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26.1.2005
"Parfüm - Ästhetik und Verführung"
Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe
Von Elske Brault

JP Gaultier Classique - Sondereditionen Sommerdüfte (Bild: Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe)
JP Gaultier Classique - Sondereditionen Sommerdüfte (Bild: Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe)
"Parfüm - Ästhetik und Verführung" heißt eine Ausstellung, die am Donnerstag im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet wird. Im Gegensatz zu anderen Parfüm-Ausstellungen legt sie den Schwerpunkt auf die letzten 15 Jahre. Flakons, Verpackungen und Anzeigenplakate sollen die Vielfalt der Entwürfe und Werbestrategien demonstrieren. Denn pro Jahr kommen 200 neue Düfte auf den Markt, und 80 Prozent der Kosten für jedes Produkt entstehen durch Werbung und Verpackung.

Im zentralen Ausstellungsraum ist das Licht gedämpft, denn nur so kommt die raffinierte Ausleuchtung der Flakons in den zahlreichen Schauvitrinen zur Geltung: Von innen und unten werden sie angestrahlt wie Preziosen auf einem Samtkissen. Doch sonst ist kein großer Unterschied zu einer Douglas-Parfümerie: Flakon steht hier neben Flakon, ohne erkennbare Ordnung, ohne dass klar würde, warum dieser und kein anderer den beleuchteten Ehrenplatz in der Vitrine erhalten hat. Zwischen riesigen Stoffbahnen mit Anzeigenmotiven, meist Gesichter von männlichen oder weiblichen Models. Einen Raum weiter sind die Verpackungen aufgehäuft, noch planloser aneinander gereiht. Und hinter Glas kleben die verschiedensten Anzeigenfotos über- und durcheinander. Diese Bildwände sind nach Jahren geordnet: 1980, dann 1990, 93, 95, 97, die Abstände zwischen den Jahren werden kürzer, vielleicht weil aus der jüngeren Zeit einfach mehr da war? Kurator Jürgen Döhring hat 1.200 Fotoecken verklebt.

Das soll so'n bisschen erschlagend wirken. So ist eigentlich auch die Werbung. Die erschlägt uns. Die verfolgt uns überallhin. Und das kann man an dieser Anzeigenwand, glaub ich, ganz gut sehen. Die ist ja chronologisch geordnet, und Sie haben alle paar Jahre da etwas Neues, und Sie sehen wie das in Wellen immer wieder kommt. Man muss einfach länger gucken. Man kann in eines rübergucken, kenn ich ja oder kenn ich nicht, man kann aber auch ein bisschen sich reinsehen und solche Entwicklungen erkennen.

So entdecken die Designer 1993 die Ästhetik der banalsten Alltagsgegenstände: Calvin Klein bietet seinen jugendlichen Duft "CK One" im Flachmann mit Schraubverschluss an, Hugo Boss gibt's in einer Feldflasche, Jean-Paul Gauthier steckt seinen Frauenkörperflakon in eine silberne Konservendose. Und zehn Jahre später greift Carolina Herrera diesen Trend wieder auf und toppt ihn mit einer Parfümflasche mit Bügelverschluss wie Flensburger Pils. Hätte man ja mal so zusammenstellen können. Aber Jürgen Döring will nicht zeigen, was hinter den Kulissen die Gestaltung von Parfümverpackungen beeinflusst.

Was mitunter neu ist, sind neue technische Entwicklungen, dass Sie also neue Schraubverschlüsse haben, neue Sprühs haben, neue Möglichkeiten Plastik und verschiedene Kunststoffmaterialien miteinander zu verbinden. Zum Beispiel hat eine amerikanische Glaskünstlerin den Kenzo Air-Flakon entworfen, der wirklich blau und sehr schillernd aussieht. Den haben wir so beleuchtet, dass man die inneren Farben sieht. Der setzt sich aus fünf oder sechs verschiedenen Glas- und Kunststoffschalen abwechselnd zusammen, um das hinzubekommen. Wenn man genau guckt, kann man das sehen. Im Katalog haben wir die Zusammensetzung erwähnt, gerade bei dem. Aber wir können nicht bei über dreihundert Flakons, die ausgestellt sind, immer die einzelnen Materialien aufzählen. Das wäre einfach zu viel.

Da hätte man sich auf zehn Marken beschränken müssen und deren Entwicklung aufdröseln. Das wäre dem Museum wieder zu sehr Firmengeschichte gewesen. Aber wer sich auf ein Thema wie Parfüm einlässt, der kann eigentlich gar nicht dem Vorwurf entgehen, einem Markenprodukt museale Weihen zu verleihen. Der Public Relations-Experte Klaus Kocks, Dozent für Werbestrategien in Berlin und Osnabrück, sieht hier eine fatale Entwicklung.

Es hat ja mal Kunstförderung durch Mächtige gegeben. Also Renaissance Florenz. Es hat dieses Sponsoring gegeben. Das heißt, jemand gibt Geld, um einen dritten, in sich ordentlichen Zweck zu fördern. Was wir jetzt erleben, ist eine neue Mischform, dass die PR versucht, den Kunstgegenstand selbst zu erzeugen. Und damit kommt man zu ner Mischform, zwischen dem, was anständigerweise Kunst oder Kunsthandwerk genannt werden kann, und Werbung. Und ich glaube nicht, dass das gut ist.

In diesem Fall hat der weltweit viertgrößte Parfümhersteller IFF die Ausstellung großzügig unterstützt und eine Duftbar aufgebaut. Auch an der können wir nicht nachvollziehen, aus welchen Ingredienzen sich ein Klassiker wie Chanel No 5 seit 1921 unverändert zusammensetzt. Stattdessen strömen aus verschiedenfarbig bedeckelten Zylindern auf Knopfdruck Düfte wie Schokolade, Rose oder Jasmin. IFF-Parfümdesignerin Heike Hegmann klassifiziert sie als Basis-, Herz- oder Kopfnote eines Parfums und will damit auch was lehren.

Wie ist ein Duft aufgebaut. Wie werden Düfte klassifiziert, was gibt es für neue Methoden der Klassifikation, wir bieten auch Duftseminare an, wenn also Besucher sich sehr intensiv für Parfum interessieren, können Sie an einer sogenannten Smelling Session teilnehmen und wirklich in die Geheimnisse der Parfümerie eingeweiht werden.

Fotos vom Holzmindener IFF-Fabrikgelände wären womöglich aufschlussreicher gewesen, wo sich hinterm Bahnhof die Parfümessenzen in roten 180-Kilo-Fässern stapeln. Der prosaische Ursprung von Jil Sander- oder Armani-Düften. In Holzminden werden die Öle für jährlich 700.000 Hektoliter Parfum gemischt. Wie genau, zeigt ein Arte-Film auf einem kleinen Fernsehschirm im Flur. Doch viel größer flimmern hinter der Duftbar Ausschnitte aus Spielfilmen wie "Aimée und Jaguar" oder "Vom Winde verweht", die irgendwas mit Parfum zu tun haben. Und am andern Ende der Ausstellung flimmern die Werbespots. Ausstellungsmacher Jürgen Döhring gibt selbst den besten Kommentar dazu:

Man denkt, weil man eine Oberfläche vergoldet, ist sie wie Gold und macht was her. Das ist aber nicht so.

Service:
Ausstellung "Parfüm - Ästhetik und Verführung"
im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe
Vom 27. Januar bis 24. April 2005

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