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31.1.2005
14 Goyas für "Mar Adentro"
Verleihung des spanischen Filmpreises "Goya" in Madrid
Von Wolfgang Martin Hamdorf

Mit "Mar adentro" auf Goya-Jagd: Javier Bardem erhielt den Goya für die beste männliche Hauptrolle; Regisseur Alejandro Amenabar für den besten Film, Regie und Originalmusik; Schauspielerin Belen Rueda als beste Neuentdeckung (Bild: AP-Archiv)
Mit "Mar adentro" auf Goya-Jagd: Javier Bardem erhielt den Goya für die beste männliche Hauptrolle; Regisseur Alejandro Amenabar für den besten Film, Regie und Originalmusik; Schauspielerin Belen Rueda als beste Neuentdeckung (Bild: AP-Archiv)
Die "spanische Oscar-Verleihung" ist die Feier der "Premios Goya", die nach dem bekannten spanischen Maler benannten spanischen Filmpreise. Bei der Zeremonie am Sonntag war ein Film klarer Favorit: "Mar Adentro" von Alejandro Amenabar bekam 14 Goyas - Rekord! Und auch der deutsche Regisseur Fatih Akin kann eine weitere Trophäe in den Schrank stellen...

"Mar Adentro" (Das Meer in mir) erzählt von einem langen Kampf um ein menschenwürdiges Sterben und beruht auf einer authentischen Geschichte: 25 Jahre lang versuchte der nach einem Badeunfall vollständig gelähmte Galizier Ramón Sampedro seine Vorstellung vom eigenen menschenwürdigen Tod vor den spanischen Gerichten durchzusetzen. Nach dem Scheitern aller legalen Wege nahm er sich im Januar 1998 mit Hilfe einer Freundin das Leben.

In der katholisch geprägten spanischen Gesellschaft sorgte der Fall für eine ebenso engagierte, wie emotional geladene Diskussion über die aktive Sterbehilfe. Knapp sieben Jahre danach hat der 32-jährige Regisseur Alejandro Amenabar die Geschichte von Ramón Sampedro in die spanischen Kinos gebracht - "Mar Adentro" ist ein Film, der ganz besonders durch die Kraft seiner Schauspieler lebt.

Für seine beeindruckende Darstellung des fast 30 Jahre älteren Ramón Sampedro erhielt der spanische Schauspieler Javier Bardem den Goya für die beste Darstellung. Für den 36-jährigen war es eine der anspruchvollsten Rollen seiner bisherigen Laufbahn:

Ich glaube, keine Rolle kann dein Leben wirklich grundlegend ändern, aber sie kann dir noch manche Fragen beantworten und eine der wichtigsten Fragen ist die nach dem Tod, zunächst einmal will ja eigentlich keiner sterben, aber die Art und Weise, wie sich Ramón Sampedro dem Tod genähert hat, wie er sie in seinen Schriften thematisiert, hat mir auch persönlich geholfen. Ich bin Schauspieler, aber ich bin auch sehr egozentrisch und der Tod stellt doch letztendlich alles in Frage.

"Mar Adentro" erhielt 14 Goyas - ein Rekord in der bisherigen Geschichte der Preise. Alejandro Amenabar erhielt neben dem Regiepreis auch die Auszeichnung für die beste Originalmusik, in seinen bisherigen vier Filmen hat er die Musik selbst komponiert.

"Mar Adentro" ist für Alejandro Amenabar kein Manifest zur Sterbehilfe, sondern erzähle ein politisches Thema über die Gefühle der Hauptperson und seiner engsten Angehörigen in einer aussichtslosen Situation - eine lokale Geschichte, aber mit allen Elemente des Gefühlskinos universell verständlich. Wie in seinen bisherigen Filmen überträgt Alejandro Amenabar klassische Genreelemente auf die spanische Realität:

Ich glaube, das ist eine gute Kombination, das gilt auch durchaus für andere spanische Filmemacher: wir lehnen das Genrekino, wir lehnen das kommerzielle Kino nicht ab, aber unser Grundton ist persönlich. Ich halte das für die perfekte Kombination, denn so entstehen frische, persönliche Filme, die den Leuten gefallen. Ich sehe das auch im Gegensatz zu Hollywood, wo Filme entstehen, bei denen ausschließlich an ein Massenpublikum gedacht wird, aber das einzige was dabei herauskommt, sind koffeinfreie Filme, wo man immer den Eindruck hat, das habe ich doch schon hundertmal gesehen.

Bei dem durchschlagenden Erfolg von "Mar Adentro" gerieten die anderen Favoriten fast in Vergessenheit.

In "La mala educacion" (Die schlechte Erziehung) erzählt Pedro Almodovar eine auf drei Zeitebenen konstruierte Suspense-Geschichte um Kindesmissbrauch in einer Klosterschule während der Franco-Diktatur und den emotionalen Verstrickungen von Opfer und Tätern in den achtziger Jahren. Der melodramatische Thriller hatte an den spanischen Kinokassen längst nicht den Erfolg früherer Filme Almodovars gehabt und ging - für vier wichtige Goyas nominiert - am Ende leer aus.

Bei einer großen Bandbreite der Themen und Stilrichtungen, vom überdrehten schwarzen Humor bis zum Action-Kino setzt sich der spanische Film verstärkt mit den Schatten von Gegenwart und Vergangenheit auseinander - das zeigte sich auch an anderen Goya-Nominierungen: Mehr oder weniger gelungene Filme über die Gewalt im Baskenland, oder "El septimo dia" (Der siebte Tag), in dem Altmeister Carlos Saura die wahre Geschichte einer blutigen Dorffehde in Andalusien aus den 90er Jahren als Parabel für eine latent vorhandene Gewalt vor dem Hintergrund einer kollektiven Erinnerung an Bürgerkrieg und Repression inszeniert.

Auffällig ist der Anstieg spanischer Dokumentarfilme in den letzten drei Jahren, auch hier in einer grossen Vielfalt der Ausdruckformen - vom plakativen politischen Manifest, bis hin zur subtilen, sehr persönlichen Auseinandersetzung mit der eigenen und gesellschaftlichen Realität Spaniens. Auf den Anstieg des Dokumentarfilms hat die Akademie bis heute nicht adäquat reagiert - nur ein Goya wird bisher für das dokumentarische Genre verliehen.

Es war eine ruhige Gala, die im Gegensatz zu den letzten Jahren nicht von tagespolitischen Streit beherrscht wurde. Auch das Verhältnis zwischen der Filmbranche und der Politik hat sich offensichtlich entspannt, mit dem seit wenigen Monaten amtierenden sozialistischen Premier José Luis Zapaterto nahm zum ersten Mal in der Geschichte der Goyas ein spanischer Regierungschef an der Preisverleihung teil.

Fortgesetzt hat sich allerdings die Erfolgssträhne des deutschen Films: im letzten Jahr war es Wolfgang Beckers "Good bye, Lenin!", dieses Jahr gewann "Gegen die Wand" von Fatih Akin den Goya für den besten europäischen Film.

Mit dem überraschend klaren Votum gibt die spanische Filmbranche "Mar Adentro" auch Rückenwind für die Oscars, bei denen er für die beste Maske und den besten nicht englischsprachigen Film nominiert ist.

Gleichzeitig verdeutlichen die 14 Goyas für Amenabars Film aber auch die schwierige Situation des spanischen Film. Trotz ingesamt steigender Besucherzahlen in spanischen Kinos und trotz des grossen Erfolges von "Mar Adentro" hat der spanische Film im Jahr 2004 drei Millionen Zuschauer an die Konkurrenz aus den USA verloren. Unter diesen Vorzeichen endete die Gala der Goyas am frühen Morgen um halb zwei mit dem energischen Aufruf der Moderatoren der Gala, Schauspieler Antonio Resines und seine Kollegin Maribel Verdú, an das spanische Publikum, beim Kinobesuch die spanischen Filme nicht zu vergessen.
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