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30.1.2005
"Munch revisited"
Ausstellung im Museum am Ostwall in Dortmund
Von Günter Beyer

Wie der norwegische Künstler Edvard Munch auch heute noch zeitgenössische Künstler beeinflusst, zeigt das Museum am Ostwall in Dortmund. 50 Werke Munchs werden Gemälden, Skulpturen oder Installationen heutiger Künstler direkt gegenüber gestellt. Dabei entsteht ein zum Teil überraschender Dialog mit der jetzigen Kunst.

Die Situation kommt einem bekannt vor: Das Paar ist zwar gemeinsam auf dem Gemälde abgebildet. Aber zu sagen haben sich die beiden - nichts! Der Mann, gemalt in giftigen Grüntönen, strahlt Kälte aus. Die Frau blickt angespannt an ihm vorbei. So sah der Maler Edvard Munch das Ehepaar Käthe und Hugo Perls. Das war 1913.

Ein anderes Paar, beide nackt, in einem modernen Badezimmer. Sie hockt in Gedanken versunken in der Wanne, er betrachtet beim Rasieren sein Spiegelbild - dargestellt auf einem großformatigen Gemälde, das der Amerikaner Eric Fischl erst vor zwei Jahren malte. Die Parallelen sind verblüffend, aber längst nicht die einzige Überraschung, die die Ausstellung "Munch revisited. Edvard Munch und die heutige Kunst" in Dortmund bereitet.

Immer wieder haben sich Künstlerinnen und Künstler auf den großen Norweger, den Maler der Seele, bezogen - zu dessen Lebzeiten wie auch heute. Denn Munch traf mit seinem psychologischen Blick einen Nerv bei Publikum, Kritikern und Künstlerkollegen, meint Ausstellungsmacherin Rosemarie Pahlke.

"Die Popularität beim Publikum und weshalb er von mir persönlich auch sehr geschätzt wird, ist, dass er eine unglaubliche Emotionalität in seiner Kunst hat. Und das nicht nur thematisch, sondern auch in seiner Malweise. Er hat sich ja an seinen Leinwänden völlig ausgetobt. Wenn er keine Lust mehr hatte, hat er die Leinwände so stehen gelassen. Und das ist so sympathisch. Dies Normale."

Damit Munchs Bilder mit der Kunst von heute in Dialog treten können, ist viel Platz nötig. Das Museum am Ostwall präsentiert deshalb seine Schau in der weitläufigen Halle des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in der Hansastraße.

50 Werke des Norwegers - vor allem Gemälde, aber auch Lithografien und Radierungen - stehen ebenso vielen Bildern, Skulpturen, Plastiken, aber auch Fotografien, Video- und DVD-Arbeiten gegenüber. Drei farbig markierte Pfade fassen Themengruppen zusammen: Pink für "Frau und Mann", Blauviolett für die Abteilung "Melancholie und Einsamkeit" und Grün für das Thema "Mensch und Raum".

Rosemarie Pahlke: "Es geht nicht um ein Nachmalen, sondern es geht dann darum, eine ganz eigene künstlerische Sprache zu finden, eine eigene Ausdrucksweise, und im Endeffekt auch wieder ein ganz eigenständiges Werk zu schaffen. Es ist ja nur eine Anregung."

Manchmal tritt ein Werk von Munch mit dem eines aktuellen Künstlers als Paar auf, meist aber ist der Zusammenhang freier und assoziativer. Munchs Gemälde "Roter wilder Wein" etwa, entstanden um 1900, zeigt ein bürgerliches Wohnhaus, das von dem an seiner Fassade wuchernden Wein geradezu vom Fundament gekippt wird. Kein heimeliges Zuhause, sondern ein verrücktes, ein bedrohliches Haus.

Dieses Geisterhaus-Motiv spiegeln gleich mehrere zeitgenössische Künstler. Im menschenleeren Puppenhaus des US-amerikanischen Bildhauers Robert Gober sind deutlich die Spuren eines Zimmerbrands zu sehen. An der Gipsskulptur des Österreichers Erwin Wurm erinnert nur noch das Satteldach an ein Haus, darunter quillt eine breiige Masse hervor.

Die DVD-Arbeit "Das Haus" der 45-jährigen finnischen Künstlerin Eija-Liisa Ahtila, die auch auf der letzten "dokumenta" zu sehen war, zeigt auf drei asynchronen Projektionswänden, wie in dem scheinbar idyllischen weißen Holzhaus der Künstlerin Geräusche die Herrschaft über den Raum übernehmen, wie Dinge und Tiere unheimlich beseelt, besessen werden.

Rosemarie Pahlke: "Dieses Haus hat den Charme eines Hauses aus Zeiten Munchs, und wir sehen, wie diese Dinge miteinander verwoben sind. Also wie die Außengeräusche im Haus sind, wie die Frau sich nicht an die Erdanziehungskraft hält, sondern fliegt, und hören auch die Gedanken und Überlegungen dieser Frau, und sind fasziniert von dieser eigenartigen Stimmung, die Eija-Liisa Ahtila erzeugt."

Einige Werke nehmen unmittelbar Bezug auf Munch. Die Engländerin Tracey Emin etwa, eine der so genannten "Young British Artists" und bekannt geworden mit der Installation eines Zelts, auf dessen Stoffbahnen sie die Namen aller ihrer Sexpartner outete, ist mit einem - allerdings schwachen - kurzen Video vertreten, das sie wörtlich als "Homage an Munch und alle meine toten Kinder" versteht.

Darin verarbeitet Emin die Erfahrung einer Abtreibung. Wie ein Embryo kauert sie auf einem Bootssteg. Ein Schrei - offenkundige Anspielung auf Munchs bekanntes Gemälde. Auch ein Kopf aus roséfarbenem Wäschestoff mit verzweifelt geöffnetem Mund, genäht von der New Yorker Künstlerin Louise Bourgeois, zitiert dieses Motiv.

Auch das Motiv des Kusses, bei Munch immer auch als verschlingender Todeskuss deutbar, findet sich fast identisch bei der US-amerikanischen Fotografin Nan Goldin. Ihr Paar küsst sich auf einer Parkbank derart leidenschaftlich, dass die Köpfe - wie bei Munch - zu einem einzigen verschmolzen scheinen.

Die 32-jährige, in den Niederlanden lebende Bildhauerin Anne Wenzel ist mit einer lebensgroßen Mädchenskulptur aus anthrazitfarbener Keramik vertreten.

Anne Wenzel: "Es ist kein Mädchen, wie man heute auf dem Schulhof sieht, sondern ein braves Mädchen mit Faltenröckchen und Schleifchen und bravem geflochtenen Zopf, und es steht da sehr in sich gekehrt, und langsam wächst aus der Schleife, fängt eine Art Geschwür an zu wachsen und zieht das Mädchen mit sich nach unten, so dass dann das Mädchen letztendlich eigentlich in sich selbst zusammen fließt."

Die künstlerische Dekonstruktion des Lieblichen, von kindlicher Unschuld, ist ein Motiv, dem man auch in Munchs "Weinendem Mädchen" begegnet.

Anne Wenzel: "Ich denk schon, dass da absolut Parallelen da sind, die ich auf keinen Fall erwartet hätte. Wobei ich jetzt nicht unbedingt an Munch gedacht hätte, als ich die Arbeit gemacht hab."

"Munch revisited" ist eine gelungene Ausstellung erstens für Munch-Liebhaber, zweitens für Freunde zeitgenössischer Kunst, und drittens - und nicht zuletzt - für alle, die zwischen beidem die Funken fliegen sehen wollen.

Service:
Die Ausstellung Munch revisited ist noch bis zum 1. Mai 2005 im Museum am Ostwall in Dortmund zu sehen.

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