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27.1.2005
"Stets gern für Sie beschäftigt"
Ausstellung im Berliner Institut für Auslandsbeziehungen
Von Julia Kaiser

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (Bild: AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (Bild: AP Archiv)
Ausschnitt aus Video: "Kennen Sie die Firma Topf und Söhne?" - "Nö, kenn ich nicht." - "Ich weiß nicht, ob das makaber ist, aber ich würde sagen... Topf und Söhne...haben früher... Öfen gebaut. Und jetzt muss ich ganz vorsichtig sein, wenn ich vermute, dass das was mit Konzentrationslagern zu tun hatte." - "Ja, ich weiß, dass dort die Öfen für das Konzentrationslager Buchenwald produziert worden sind."

Diese Umfrage gehört zu einer Arbeit der israelischen Künstlerin Yael Katz Ben Shalom. Die Installation "Made in Germany" setzt sich mit Gedächtnis und Gedenken auseinander. Also auf der einen Seite der persönlichen Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Holocaust und auf der anderen der Präsenz dieses Erinnerns in der Öffentlichkeit. Die Erfurter Firma Topf und Söhne steht im Mittelpunkt der Ausstellung über die Rolle der Industrie im Völkermord durch die Nationalsozialisten. Und liefert auch den Ausstellungstitel, erklärt die Kuratorin Barbara Barsch:

"Stets gern für Sie beschäftigt" war ein Schlusssatz, den diese Firma gegenüber der SS-Bauleitung benutzt hat, jedes Mal, wenn sie sich für einen neuen Auftrag bedankt haben, diese Krematoriumsöfen für Auschwitz... Sie haben sie ja nicht nur gebaut. Sie haben sie ja auch entwickelt. Es gab ja so etwas noch nicht und es gab ja auch in keinem Land der Welt das Bedürfnis, Öfen zu haben, in denen man zigtausende Leiber, Menschen täglich verbrennen kann.

Im ersten Teil der Ausstellung des Institutes für Auslandsbeziehungen, ifa, vor zwei Jahren ging es um individuelle Schicksale von jüdischen Opfern. Dieser zweite Teil beleuchtet die Rolle der regimetreuen Industrie und der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Ich gucke eigentlich aus dem Blickwinkel der Verantwortung. Egal ob Künstler oder Industrieller, jeder hat eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Und wenn es nur darum geht, Geld zu verdienen, dann ist das der falsche Ansatz. Man darf die Ethik und Moral nicht außer Acht lassen und das ist ja in den 30er Jahren oder schon im Vorfeld der 30er Jahre geschehen. Und an den bewusst gesetzten Reden im sächsischen Landtag sieht man ja, dass so etwas durchaus noch präsent ist. Insofern halte ich so eine Ausstellung für dringend geboten.

Neben der Firma Topf und Söhne aus Erfurt steht "Hugo Boss" im Mittelpunkt der Ausstellung. Die Engländerin Tanya Ury setzt sich mit der Beziehung von Mode und Politik auseinander.

Wir kennen alle die Modefirma. Nur weiß nicht jeder, dass Hugo Ferdinand Boss noch vor der Kriegszeit einen Vertrag mit der Nazipartei gemacht hat, wenn er Mitglied würde, dann bekäme er einen Auftrag. Hitlerjugend-, SA- und SS-Uniformen wurden dann in Metzingen gemacht und von Zwangsarbeitern angefertigt. Weil nicht so viele Leute von dieser Geschichte wissen, arbeite ich mit der Werbung und setze sie um, so dass man nicht wegschauen kann und damit diese Vergangenheit auch gezeigt wird.

Für ihre Reihe "Who's Boss" hat sich Tanya Ury zum Beispiel mit einem Original-Luftwaffenmantel der Reichsarmee fotografiert und Modefotografien von 1998 konterkariert, die einen sehr ähnlichen Schnitt zeigen.
Eine weitere wichtige Arbeit ist "Bus Stop" der Berliner Künstler Renata Stih und Frieder Schnock. Sie hatten das Konzept vor zehn Jahren als Entwurf für das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas erarbeitet. Jetzt haben Sie es für die Ausstellung des Institutes für Auslandsbeziehungen neu zusammengestellt, sagt Renate Stih.

"Bus Stop" ist ein Denkmal, das sagt: Man braucht kein abstraktes Denkmal, was nichts aussagt, sondern man soll bitte an die authentischen Orte gehen und Deutschland als ein Land verstehen, wo überall gedacht werden kann, weil überall Verbrechen geschehen sind.

Einzelne Fahrplanblätter verweisen von der nächstgelegenen Stadt auf einen Ort mit seiner schrecklichen Geschichte. Darunter sind Auschwitz, Dachau und Buchenwald ebenso wie Celle, Bremervörde oder Bielefeld. Immer mit dem Verweis auf eine Adresse und einer Zusammenfassung auf ein Ereignis, das nie vergessen werden darf.

Wenn Sie an den authentischen Ort gehen, dann beziehen Sie ihn in die Umgebung mit ein. Sie sehen ihn nicht nur im Zusammenhang mit den Ausflugszielen ringsum, sondern im Zusammenhang mit der Bevölkerung. man kann sich das einfach gut vorstellen, wie das damals war.

Das moderne Denkmalkonzept lenkt den Blick so auch auf aktuelle Diskussionen zum Umgang mit dem Holocaust. Und diese Idee ist allen Künstlern der Ausstellung gemein: Sie stellen einen Bezug zwischen dem sich erinnern im Jetzt und dem Gedenken an die Vergangenheit her. Und provozieren den Besucher, über Verantwortung für seine Gesellschaft nachzudenken.

Service:
Ausstellungsdauer: 28. Januar bis 27. März 2005
Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag 14 - 19 Uhr

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