Ein Schlag ins Gesicht jener, die französische Kulturpolitik im Ausland immer noch als nationalistisches Schaufenster begreifen:

Nur auf die französische Kultur konzentriert zu sein bedeutet Isolation. Für ist das Konzept Kultur etwas Weltweites, an die französische Kultur mitbeteiligt ist. Italienisch, französisch, deutsch: Kiefer ist ein Deutscher der in Frankreich lebt: er ist damit ein Symbol für das, was ich hier machen will.

Bis 8. März zeigt Kiefer in der französischen Kulturakademie neben seinen Sternbildern aus Acryl und Lack, seinen Badewannen und Foto-Ölbildern auch seine "Frauen": Skulpturen-Installationen, erklärt Kiefer, die Madame de Staël und Sappho, die Dafne, Königinnen von Frankreich und Göttinnen darstellen sollen:

Die meisten der Werke habe ich für diese Räume, besonders schwierige Räume. Ich mache keine Bilder, die man irgendwo hinhängt, in einen Salon. Ich gehe immer spezifisch auf den Raum ein.

Kiefer nutzte für seine neuen zirka 1,80 m großen Skulpturen weiße und dunkelblaue Kleider, die über Ständer gezogen wurden. Jede dieser Puppen ist von dem Künstler individuell gestaltet worden, ganz in dem Sinn, wie er eine historische Persönlichkeit, eine Dichterin oder eine Gottheit darstellen wollte. Kiefer schmückte diese Frauen-Gestelle, wie er sie nennt, mit Metall und Stacheldraht, mit Stroh, Holz und anderen Materialien aus. Auf diese Weise entstanden abstoßende und anziehende Figuren - die allerdings über keine Köpfe verfügen:

Die Frauen haben keinen Kopf, weil die Geschichte der Frauen der letzten drei Jahrtausende, vorher gab es ja ein Matriarchat, kennen wir nur durch Männer. Es sind immer Zitate der Männer, die die Frauen beschreiben. Damit wollte ich dann sagen: ohne Kopf, sie sind von anderen definiert worden.
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