Fazit
Fazit • Kultur vom Tage
Samstag bis Donnerstag • 23:05
29.1.2005
Die RAF als Medienphänomen
"Zur Vorstellung des Terrors: die RAF-Ausstellung"
Von Arno Orzessek

Als im Sommer 2003 erstmals bekannt wurde, dass die Kunst-Werke eine Ausstellung über die RAF planen, regte sich heftiger Protest. Für die am Samstag eröffnete Ausstellung wiegeln die Veranstalter ab: Es gehe hierbei nicht um die RAF, sondern um die Bilder von und den medialen Umgang mit dem Mythos RAF. Der künstlerische Umgang mit dem Bilderfundus RAF kann nun vergleichend betrachtet werden.

"Die Toten" im zentralen Eingangsraum der Ausstellung sind auch deren innerster Kern.

Es sind neunzig Tote, von Benno Ohnesorg über Ulrike Maria Meinhof und Alfred Herrhausen bis Wolfgang Grams - wiedergegeben auf Reprints von Pass-, Fahndungs- und Tatortfotos, die alle in Zeitungen abgedruckt worden waren - versammelt nun in der Ruhe eines weißen, nahezu sakralen Kubus.

"Die Toten" ist eine Dokumentation des Düsseldorfer Künstlers Hans-Peter Feldmann. Wenn man ihr nicht banalerweise vorhalten will, dass sie keinen Unterschied macht zwischen Opfern und Tätern im Umfeld der RAF-Verbrechen, kann man sie am ehesten als Verweis verstehen. Als dunklen, beinahe mythischen Verweis auf etwas Größeres selbst noch als den gewaltsamen Tod der vielen Einzelnen.

Doch was könnte das sein? Welches ist der Zusammenhang, der diese Gewalt und dieses Sterben umhüllt und einschließt? Es kann nur das blutige Gewebe der deutschen Geschichte und der in ihr wirksamen Ideologien sein, möchte man denken.

Aber das Projekt "Zur Vorstellung des Terrors" gibt eine andere Antwort. Feldmanns Kubus steht inmitten einer Halle, deren Wände mit Zeitungsartikeln tapeziert sind. Sie erzählen am Beispiel von 29 Tagen zwischen 1967 und 1998 den Aufstieg und Niedergang der RAF.

Weiter als bis zum medialen Widerschein der Ereignisse dringt die Ausstellung nicht vor - und will es auch nicht, wie Kurator Klaus Biesenbach unterstreicht.

"Das ist eine Ausstellung über die Wahrnehmung und die Bilder der RAF, das ist keine Ausstellung über die RAF, das ist eine Ausstellung über die Wahrnehmung der Bilder der RAF in den Medien und der Kunst..."

Die gesamte, über die fünf Etagen der Kunst-Werke und die St. Johannes Evangelist Kirche reichende Ausstellung lebt vom Fieber oft sattsam bekannter, tief ins Gedächtnis eingefräster Bilder, von den Signifikanten und Ikonen der terroristischen Gewalt und einer Staatsmacht, die zurückschlägt.

Lutz Dammbeck hat die Hälfte eines überlebensgroßen Fahndungsfotos von Gudrun Ensslin mit der rechten Gesichtshälfte eines Jünglingskopfes von Arno Breker zusammengenäht - wodurch eine entlarvende Verbindung von persönlichem Heldenmut und ideologischer Verblendung entsteht. Katharina Sieverding führt im grob gerasterten, Rothhändle-roten "Schlachtfeld Deutschland" eine Truppe der Spezialeinheit GSG 9 als eine Versammlung von Dunkelmännern vor. Dara Birnbaums Videoinstallation kreist auf sechs Kanälen um die Fernsehbilder der Entführung von Hanns Martin Schleyer.

Peter Weibel, Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien, der die RAF-Ausstellung später in Linz zeigen wird, hält den Entzug der Wirklichkeit durch die Medien für ein Epochensymptom, das nun in den Kunst-Werken seine angemessen Behandlung erfährt.

Peter Weibel. "Wir leben in einer Deja-vu-Kultur, in einer Deja-vu-Ära, das muss einmal reflektiert werden. Wir können nicht so tun, als hätten wir noch Zugang zu primären Ereignissen, zu primären geschichtlichen Erfahrungen, sondern diese Erfahrungen sind eben schon durch die Massenmedien und durch die Kultur selber vorgeprägt."

Das ist die eine Seite. Andererseits konnte es gar nicht anders sein. Die RAF operierte konspirativ und professionell getarnt im Untergrund. Ihre Erscheinungsweise in der breiten Öffentlichkeit war das Verbrechen - und das trugen die Medien um die Welt. Hautnah-authentische RAF-Erfahrungen hat nicht einmal Felix Ensslin, der Sohn von Gudrun Ensslin, anzubieten.

Felix Ensslin: "Meine Geschichte ist es ja erstmal nicht. Sondern es stimmt, dass ich eine Mutter habe, die ein Gründungsmitglied der RAF war. Ich selbst war dort nie und hab mich auch in den entsprechenden Kreisen nicht aufgehalten und bin noch nicht mal in entsprechenden Kreisen sozialisiert worden. Also... persönliche Erinnerungen habe ich keine."

Was Felix Ensslin als Kurator formuliert, gilt für die meisten, zumal die jüngeren Künstler in der Ausstellung. Sie bringen das große, mythische Medienereignis des Terrors auf manchmal fast rührende Weise mit ihrem eigenen Leben in Verbindung.

Johannes Wohnseifer, geboren 1967, hat ein Objekt mit den Maßen des Schrankes gebaut, im dem Hanns Martin Schleyer bis zum Tode gefangen gehalten wurde. Wohnseifer stellte eine Halfpipe hinein - denn als Schleyer starb, fuhr er Skatebord - und zwar vor eben dem Haus in Erftstadt-Liblar, vor dem Schleyer entführt worden war.

Andree Korpys und Markus Löffler rekonstruierten das Wohnkonzept der Terroristen, die den Eingangsraum stets zur bürgerlichen Fassade ausschmückten, und dahinter auf Matratzenlagern Überfall und Mord planten. Korpys und Löffler haben auch Menschen in Stammheim besucht, die in der Nähe des Terroristen-Gefängnisses leben. Und siehe da, man spricht über Baader und Blumen in einem Atemzug.

Nein, eine historisch belastbare Generalthese über die Bedeutung der RAF für die BRD will die Ausstellung nicht formulieren. Gerhard Richters Fotoserie, auf der die Täterbilder verwischt sind, kann als Leitbild interpretiert werden: Noch wissen wir nicht, welche Botschaft überdauern wird. Die bleierne Zeit hat ihre letzte Kontur noch nicht erhalten.

Der Streit vom Sommer 2003 war in weiten Teilen unsachlich, weil er von einer fiktiven, niemals geplanten und niemals realisierten Ausstellung handelte. Was nun in den Kunst-Werken zu sehen ist, kann als "Re-Entry" bezeichnet werden, als Wiedereintritt der Öffentlichkeit in die Öffentlichkeit vermittels der Bilder vom Terror. Terroristen bleiben indessen Terroristen, an ihrer viel beklagten Geschlechtsumwandlung zu Popstars nimmt die Ausstellung nicht teil.

Und deshalb schimpft Peter Weibel weiterhin gegen den Entzug der öffentlichen Förderung, als wäre das Vokabular der sechziger Jahre nicht allmählich aus der Mode.

"Wenn das in Amerika passieren würde, hätten alle geschrieen, das ist ein undemokratisches Land... Nicht-Förderung heißt einfach Unterdrücken-Wollen: Das soll nicht stattfinden. Das hätte auch nicht stattfinden können, hätten nicht die Künstler durch ihre Aktionsteilnahme diese Ausstellung ermöglicht. Dafür ist das Wort Diffamierung ein sehr gelindes Wort. Man könnte auch sagen, wenn Sie es gern hören wollen, Repression".

Service:

Die Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung" ist bis zum 27.3.2005 in den Kunst-Werken Berlin zu sehen.
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