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1.2.2005
Einwanderer als Teil der französischen Geschichte
Frankreich errichtet ein Museum für Immigration
Von Björn Stüben

Kinder von Einwanderern: Junge Männer in Marseille. (Bild: AP)
Kinder von Einwanderern: Junge Männer in Marseille. (Bild: AP)
In Frankreich soll es bald ein Museum für Immigration geben. Momentan existiert zwar nur eine Internetseite, die auf das künftige Museum verweist, aber immerhin gibt es ein Dekret des Staatsrates zur Einrichtung des Museums. Dieses soll die Geschichte der Immigranten auch als Teil der Geschichte Frankreichs darstellen.

"Unsere Vorfahren, die Gallier? Ja sicher, aber auch die Römer, die Franken und die Normannen. Die Mischung verschiedener Völker gab es schon immer in unserem Land."

Noch präsentiert sich das zukünftige französische Nationalmuseum für die Geschichte der Immigration lediglich im Internet. Von mehreren Pariser Regierungen bereits angedacht, ist jetzt seine Gründung per Dekret endgültig vom Staatsrat bestätigt. Die praktische Arbeit kann also beginnen. Und die besteht hauptsächlich erst einmal darin, einen alten prachtvollen, aber seit kurzem leer stehenden Pariser Museumsbau zu renovieren und umzubauen.

1931 als stolzes Palais für die Kunst aus den französischen Kolonien im Pariser Südosten errichtet, diente es anschließend vierzig Jahre lang als Museum für afrikanische und ozeanische Kunst. Seine Vergangenheit wird es aber auch in Zukunft nicht verleugnen. Glückliche Südseebewohner und blühende afrikanische Landschaften strahlen weiterhin farbenfroh in Freskotechnik und im monumentalen Malstil der 1930er Jahre von den Wänden riesiger Säle. Ein Ort wie geschaffen für die Rede des französischen Premierministers Jean-Pierre Raffarin, der hier im Sommer letzten Jahres vor erlesenem Publikum seine Idee vom Immigrationsmuseum wortgewaltig darlegte.

"Frankreich will seine Geschichte genau betrachten. Die Regierung, der ich vorstehe, hat sich der Wahrheitsfindung verschrieben. Es geht um die Geschichte und auch die Zukunft unseres Landes. Wir haben nicht das Recht, die Immigration lediglich als einen Schub von Arbeitskräften zu sehen und schon gar nicht, sie auf eine Quelle für soziale Probleme zu reduzieren."

Frankreich ist ein Einwanderungsland und das einzige in Europa, das, wie auch die USA, auf eine über zwei Jahrhunderte alte Geschichte der Immigration zurückblicken kann. Und genau dies hat die französische Regierung mit dem neuen Museum im Sinn. Der ehemalige Kulturminister Jacques Toubon leitet das ehrgeizige Regierungsprojekt, das die Immigration als einen der Grundpfeiler der "Grande Nation" darstellen soll.

Jacques Toubon: "Wir werden in unserem neuen Museum erzählen und erläutern, welchen Beitrag die Immigration und die Einwanderer durch die Jahrhunderte zur Konstruktion der französischen Nation geleistet haben. Ein Museum unterstreicht immer den Wert eines Kulturgutes und die Immigration ist hiervon ein wichtiger Bestandteil. Wir haben natürlich keine Objekte, die sonst zu einer Museumssammlung gehören, wie etwa Kunstwerke. Dennoch haben wir eine Art Sammlung, in der jahrzehntelang zusammengetragen wurde, was im Gedächtnis der Immigration aufbewahrt wird, das können Filme sein, Fotos oder einfach nur Dokumente."

1970 in einer südlichen Pariser Vorstadt. Hier drängeln sich vor allem die Einwanderer aus Afrika. Sie hoffen auf ihre Arbeitserlaubnis und ein besseres Leben. Ein französischer Reporter hat sein Mikrofon mitgebracht.

"Warum kommt man nach Frankreich",
fragt der Journalist. Die Antwort:
"Wegen der Arbeit und um Geld zu verdienen zum Leben."
"Aus welchem Land kommen Sie?"
"Ich komme aus Mali."
"Und wie lange bleibt man in Frankreich?"
"So etwa zwei bis drei Jahre…"


Szenenwechsel. Im Winter 1977 ist die Arbeitslosigkeit in Frankreich besonders hoch, doch die Regierung zeigt sich spendabel, wie in den 20-Uhr-Nachrichten gemeldet wird:

Die Regierung habe beschlossen, heißt es, einer Millionen Fremdarbeitern eine besondere Hilfe zukommen zu lassen. Diejenigen unter ihnen, die schon länger als fünf Jahre in Frankreich seien und sich bereit erklärten, in ihre Heimat zurückzukehren, bekämen einmalig umgerechnet 1500 Euro und ihre Rückreisekosten bezahlt.

Ton- und Filmdokumente wie diese sind für die ständige Ausstellung und das historische Forschungszentrum des neuen Museums geplant. Das Thema der Immigration soll hier von allen Seiten durchleuchtet werden, sicher auch, um Vorurteile zu beseitigen. Wer waren und wer sind die Immigranten? Woher kommen sie? Wie viele sind es?

Französische Schülerinenn in Aubervilliers, nördlich von Paris (Bild: AP)
Französische Schülerinenn in Aubervilliers, nördlich von Paris (Bild: AP)
Von den 4,3 Millionen Immigranten, die heute in Frankreich leben, stammen 45 % aus Europa, 40 % von ihnen kommen aus Afrika. Den intensiven Blick auf Geschichte und Gegenwart der Immigration möchte Jacques Toubon auch für das politische Handeln nutzen.

"Wenn wir in den kommenden Jahren die Einwanderer besser empfangen und auch integrieren wollen, müssen wir uns anschauen, wie es einst denjenigen erging, die heute Franzosen geworden sind. Mann muss verstehen, warum es funktioniert hat, warum es auch Konflikte gab, weshalb manche erfolgreich waren, andere aber nicht. Nur so lässt sich eine realistische Vorstellung gewinnen für heute und die Zukunft."

Dass eine Regierung auch daran gemessen wird, inwieweit es ihr gelingt, Zuwanderer dauerhaft in die Gesellschaft zu integrieren, ist bekannt, doch des Premierministers Wunschvorstellungen von der politischen Wunderwaffe "Immigrationsmuseum" schießt vielleicht doch etwas übers Ziel hinaus.

"Dieser Ort soll den Immigranten und ihren Kindern ermöglichen, gemeinsam die eigene Geschichte kennen zu lernen, damit die Erinnerungen an die Immigration weitergegeben werden. Wir möchten ihnen sagen, schaut Euch die Arbeit eurer Väter und die Energie eurer Mütter an - und seid stolz darauf. Ihr Einsatz hat aus euch vollwertige Franzosen gemacht. Eure Wurzeln sind unsere Geschichte!"

Ob die auch in der zweiten und dritten Generation immer noch in den ärmeren Pariser Vorstädten wohnenden Immigranten ihren Weg in das prunkvolle Museum finden werden, um sich ihr Selbstwertgefühl als Franzosen mit Immigrantenstammbaum festigen zu lassen, wird sich erst nach der Eröffnung der "Cité nationale de l'histoire de l'immigration" in zwei Jahren herausstellen. Über den geregelten Zuzug von Immigranten wird sicherlich aber auch noch die nächste französische Regierung heftig debattieren.

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