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31.1.2005
Treibhauseffekt - alles Lüge?
Michael Crichtons umstrittener Ökothriller "Welt in Angst"
Von Kolja Mensing

US-Bestsellerautor Michael Crichton (Bild: AP-Archiv)
US-Bestsellerautor Michael Crichton (Bild: AP-Archiv)
Das Weiße Haus dürfte seine Freude daran haben: US-Bestsellerautor Michael Crichton behauptet in seinem neuen Buch "Welt in Angst", dass die These von der globalen Klimaerwärmung nur Gräuelpropaganda von skrupellosen Umweltaktivisten sei. Jetzt hat er sich quasi in die Höhle des Löwen gewagt und wirbt für sein Buch in Deutschland, das sich bekanntlich dem Klimaschutz verschrieben hat.

Vom Treibhauseffekt hat jeder schon etwas gehört: Der CO-2-Ausstoß der Industrienationen führt dazu, dass die Erdatmosphäre sich erwärmt - und die Durchschnitttemperaturen in den nächsten Jahren spürbar steigen werden.

Auch Michael Crichton war beeindruckt, als er Ende der Achtzigerjahre zum ersten Mal vom "global warming" hörte. Doch dann bekam der amerikanische Schriftsteller, der durch Wissenschaftsthriller wie "Jurassic Park" oder "Beute" berühmt geworden war, plötzlich Zweifel.

"Es war nur ein Zufall. Ich sah mir eine Tabelle mit Temperaturdaten an und stellte überrascht fest, dass die Werte längst nicht in dem Ausmaß anstiegen, wie immer wieder behauptet wurde - und dass es offenbar sehr, sehr große Ungenauigkeiten in den Ergebnissen der Klimaforscher gab."

Also begann Crichton sich in die Materie einzuarbeiten - und zwar gründlich.

Nach mehr als vier Jahren Recherche hat er jetzt seinen neuen, extrem meinungsstarken Roman "Welt in Angst" veröffentlicht, in dem er die Theorie von der globalen Erwärmung scharf angreift - und zur reinen Gräuelpropaganda erklärt.

"Natürlich haben wir Probleme, aber sie werden kaum dadurch gelöst, dass wir in Panik verfallen. Das ist einfach keine gute Voraussetzung, abgewogene und vernünftige Entscheidungen zu fällen. Wir sollten auf gar keinen Fall Ängste schüren, solange das nicht wirklich angebracht ist - und in den meisten Fällen ist es das meiner Meinung nach nicht!"

Pünktlich zum Erscheinen der deutschen Ausgabe von "Welt in Angst" ist Michael Crichton jetzt in Berlin eingetroffen.

Ein Langstreckenflug und ein Tag voller Interviews scheinen ihm nicht besonders viel auszumachen. Entspannt lehnt er sich in einem der Sessel im Hotel Adlon zurück, nippt an seinem Kaffee, und erklärt, warum er trotzdem kein Sachbuch geschrieben hat.

"Ich habe durchaus darüber nachgedacht und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass einfach mehr Leute dieses Buch lesen würden, wenn es ein Thriller wäre. Außerdem ist die Aussage dieses Buches so kontrovers, dass ich das Gefühl hatte, die Leser könnten einfacher folgen, wenn ich sie in einem fiktiven Kontext aufbereiten würden."

Also gibt es zwar Fußnoten, eine endlose lange Literaturliste und jede Menge Erklärungen zur vermeintlich großen Lüge vom Klimawandel - aber auch filmreife Actionszenen: In der Antarktis sprengen Ökoterroristen gewaltige Eisbrocken aus Gletschern und versuchen, die Küste Kaliforniens mit einem künstlich ausgelösten Tsunami zu überfluten.

Ein kleines Team unter der Führung eines Geheimdienstagenten versucht, diese Anschläge zu verhindern - und findet heraus, dass die Umweltlobby ihre Finger im Spiel hat: Horror-Schlagzeilen in den Medien sollen die Spendengelder zum Fließen bringen.

"Die meisten Leuten werden mich vermutlich für einen rechten Spinner halten - egal, ob mit Fußnoten oder ohne. Aber was soll ich machen?"

Diese Industrieanlage hat bestimmt keine Auswirkung auf das Klima. Wer Gegenteiliges behauptet, ist ein böser Umweltaktivist - sagt Michael Crichton. (Bild: AP)
Diese Industrieanlage hat bestimmt keine Auswirkung auf das Klima. Wer Gegenteiliges behauptet, ist ein böser Umweltaktivist - sagt Michael Crichton. (Bild: AP)
Auf jeden Fall liest sich Michael Crichtons Roman über weite Strecken eher wie ein Manifest - und nicht wie ein Thriller. Auf rund 600 Seiten entpuppt sich der organisierte Umweltschutz als groß angelegte Verschwörung - und die These von der "globalen Erwärmung" wird als reine Schutzbehauptung korrupter Umweltaktivisten und vermeintlich engagierter Politiker entlarvt.

Politisch korrekt ist das nicht. Die liberalen Medien Amerikas haben "Welt in Angst" darum auch beinahe einmütig verrissen. Dafür müsste George Bush, dessen Regierung sich bekanntlich standhaft weigert, das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben, dieses Buch eigentlich lieben.

"Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich diese Position wirklich einnehmen will. Ich war immerhin 62 Jahre alt, ich hatte ein interessantes Leben geführt, und ich brauchte diese Art von Ärgernissen eigentlich nicht, die mit der Veröffentlichung des Buches einhergehen würde. Aber dann wurde mir klar, dass ich es einfach schreiben musste."

Michael Crichton hat sich vorerst von dem spielerischen Umgang mit der Naturwissenschaft verabschiedet, für den seine Fans ihn seit über dreißig Jahren geliebt haben. Jetzt geht es ihm darum Recht zu haben.

Auch in Deutschland stellt er seinen Roman in diesen Tagen darum wohl nicht einfach nur vor, sondern wird ihn öffentlich verteidigen müssen.

In einem Land, in dem das Bekenntnis zum Klimaschutz längst zum guten Ton gehört, dürfte das spannend werden - selbst wenn Michael Crichton sich in der Rolle des Provokateurs nicht besonders wohl fühlt.

"Die Erfahrung, auf breiter Front für seine Überzeugungen angegriffen zu werden, ist sicherlich recht interessant... Ich nehme an, die meisten Menschen ziehen es vor, gemocht zu werden. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, das mein Buch ein Beitrag zu einer Debatte ist, die sich längst noch nicht erledigt hat - und ich hoffe, dass es in dreißig Jahren nicht einfach nur eine ironische Fußnote ist."

Service:

Michael Crichton: "Welt in Angst"; aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Karl Blessing Verlag, München 2005. 603 S., 24 Euro.
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