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Fazit • Kultur vom Tage
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26.1.2005
Bremer Literaturpreis für Brigitte Kronauer
Auszeichnung für den Roman "Verlangen nach Musik und Gebirge"
Von Günter Beyer

Brigitte Kronauer: "Verlangen nach Musik und Gebirge" (Bild: Klett-Cotta)
Brigitte Kronauer: "Verlangen nach Musik und Gebirge" (Bild: Klett-Cotta)
Die Feriengäste, die da im Frühstückssaal des recht mittelmäßigen Hotels "Malibu" im Seebad Oostende aufeinander treffen, gäben so recht das Personal her, mit dem hierzulande Seifenopern aufgeschäumt werden: Roy, der hinkende Jurastudent mit den riesigen Ohren, der seine boshafte Großmutter in die Sommerfrische begleitet. Sonia und Maurizio, ein unbedarftes blutjunges italienisches Pärchen. Der "schreiend weißbärtige" Herr Willaert, ein eloquenter Parfümhändler, der sich in altmodischem Radmantel, mit Hut und Spazierstock als Wiedergänger des Oostender Malers James Ensor in Szene setzt. Und nicht zuletzt die hellwache Frau Fesch, unter deren Maske Autorin Brigitte Kronauer drei Tage lang die Gruppe begleitet und observiert. Oberflächlich betrachtet geschieht nicht viel: Ausflüge an den Strand, zum Molencafé, zu Ensors Grab, aber auch geistige Abstecher zu den belgischen Kolonialverbrechen im Kongo und zur deutschen Besetzung Belgiens in zwei Weltkriegen. Aber vor der Realkulisse des von Frittenschwaden durchwaberten Oostende gerät das Grüppchen bald in eine heillose Liebesunordnung, zeigt das italienische Pärchen beim Sight-Seeing schon
Auflösungserscheinungen:

Lesung Kronauer: Maurizio hatte den Arm in die Nähe von Sonias Hinterteil geschoben, und man glaubte fasziniert, ein winziges Widerstreben bei ihr an genau dieser Stelle zu bemerken. Nein, kein Erbeben! Das wohl ausgerechnet nicht. Jawohl, Widerstreben, ein winziges und höfliches, das Maurizio nun doch verärgert spürte, und weshalb er klarstellend ihre äußere Pohälfte packte.

Längst hat sich der täppische Roy in die ebenso schöne wie träge Friseuse Sonia verliebt, der geschwätzige Parfümhändler ein Auge auf Sonias gut gebauten Begleiter Maurizio geworfen. Jedes beiläufige Wort, jede Schmeichelei, jede "geringfügige Beleidigung", auch jede Geste: ein "Widerstreben" am Po, ein "Wittern", ein "Zwinkern", ein "angewidertes Verziehen der Lippen" signalisiert Bedeutungsschwere in einem überschwänglichen Augentheater.
Schließlich geschieht aus Eifersucht - fast - ein Mord, wird um ein Haar das unerträgliche Großmütterchen vor die Straßenbahn geschubst.
Mit wunderbarer Leichtigkeit und schier unerschöpflicher Lust an Fabulieren und Formulieren türmt die 1940 geborene Brigitte Kronauer opulente Sprachgebirge vor der Kulisse des Oostender "Enttäuschungsgrau" auf, wohl wissend: Sie wandelt auf schmalem Grat.

Diskussion Kronauer: Sprache hat mich immer nur unter dem Aspekt, dass sie einen Inhalt geformt zur Sprache bringt, interessiert. Nie als reines Sprachspiel, und ich meine, Leichtigkeit und Virtuosität ist generell ein Ziel der Kunst, wenn es nicht heißt, dass man dafür Inhalte opfert.

Restlos überzeugt hat Brigitte Kronauers Roman "Verlangen nach Musik und Gebirge" jedenfalls die Jury. Sibylle Kramer lobte:

Kramer: Dieser große europäische Roman, meine Damen und Herren, ist ein Weltspiel. komplementär erzählt, doppelpolig.

Weit bodenständiger gezeichnet sind die Figuren in Antje Ravic Strubels Roman "Tupolew 134", der mit dem Förderpreis ausgezeichnet wurde. Die 30-jährige Berliner Autorin nimmt eine wahre Begebenheit aus dem Jahre 1978 zum Ausgangspunkt: Damals hatten zwei DDR-Bürger ein polnisches Flugzeug, eine Tupolew, nach Westberlin "umgeleitet". Die Fluchtgeschichte liefert das dramaturgische Gerüst für eine leise, sensible und atmosphärisch dichte Momentaufnahme der DDR der siebziger Jahre, deren Lebensgefühl die junge Protagonistin Katja mit dem simplen Satz beschreibt: "Ich lebe nicht mehr gerne so."
Strubel erzählt lakonisch, ohne Wut, ohne "ostalgische" Verklärung. Als die Mauer fiel, war sie fünfzehn. Sie hat - anders als ältere Schriftstellerkollegen - keine alte Rechnung mit dem DDR-Regime zu begleichen.

Diskussion Strubel: Ich bin viel zu jung dafür. Ich hatte das Glück, von heute auf das Material, zu gucken, und damit was zu machen und es für meine Ideen zu nutzen.
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