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29.1.2005
Fotomontagen gegen den Krieg
Martha Rosler im Sprengel-Museum Hannover
Von Volkhard App

Martha Rosler: o.T., aus:  Ventures Underground seit 1990, c-Print (Bild: Martha Rosler)
Martha Rosler: o.T., aus: Ventures Underground seit 1990, c-Print (Bild: Martha Rosler)
Die amerikanische Fotokünstlerin Martha Rosler nimmt mit Mitteln der Fotomontage Stellung zu gesellschaftsrelevanten Themen. Dabei zwingt sie die Realität zur Wiederholung: Ihre Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren gegen den Vietnamkrieg tauchen in veränderter Form als Protest gegen den Irakkrieg heute wieder auf. Anlässlich der Verleihung des "SPECTRUM" Fotografiepreises an Rosler zeigt das Sprengel-Museum Hannover eine große Werkschau der Künstlerin.

Hier "Home sweet home", dort zerfetzte Leiber, hier die schöne Welt des Konsums, dort brutale Kriegswirklichkeit: Martha Rosler konfrontiert diese Gegensätze mit den Mitteln der Fotomontage. Da reinigt eine aparte Hausfrau pompöse Vorhänge mit einem Handstaubsauger, direkt hinter den großen Fensterscheiben aber tobt eine mörderische Schlacht, haben sich GIs hinter Säcken verbarrikadiert. "Der Krieg kommt ins Haus", heißt diese Serie aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, entstanden also zur Zeit des Vietnamkriegs.

Weil in der schönen Welt des Konsums so viele Mitmenschen verdrängen, sind die Kriege draußen, an denen die eigene Nation teilhat, in dieser Form möglich. Das könnte die Botschaft dieser aus Zeitungsmotiven montierten Serie sein. Politische Opposition und die Lektüre gesellschaftskritischer Schriften gehörten zu den Erfahrungen auch dieser damals jungen Künstlerin. Eine Aufklärerin, der man hier den Spectrum-Preis zuerkannt hat. Inka Schube, Jurymitglied und Kuratorin:

"Sie ist Aufklärerin - und, was dazu passt, sie ist Bilderstürmerin. Das mag verwundern - zumal in dieser Ausstellung mit vielen auch sehr schönen Fotos. Und doch ist sie Bilderstürmerin, d.h. Bilder werden genommen, zerschnitten, neu zusammengesetzt, collagiert, groß gemacht und mit Text versehen, einfach um zu zeigen, was diese Motive bedeuten."

Überraschend ist, dass Martha Rosler das stilistische Prinzip ihrer Vietnam-Serie kürzlich wieder aufgegriffen hat und erneut die Kraft der Fotomontage vorführt - nur dass die gleichgültigen Wohlstandsfiguren nun noch schriller ausfallen: z.B. ein gleich doppelt ins Bild gesetztes, chices Reklamemannequin, das entzückt sein Fotohandy in die Höhe hält und nichts von den Explosionen im Hintergrund wissen will.

Ein anderes Mädchen, das mit Tarnanzug in eine moderne, blitzende Küche montiert wurde, ist uns aus den Medien bekannt: es ist die junge US-Soldatin, die in irakischen Gefängnissen vor Folteropfern posierte. Warum diese neue Bilderreihe? Weil sich Martha Rosler über die Intervention ihres Landes im Irak erregt hat?

"Ja, sicher. Wir haben offenbar wieder einen Krieg ohne Ende begonnen - in einen solchen waren wir auch während der Zeit des Kalten Kriegs verstrickt. Unglücklicherweise verstehen sich die Vereinigten Staaten als Heilsbringer, als globalen Garanten von Frieden und Freiheit, was dann leider dazu führt, viele andere Menschen zu töten."

Fragt sich nur, wieweit ihre Fotoarbeiten das politische Bewusstsein verändern können - in einer Medienwelt voller Bilder?

"Das ist möglich, wenn man jedes Bild als einen Wassertropfen im Ozean versteht. Man kann die Strömung mit beeinflussen. Und je mehr man mit seinen eigenen Fotos daran teilhat, desto größer wird der Vorrat an alternativen Bildern in der Gesellschaft. Es ist lebensnotwendig, daran teilzunehmen, und diese Fotos werden ja auch beachtet. Viele Menschen sind hungrig nach Bildern, die ihre eigene Opposition ausdrücken und im Gegensatz zum anstößigen Propagandafeldzug stehen."

Martha Rosler war zunächst Malerin mit einer Vorliebe fürs Ungegenständliche, bevor sie die fotografischen Möglichkeiten für sich entdeckte. Wobei sie sich auf keine bestimmte Tradition beruft und die Kunstfotografie genauso schätzt wie die Bilddokumentation in der Zeitung.

Ein Wort von Cartier-Bresson aufnehmend, bezeichnet sie sich allerdings nicht als Fotografin, sondern als Künstlerin, die fotografiert. Und sie hat, wie in der umfangreichen Ausstellung deutlich wird, ein vielschichtiges Werk vorgelegt: mit Installationen wie z.B. einem US-typischen Garagen-Flohmarkt, mit Text-Foto-Montagen und vor allem mit Videos, auf denen sie die Inhumanität von Wissenschaftlern aufdeckt, immer wieder die Außenpolitik der USA und die Medien kritisiert, aber auch den Rollenzwang, dem sich Frauen im Alltag gegenübersehen.

Rosler entlarvt den schönen Schein der Zeitschriftenwelt, gerade den der "Vogue". Dass die Videomonitore auf acht gedeckten Tischen aufgebaut wurden, passt auf ironische Weise zu Roslers Attacken gegen die heile Welt des Konsums.

Ihre wohl bekannteste Fotoserie ist noch auf dem Weg von New York nach Hannover. Die Künstlerin hatte die Bowery, die heruntergekommene einstige Prachtstraße Manhattans, fotografiert: die Winkel, in denen sonst Obdachlose hausen. Zu diesen Bildern sind Texttafeln montiert - sie beschäftigen sich mit dem Alkohol und der Trunkenheit.

Die urbane Realität ist ihre Motivwelt geblieben: in starken Farben hat sie die Gänge in U-Bahnstationen und auf Flughäfen festgehalten, die Wartezonen und die Einkaufspassagen. Rosler interessiert sich für unwirkliche und oft auch unwirtliche Schauplätze im städtischen Getriebe. Sind die denn so wichtig?

"Dort pulst das Leben der urbanen Gesellschaft, es sind Adern, wir können ohne diese globalen Ströme und lokalen Bewegungen nicht existieren. Kritisch sind meine Fotos, weil sie darauf hinweisen, dass wir vielleicht zuwenig darüber nachdenken, wie sehr unser Bewusstsein, auch unser Bild von uns selbst, durch diese Art der Fortbewegung geprägt wird. Es ist der Lebenssaft unserer Zivilisation."

Mit einer Fülle von Exponaten wird in Hannover so das Oeuvre dieser Künstlerin aufgefächert. Ein Konzentrat wäre noch wirkungsvoller gewesen, dem Besucher wird einiges abverlangt, doch zweifelsohne ist hier die Begegnung mit einer bedeutenden kritischen Zeitgenossin möglich.
Eine politische Künstlerin, auch wenn Rosler Etiketten gar nicht mag:

"Ich definiere nicht so gern mein Selbstverständnis, aber falls Sie mich fragen, ob ich ein politisches Element in all meinen Arbeiten sehe, so sage ich: unbedingt."

Service:

Die Ausstellung "Martha Rosler: If not now, when?" im Sprengel Museum Hannover ist noch bis zum 16. Mai 2005 zu sehen. Martha Rosler wurde mit dem Internationalen Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen 2005, "SPECTRUM", ausgezeichnet.

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