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31.1.2005
Deutschland - Nation der musikalischen Analphabeten?
Jahrespressekonferenz der Deutsche Orchestervereinigung
Ein Kommentar von Uwe Friedrich

Musikalische Analphabeten? (Bild: AP)
Musikalische Analphabeten? (Bild: AP)
Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) beklagt eine mangelnde musikalische Förderung von Jugendlichen. Immer mehr Kinder in Deutschland seien musikalische Analphabeten, erklärte DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens in Berlin. Sie könnten nicht mehr richtig singen, geschweige denn ein Instrument spielen. Verantwortlich seien die Schulen, an denen der Musik-Unterricht immer weiter zurückgehe.

Unsere Orchester haben es schon schwer. Ob groß oder klein, alle stöhnen unter dem Spardruck der öffentlichen Haushalte. Selbst bei den erfolgsverwöhnten Berliner Philharmonikern wird mit dem spitzen Stift gerechnet, viele kleine Orchester wissen wirklich nicht, wie sie die laufenden Kosten bestreiten sollen.

Früher waren die meisten Orchester den Stadtverwaltungen als untere Behörden angegliedert, und so lag es nahe, dass Anfang der Neunziger Jahre die Rechtsformumwandlung als Allheilmittel gegen die vielfältigen Probleme galt. Als Gesellschaften mit beschränkter Haftung sollten sie sich freimachen von der schwerfälligen Bürokratie, sollten ihre Belange unbeschwert vertreten und nebenbei eine Menge Geld einsparen. Also wurden in den letzten fünfzehn Jahren 63 Orchester in GmbHs, Eigenbetriebe, Vereine oder Stiftungen umgewandelt.

Auch Orchesterfusionen erfreuen sich vor allem im Osten großer Beliebtheit, davon zeugen all die Doppelnamen wie Altenburg-Gera, Nordhausen-Sondershausen, Neubrandenburg-Neustrelitz. Demnächst werden noch in Halle an der Saale das Opernorchester und das Symphonieorchester zu Deutschlands zweitgrößtem Klangkörper mit 152 Planstellen zusammengeführt. Danach wird die Fusionswelle jedoch mit Sicherheit in naher Zukunft abebben. schon alleine, weil keine geeigneten Orchester mehr in der Nachbarschaft existieren.

Ziemlich häufig hat jedoch auch dieses Mittel nichts genutzt: Seit 1990 wurden 27 Orchester aufgelöst. Inzwischen setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch die schönste Rechtsformänderung nicht hilft, wenn das nötige Geld für den Spielbetrieb fehlt. Einige Orchester sind inzwischen sogar schon wieder in städtische Trägerschaft zurückumgewandelt worden.

Jetzt möchte der Deutsche Bühnenverein, also die Arbeitgebervertretung, an die Tarifverträge ran. Die Reform des starren TVK, des Tarifvertrags Kulturorchester, sei dringend geboten. Es geht um die Dauerstreitthemen Bezahlung von Aushilfen, Zeitverträge und Kündigungsschutz. Dazu ist zu sagen, dass in der Tat gerade die Orchester in den letzten Jahren viele kostspielige Privilegien angehäuft haben.

Andererseits hat sich eben diese starre Haltung der Orchester als Bollwerk gegen bereits geplante Theaterschließungen erwiesen. An den Orchestern hat sich schon mancher Sparpolitiker die Zähne ausgebissen, weil die fälligen Entschädigungen unvorstellbar hoch gewesen wären. Kein Wunder, dass die Deutsche Orchestervereinigung am Flächentarif festhalten möchte. Kein Wunder auch, dass man das beim Deutschen Bühnenverein ganz anders sieht. Fest steht jedenfalls, dass der neue Orchestertarifvertrag in diesem Jahr noch nicht abgeschlossen wird. Am neuen Theatertarifvertrag wurde schließlich auch zehn Jahre lang herumverhandelt.

Immerhin sind sich alle einig, dass die Orchester sich selber um ihren Zuhörernachwuchs kümmern müssen. Trotz allen Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden nach dem Pisa-Schock wird immer noch am liebsten am Musikunterricht gekürzt, und so müssen sich eben die Profimusiker um die alleingelassenen Schüler kümmern.

Seit Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern das britische Modell der Musikvermittlung nach Deutschland gebracht hat, setzt sich die Erkenntnis durch, dass selber komponieren, musizieren oder tanzen viel aufregender ist als in einem drögen Konzert einzelne Instrumente theoretisch erklärt zu bekommen. Doch auch hier gilt, ein wirklich gutes musikpädagogisches Programm ist aufwendig und teuer, das kann sich nicht jedes Orchester leisten. Und so bleibt die Grundfrage: Wie viel Geld ist uns die Zukunft unserer Orchester eigentlich wert?

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